19.03.2025
- CIMARONS
Härter als Stein – Wahre Diamanten des (britischen)
Reggae
Ein Beitrag von
Werner Zips
& Angelica V. Marte - Nach einem Interview vom 17.08.2023
Die erste (bekannte) Reggae Band Europas hat
nach langer Kunstpause einen fulminanten Neustart hingelegt. Mit ihrem
neuen Lead-Singer Michael Arkk gewinnen sie die Herzen
unzähliger junger Fans und erwecken alte Lieben der
Älteren zu neuem Leben. Werner Zips ist einer von letzteren,
dem gemeinsam mit Angelica V. Marte das Privileg zuteil wurde, die
Cimarons nach ihrem umjubelten Rototom Auftritt am 17. August 2023 zu
treffen.
„Ship
Ahoy“ – Segel setzen in eine glorreiche Zukunft
“As
far as your eye can see,
Men, women, and baby slaves
Coming to the land of Liberty,
Where life′s design is already made.
So young and so strong
They're just waiting to be saved ...
Ship Ahoy! Ship Ahoy! Ship Ahoy! Ship Ahoy!“
(Original: The O‘Jays 1973)
Segel setzen
im Herzen von Brixton
Die Anspannung ist den alten Haudegen ins Gesicht geschrieben. Michael
Arkk spricht von einer „wahren Feuerprobe“.
Es
ist
der erste Auftritt am 14. Mai 2023 nach drei Jahrzehnten
Bühnenabwesenheit. Ausgerechnet im Hootananny Club vor
überwiegend jamaikanisch-britischen Massives, die laut
Gründungsmitglied und Gitarrist Locksley Richie genauso
kritisch sind wie das Publikum back a yard. „Aber wenn das
Feuer Dein ureigenstes Medium ist, dann braucht es geradezu eine
Feuerprobe“, meint Michael. Dass die Cimarons davor noch nie
Angst hatten, symbolisiert das Back Cover ihres Maka-Albums aus dem
Jahr 1978. Es zeigt die Cimarons in Flammen stehend im Swimming Pool.
Der erste öffentliche Auftritt ist einer der
berührenden Höhepunkte im neuen Film
„Harder Than The Rock. The Cimarons Story“ von Mark
Warmington. Die Anwesenheit von Winston Reedy (Reid), dem
früherer Lead-Singer der Band, erteilt dem Projekt den letzten
Segen. Als ihn Michael Arkk für die Länge des
Titel-Songs zum Duett auf die Bühne holt, reitet das Schiff
– frei nach der Cimarons (Cover-) Hymne Ship Ahoy –
endgültig auf der Erfolgswelle. Der spürbare Respekt
zwischen altem und neuem Frontman steht sinnbildlich für das
große Ganze hinter dem Kernanliegen der Cimarons:
„Togetherness“ – oder
Einheit/Zusammengehörigkeit. Freimütig bekennt
Michael Arkk im Film: „Es gibt keine Konkurrenz zwischen uns
beiden, aber in die Fußstapfen von Winston zu treten, ist
wirklich nicht einfach, ganz und gar nicht einfach.“ Und
Winston darf darauf erwidern: „Wir unterscheiden uns schon in
mancher Hinsicht. Er ist einfach cooler unterwegs als ich.“
Hier betritt eine Band gewissermaßen durch den Hinterausgang
wieder die Reggae-Bühne, die das Verbindende über
alles stellt und dem Trennenden eine Absage erteilt. „Wir
werden unsere Tunes scharf wie Eisen machen“, heißt
es im Film. Die dahinterstehende Botschaft verweist auf das biblische
Sprichwort: „As iron sharpens iron, so one man sharpens
another.” (Wie Eisen das Eisen schärft, so
schärft sich der Mensch durch die Berührung seines
Nächsten.")
„Harder
Than The Rock“ – Film und Album
Der
geradezu infektiöse Titel-Song, sowohl des Films als auch
des für März 2025 geplanten ersten neuen Studio
Albums seit vier Jahrzehnten, bringt den Überlebenswillen der
Band auf den Punkt.
Im Jahr 1967 gegründet, feiern sie in zwei
Jahren ihren 60er. Als Band wohlgemerkt, als Individuen nähern
sich die Gründungmitglieder Franklyn Dunn und Locksley Gichie
dann ihrem 80er.
Film und Album sind dem 2021 ins „Dorf der
Ahnen“ gegangenen Gründungsmitglied und Drummer
Maurice Ellis gewidmet. Der gescheiterte Versuch eines Nachrufs durch
Locksley Gichie vor dessen Sarg – festgehalten im Film
– drückt mächtig auf die
Tränendrüse.
Wem da die Augen trocken bleibt, dem
fehlt der Reggae-Heartbeat. Die Szene ist wohl nicht zufällig
Teil des Films. Sie zeigt die andere weiche, mