Ein Beitrag von
Werner Zips
& Angelica V. Marte - Nach Eindrücken aus 2017
Die Seychellen sind eine Ansammlung von 115
Granit- und Koralleninseln, verstreut über eine gigantische
Meeresfläche von 390.000 Quadratkilometern. Entgegen dem
landläufigen Image ist der farbenprächtige Archipel
kein unbewohntes Paradies, sondern ein Staat mit knapp 100.000
Einwohnern und einer ebenso viel-farbigen Kultur. Seine Bewohner nennen
sich Seychellois und ihre Kultur "Kreol".
Ihr Soundtrack ist der unverwechselbare Reggae Kreol, untermalt vom
allgegenwärtigen Meeresrauschen. Wenn Jamaika die Reggae-Insel
ist, dann sind die Seychellen der
Reggae Archipel.
Festival Kreol
Ras Ricky ist nicht mehr zu halten. Mit heraustretender Halsschlagader
springt er vom Dancehall float
- einem Kleinlaster mit Sound System, Selector und Boxentürmen
auf der Ladefläche. Dreadlocks
flashing läuft er mit seinem schnurlosen Mikro
auf die Ehrentribüne zu, begleitet von seiner all female dance crew. Bashment stylee made in
Seychelles. Aus den Boxentürmen des
Karnevalwagens (float)
wummern harte dancehall
beats. Alarmstufe rot bei der versammelten
Politprominenz.
Ras Ricky,
Jakim und Juliah Mary-Ane Jeannewal
Der Vizepräsident und ein guter Teil der
Ministerriege schauen drein wie sweet sour Chop Suey.
Äußerst bemüht, gute Miene zum - zumindest
für manche - bösen Spiel zu machen. Mit seinem neuen
Album Ghetto Desperado
ist der Reggae Artist Mann der Stunde. Seit den Parlamentswahlen im
September 2016 gilt er zudem als public
hero, zumindest für die siegreiche
Oppositionspartei Linyon
Demokratik Seselwa (LDS oder Demokratische Allianz der
Seychellen). Sein Song “Pil Lo Li” war
der Soundtrack der Wahlen. Das dazugehörige YouTube Video
belegt, wie politisch Reggae hier sein kann. Übersetzt
heißt Pil Lo
Li soviel wie "step pon dem" - "steigt ihnen auf die Zehen
und verjagt sie von der Macht" - aber nicht mit Gewalt, sondern durch
Stimmabgabe, wie uns Ras Ricky erklärt.
Ras Ricky
beim Festival Kreol 2017
Die Macht des Tunes war Wegbereiter für den ersten Schritt zum
politischen Machtwechsel. Die Seychellois
Democratic Alliance, wie sie sich auf Englisch nennt,
beendete die fast 40 Jahre währende Alleinherrschaft der
sozialistischen Einheitspartei, Parti
Lepep (Volkspartei). Doch die Regierung wird vom
Präsidenten ernannt und der wird in eigenen Wahlen bestimmt.
Deshalb sitzt auf der Ehrentribüne ein guter Teil des alten
Regimes. Neben den Abgeordneten zum Parlament, die mehrheitlich der
Opposition angehören. Ras Rickys offizielle Teilnahme beim
Festival Kreol gilt als Zugeständnis an sie. Mittlerweile ist
er aufgeladen wie die Reaktorblöcke von Fukujima kurz vor der
Kernschmelze. Kein Wunder, Jahre lang erging es ihm wie Peter Tosh, mit
dem ihn nicht Wenige vergleichen. Wie sein großes
jamaikanisches Vorbild musste er mit ständigen Repressalien
leben, wie er uns am Tag nach seinem großen Auftritt noch
immer sichtlich ausgepumpt erzählt:
Ras Ricky
"Die haben mich immer bekämpft und auf keine
Bühne gelassen. Aber jetzt hat einer meiner
revolutionären Songs zurückgeschlagen. Und die
politische Landschaft der Seychellen verändert. Das war ein
Einparteienstaat, wie es in Afrika viele gibt. Manche glauben, dass es
AK 47, Uzi oder sonst was für Veränderung braucht.
Aber wir haben bewiesen, dass ein Lied genügt, um an die Macht
zu kommen. “Pil Lo Li” war ein Stampfen, aber kein
Aufruf zur Gewalt, vielmehr dazu, Mut zu fassen, um ohne Furcht in eine
Wahlzelle zu gehen. Jetzt habe ich den Text vor der versammelten
Regierung gesungen, das war wie ein Triumph nach einer langen Schlacht.
An diesem Punkt wusste ich: 'Ja, ich bin am Ziel, wir haben gewonnen'.
Und die Typen haben ganz schön geschaut."
Seggae,
Dancehall, Reggae Kreol
Ras Ricky ist nur einer aus der ganzen Armada von Seychellois Reggae Soldiers,
die seit Jahren Alben aufnehmen: Ambitious, Champion, I-Blacka,
Jahrimba, Jakim, Raskidusie, Raspyek, Philip Toussaint, und Xtra Big,
um nur die bekanntesten zu nennen.
Ambitious
Deren Reichweite beschränkt
sich weitgehend auf den Indischen Ozean vor der Ostküste
Afrikas, namentlich auf Mauritius, Reunion, Mayotte, die Komoren und
Madagaskar. Der größte Star heißt Philip
Toussaint. Er nimmt seit 20 Jahren im zwei-Jahres Rhythmus Alben auf.
Sein 10. Album Mersi dankt dem Schöpfer und seiner Massive
für die Inspiration und Treue. In der Nacht nach Ras Rickys
Siegeszug tritt er auf der Hauptbühne beim Festival Kreol vor
mehr als 10.000 begeisterten Fans (über 10 Prozent der
Gesamtbevölkerung) auf. Wie kaum ein Anderer hat er seinen
ganz eigenen Stil entwickelt, der Roots-Reggae mit der traditionellen
Sega Musik vereint. Seggae nennt sich das Resultat und klingt nach
Palmen, Strand und Meer. Feelgood
Music in der Tradition von Alpha Blondy, Lucky Dube, und,
wer sonst, Robert Nesta. Philip ist ein bekennender Catholic Dread,
eine Rarität im Reggae Universum, aber nicht auf den
Seychellen mit über 70 Prozent Katholiken.
Jakim
Raspyek
Darin zeigt sich das Erbe der französischen Okkupation von
1756 bis 1811. Dieser "verdanken" die Seychellen auch ihren Namen, der
auf den Finanzminister des damaligen französischen
Königs, Jean Moreau de Séchelles, verweist. Mit der
englischen Eroberung kam die Abschaffung des Sklavenhandels, einige
Jahre vor der Karibik. De facto dauerte die Sklaverei bis 1838, also
ebenso lange wie auf Jamaika und anderen britischen Karibikinseln.
Somit sind auch die Seychellen aus einer Sklavenhaltergesellschaft
entstanden. Von den rund 7.500 Bewohnern im Jahr 1818 waren rund 90
Prozent Versklavte. Vielleicht liegt darin der wichtigste Grund
für den kulturellen Tsunami, den Reggae in den 1970er Jahren
auf den Seychellen auslöste. Noch heute ist das koloniale Erbe
in Vielem spürbar, zur Zeit der Unabhängigkeit (1976)
waren französische und britische Umgangsformen vorherrschend.
Sprache, Religion, Rechtssystem, Bildungswesen - alles orientierte sich
an den früheren europäischen
Kolonialmächten. Die Konfrontation mit jamaikanischem Reggae
ließ daher keinen Stein auf dem anderen, wie Philip Toussaint
beschreibt:
Philip
Toussaint
"Als wir das erste Mal Marley songs, diese ganzen Revolutionslieder zu
hören bekamen, war jeder Seychellois geschockt: 'Was ist das
denn für eine Botschaft und Musik?' It made like boom!! in
Seychelles. Ich war damals noch sehr jung, aber mir war
sofort klar, dass ich genau diese Musik machen will. Eigentlich wusste
ich kaum was über Rastafari, doch die musikalischen
Botschaften fühlten sich gut und richtig an. Ich
spürte durch die Musik, dass Rastas reinen Herzens sind und
positiv denken. Du musst sie einfach mögen, obwohl ich nie zum
Rasta wurde. Ja, ok, ich trage Dreadlocks, aber das ist nur ein style.
Mir gefallen diese Vorschriften nicht: das musst Du essen und das
darfst Du nicht essen. Ich mag Rastas, aber ich bin ein katholischer
Typ."
Paradise
Burning
Der zweite große Star neben Philip Toussaint ist da schon aus
härterem Holz geschnitzt. Jahrimba versteht sich als
Dreadlocks Rasta durch und durch, mit einer Rude Bwoy flip side, ganz wie
sein Idol Sizzla. Gemeinsam mit seinem Producer und Brethren Xtra Big -
"Di Genius Seychellois" hinter vielen Dancehall Seggae big tunes -
rockt er jedes Venue auf den drei Hauptinseln Mahé, Praslin
und La Digue.
Xtra Big
Wie Sizzla oder Capleton nimmt er sich kein Blatt vor den
Mund. Da wird aus Babylon
Burning schnell mal Paradise
Burning, wie auf dem gleichnamigen Hit auf dem Mission Impossible
Riddim. Mit Texten über die ungleiche Einkommensverteilung und
heuchelnde Politiker (hypocrites),
die dafür verantwortlich sind, macht man sich auch auf den
Seychellen bei den Herrschenden nicht beliebt. Soziale Probleme wie
Armut, Korruption und politische Vetternwirtschaft passen so gar nicht
zum Paradies-Image, das der Inselstaat pflegt. Die Verbreitung von
harten Drogen vor den geschlossenen Augen der Machthaber schon gar
nicht. Die Seychellen haben seit einigen Jahren ein veritables
Heroin-Problem. Seit dem eingeleiteten Machtwechsel ist der Zustrom
harter Drogen weitgehend gestoppt. Doch damit steigen die Preise und
die Beschaffungskriminalität der Süchtigen. Jahrimba
besingt genau diese Schattenseiten, die kaum ein Tourist realisiert. Yah moooon, life in Seychelles
rough sometimes, besonders an Orten wie La
Misère, sowas wie Trenchtown auf den Seychellen, dem
Geburtsort von Jahrimba:
Jahrimba
"Für uns ist das Leben hier ziemlich hart. Ein Rosenbeet ist
dieses Land nur für Wenige, die zum System gehören.
Als Reggae Artist gehöre ich da sicher nicht dazu. Aber ich
habe mich auch von dem alten Regime, unter dem ich 40 Jahre lang leben
musste, nicht einschüchtern lassen. Ich sage und singe immer,
was ich mir denke und mit eigenen Augen sehe. Früher hatten
die Leute Angst, ihre Meinung zu sagen. Doch jetzt haben wir eine gute
Chance auf demokratische Freiheiten. Wenn Du wie ich in La
Misère aufgewachsen bist, kannst Du mit Druck gut umgehen.
Die Seychellen sind zwar nicht wie Jamaika, aber auch hier gibt es
Ghettos. La Misère ist ein französisches Wort, das
so viel wie Armut bedeutet. Aber es ist bei weitem nicht die
heruntergekommenste Gegend auf Mahé. Deswegen nennt sich
unsere Crew auf Kreol Getto Souljahz."
Wie überall auf der Welt bietet Reggae auch auf den Seychellen
einen Spiegel für die "Lage der Nation" an. Wenn sich diese in
Schieflage befindet, würden die dafür
Verantwortlichen den Spiegel am Liebsten umdrehen, wenn nicht gleich
zerschlagen. Doch auch hier konnten sie nicht verhindern, dass diese
Musik den Takt zum kulturellen Herzschlag der
Landesbevölkerung bestimmt. Darin besteht jedenfalls kein
Unterschied zu Jamaika. Doch in einem Punkt wollen sich die Getto Souljahz Seychellois
sehr wohl vom Herkunftsort ihrer Musik abheben. Bei allem Respekt
für die Inspirationsquelle in der Karibik, distanzieren sie
sich unisono von Zwietracht, kleinlichen Konflikten zwischen
Ghettobezirken und Diskriminierung von Frauen und Minderheiten. Nicht,
dass sexy body gal tunes
Künstlern wie Jahrimba völlig fremd wären,
aber Gewalt, Sexismus und Homophobie werden kritisch reflektiert. Das
belegen nicht nur zahlreiche Interviews mit Artists und andere
Gespräche, sondern auch die weithin sichtbare Bereitschaft zur
Zusammenarbeit. Competition
gibt es immer, wo Interpreten um ihr Ansehen und Rang wetteifern, aber
die Prinzipien von Toleranz, togetherness,
unity und One
Love sind gelebte demonstrative Praxis. Dieses
Gemeinschaftsgefühl zeigt sich in der engen Freundschaft
zwischen den Artists, die sich in zahlreichen combination tunes
niederschlägt. So sind mehr als die Hälfte der Lieder
auf Jahrimbas vorjährigem Doppelalbum Douler Lo Zot
Collabos mit einem oder mehreren Artists. Der Gleichheitsgedanke ist
hier geradezu Programm, aller ökonomischen Unterschiede zum
Trotz. Jahrimba sieht darin das wichtigste positive
Vermächtnis des alten Regimes:
"Auf den Seychellen ist es unwichtig, ob Du weiß oder schwarz
bist. Das ist vielleicht das einzig gute, was man über die
frühere Regierung sagen kann. Rassismus war nie ein Problem.
Wir haben keine rassistische Gesellschaft. Darauf bin ich wirklich
stolz. Oneness, one
world, one planet, one universe, das ist doch die Basis
von Reggae. Das entspricht der Rasta livity, wie ich sie mir vorstelle.
Und das ist auch die wichtigste Botschaft meiner Musik, die mich das
Leben auf den Seychellen gelehrt hat. Wir sind ein total gemischtes
Land. Da ist Zusammengehörigkeit eine ständige
Erfahrung. Das ist nichts, was wir uns erst in der Theorie vorstellen
müssen. Wir leben unity
seit wir denken können, zumindest seit der
Unabhängigkeit. Deshalb ist es für mich so
selbstverständlich, über 'one love, oneness, one aim,
one destiny, one world, one people, one blood' zu singen. Yah moon,
that´s it."
Frauen waren und sind in Seggae, Dancehall Sega und Reggae Kreol
unterrepräsentiert. Mit Ausnahme der Queen of Sega,
Sandra, haben es nur wenige zu eigenen Alben gebracht. Über
Collabos mit den bekannten männlichen Künstlern, aber
auch mit den wenigen Frauen untereinander, arbeiten sich
Künstlerinnen wie Telsy langsam an die kleine recording industry
des Indischen Ozeans heran.
Mon Lekspresyon -
die
Stimmen der Frauen
Auf Telsys neuester CD Mon
Lekspresyon lässt sich an den unterschiedlichen Genres von R n
B bis zu Reggae die Vielfalt ihrer Ausdruckskraft (Lekspresyon)
erkennen. Mit dem Albumtitel will Telsy anderen Musikerinnen Mut
machen. Die wenigen Frauen im music
biz begründet Telsy mit dem Fehlen von lokalen,
female role models. „Wenn Du eine Konkurrentin hast, ist das
immer gut, weil es dich antreibt, besser zu werden.“ Die
singenden Frauen verstehen Konkurrenz im lateinischen Sinne concurrere richtig
als “zusammen gehen”. Solidarität,
sisterhood, gemeinsame Collabos sind für Telsy daher der
Königsweg zu mehr Erfolg: „Ich lade andere
Künstlerinnen ein, mit mir zu arbeiten und ihr Talent
einzubringen. Es ist wirklich cool mit Frauen zusammen zu arbeiten,
nicht immer nur mit Männern.“ Für Telsy
heißt female
power, sich alles zuzutrauen: “Was
Männer erreichen können, können auch Frauen
erreichen.” Es geht darum, sich nicht mehr alleine zu
fühlen, und allgemein um Austausch, gemeinsames Bewusstsein,
Sichtbarkeit.
Telsy
Eindrucksvoll zeigt sich das bei Sandra Esparon, die auf den Seychellen
der unumstritten größte weibliche Star ist. Das
merkt man nicht nur bei ihrer Eröffnung des Festivals Kreol
mit ihrem Seggae tune Nou
Identite - unsere Identität - mit dem sie 2013
den 28. Festival Kreol
song competition gewonnen hat. Sie tritt in dem
zweiwöchigen Festival insgesamt dreimal auf. Ihre Massive
umfasst gut drei Generationen und kennt jedes Wort ihrer songs. Wie
Gregory Isaacs in alten Tagen muss sie nur die Kennmelodie anstimmen
und kann ihren tropischen Cocktail von Reggae, Seggae, Moutya
und Dancehall
dann dem begeisterten Auditorium (zum Mitsingen) überlassen.
Die heute 28-jährige Sängerin aus Takamaka, dem Ort
mit der einzigen einheimischen Seychellen Rumproduktion, schafft es als
einzige female artist
seit 13 Jahren von ihrer Musik zu leben – nicht auf allzu
großem Fuß, aber gut genug für ihre
Ansprüche ans Leben, wie sie es selbst umschreibt. Eine
Erklärung für diesen respektablen Erfolg in dem
überschaubaren lokalen Musikmarkt könnte das
Management sein: ihr unermüdlicher Vater, der Vorsitzende der Seychelles Music Association,
die es sich zum Ziel gesetzt hat, die lokale Musik zu fördern
und international zu promoten. Zwischen den Welten von Kirchenchor und
der Band Dezil
pendelnd, wurde die 15-jährige Sandra mit dem Song San ou (La Rivière)
vom französischen Producer Philippe Besson entdeckt und
brachte es sogar in Frankreich 2006 zu einem kleinen Sommerhit von
Seychellenträumen.
Mikhail
feat. Sandra Esparon & Beton - Fall Inlove
Mehrere Awards (französische Diva de
l’Océan Indien (2014, 2015), Prix du meilleur chanson
d'Airtel Music Award Seychelles 2017), 24 Solokonzerte,
seit 2010 vier Solo-Alben im Zweijahres-Rhythmus später
beschreibt ihr Vater sie als eine energiegeladene und sehr
disziplinierte Künstlerin, die keine Auftrittschance
auslässt. Das drückt sich auch in ihrer social
responsibility aus: „Wenn Du Gewinn machst, muss du einen
Teil davon der Gemeinschaft zurückgeben.“ Diese
kommunale Lebenshaltung zeichnet die Rollenvorstellungen der meisten female artists aus.
Ihr melodischer Stil hört sich anders an als ihre male counterparts,
die zumindest manche Facetten der Dancehall Kultur stärker
ausleben. Seychelloise
female artists scheinen sich fürs erste eher
für das Feiern des Lebens und der Liebe zuständig zu
fühlen. „Auf den Seychellen werde ich oft
für Hochzeiten, Partys und Shows gebucht“,
erklärt sie lächelnd. Fragt man sie nach ihrer
Zukunft, fällt sofort ihr Vorbild Beyoncé und die
Vision einer internationalen Karriere. Erste Schritte in den
näheren Umkreis wie Reunion, Mauritius und Madagaskar hat sie
schon gemacht. Ein weiterer Höhepunkt war ihr Auftritt als opener für
Etana kurz nach dem Festival Kreol in der Hauptstadt Victoria. Ganz
nach dem Motto der Seychellen unity
in diversity sind die gemeinsamen Projekte mit Artists aus
dem Reggae Universum höchst willkommen. Und dazu gibt es immer
mehr Gelegenheit, wie die gefeierten Shows von Gentleman im April 2017,
Beenie Man und vielen anderen beweisen.
Moutya - die
lokalen Wurzeln von Reggae Kreol
Es ist kein Zufall, dass die wichtigste weibliche Interpretin im Sega
verwurzelt ist und nur gelegentliche Ausflüge in
Reggae-Gefilde unternimmt. Denn der Sega entstammt einer
Weiterentwicklung der ursprünglichen Ausdrucksform (Lekspresyon) der
Versklavten: Moutya. Über die Herkunft des Namens gibt es
widersprüchliche Interpretationen, die afrikanischen Wurzeln
der Musik sind unbestritten. Sie spiegelt die vielfältige
ethnische Herkunft der im 18. Jahrhundert von den ersten Siedlern
mitgebrachten Versklavten wider. Moutya wurde zum Medium der
Kommunikation und des Widerstandes gegen Sklaverei. Es ist eine Musik,
die im Geheimen entstand und gepflegt wurde. Frauen gaben ihr - wie in
vielen afrikanischen und karibischen Gesellschaften (zum Beispiel bei
den Maroons in Jamaika) die Stimme. Als Vorsängerin im Call and Response-Gesang
bestimmen sie den Content
und die Stimmung der Gemeinschaft. Der Inhalt der Lieder kann von
Alltags- und Liebesgeschichten bis zu Klageliedern und Aufrufen zum
offenen Widerstand variieren. Judette Volère,
Sängerin der Latanier Moutya-Group und eine der
ausdrucksstärksten Moutya Sängerinnen der Gegenwart,
sieht in der Moutya die authentische Musik der Seychellen:
"In den Tagen der Sklaverei trafen sich die Sklaven nach der Arbeit, um
sich ihr Leid auf den Plantagen zu klagen. Das ist der Beginn von
Moutya. Moutya-Lieder handeln vom schweren Schicksal der Sklaven, all
ihren Sorgen und Problemen. Das verstehen wir unter Moutya: unsere
eigene Stimme. Deshalb ist Moutya so wichtig für uns. Das ist
unsere eigentliche Kultur, nicht Sega, nicht R and B, nicht Jazz. Die
Seychellen sind das Land von Moutya."
Moutya
Dem zollt auch der Reggae Archipel Tribut. Bei den wenigen
großen Live-Shows des Inselstaates darf die Moutya im
Vorprogramm nicht fehlen. Reggae und Moutya sind zwei nahe Verwandte,
ähnlich wie Nyahbinghi und Reggae. Beide halten das Feuer am
Leben. Unbeirrt von der Hitze der Flammen hält der Altmeister
Ilris Marie seine Tambour
Moutya über den brennenden Scheiterhaufen. Damit
wird die Bespannung aus Ziegenhaut gestimmt. Die Trommel soll
stakkato-artige Klänge hervorbringen. Ihr
schweißtreibender Rhythmus symbolisiert den afrikanischen
Herzschlag des Inselarchipels. Der zahnlose Altmeister
genießt sichtlich den Moment der Aufmerksamkeit. Jetzt ist er
wieder der Star seiner Jugendtage: "Die Moutya-Trommel hat mir viel
Verehrung eingebracht", sagt er verschmitzt am nächsten Tag am
türkisblauen Strand. Wer die Tänze am Vorabend
mitverfolgt hat, kann sich vorstellen, worauf Ilris anspielt. Beim
Musikfestival auf Praslin, der zweitgrößten
Seychelleninsel nach Mahé, dominieren zwar Reggae, Sega und
die diversen Mischformen, aber die alten Traditionen aus der Sklaverei
heizen die Stimmung immens auf. Ilris begleitet mit anderen Trommlern
und Perkussionisten den Lead-Gesang von Judette Volère.
Für viele sind die lasziven Lieder der Moutya Band der
Höhepunkt des kreolischen Festivals. Wer den Ton ausblendet
und nur die Tänze betrachtet, fühlt sich in eine
jamaikanische Dancehall versetzt. Mag schon sein, dass auch hier
jamaikanische Daggering-Videos Verbreitung fanden, aber die
Tänze am Strand, abseits der Bühne waren wohl schon
früher auch Medien der Partnervermittlung - eine Art traditional Parship.
Dabei wird deutlich, dass die Seychellen weit mehr sind als ein
bloßer Urlaubstraum im indischen Ozean. Sie sind ein
überaus vitaler Inselstaat, der in vielen Aspekten an die
Karibik erinnert. Allen voran im allgegenwärtigen Rasta-Reggae
mit lokalen Sega-Dancehall Elementen. Sie liefern den Soundtrack
für das Inselleben, dessen kulturelle Vielfalt einzigartig und
der viel gepriesenen biologischen Diversität mehr als
ebenbürtig ist. "Einheit in Vielfalt" gilt auf den Seychellen
nicht bloß als offizielles Staatsmotto. Sie wird von der
Gesamtbevölkerung als Grundlage der friedlichen Koexistenz und
wirtschaftlichen Entwicklung verstanden. Damit kann der Inselarchipel
als Beispiel dafür dienen, dass ein fruchtbarer Umgang mit
Vielfalt, eine gelungene Inklusion, nicht bloß als Last oder
Problem verstanden werden kann, sondern als wahrer Aktivposten. Der
Fokus liegt auf dem Gemeinsamen, nicht auf dem Trennenden.
Seit es, zumindest auf manchen Inseln, auch einfachere Pensionen gibt,
sind die Seychellen nicht mehr bloß Millionären
vorbehalten, auch wenn sie immer noch alles andere als ein
Billigreiseland sind. Für die Erhaltung der sensiblen Natur
ist ein Maß an Exklusivität allerdings vermutlich
eine Voraussetzung. Zu Recht wird diese nachhaltige Vielfalt auf den
Seychellen als eigentliche Existenzgrundlage betrachtet. Nicht von
ungefähr handeln zahlreiche Reggae tunes von der Pflicht zu
ihrer Erhaltung. Das betrifft sowohl die natürliche Umwelt als
auch das friedliche Zusammenleben aller Religionen, Hautfarben und
Kulturen. Hier sind unabhängig von ihrer sozialen Herkunft
alle stolz, ein wahres "Mosaik der Weltbevölkerung" zu bieten.
In den Worten des Reggae-Sängers I-Blacka: "To be Seychellois
is a gift from God, Rastafari!"
Darüber hinaus zu empfehlen:
Ein Film von Werner Zips und Angelika V. Marte: Seychellen - Ein Meer
von Farben
(50 Minuten - 2017). Dieser Film widmete sich der kulturellen
Diversität auf den Seychellen.
Das laufende Projekt dem Gegenstück der biologischen Vielfalt.
Der Titel dieses Films für ARTE und ORF: Seychellen - Archipel der Smaragde
Das
nächste Festival
Kreol, im Oktober dieses Jahres, befindet sich noch in der
Planung.
Wer
seinen Urlaub in diese Zeit legen möchte, sollte die
offizielle Seite des Festival
Kreol der Seychellen im Auge behalten.
Copyright: www.reggaestory.de Text
und Fotos: Werner Zips & Angelica V. Marte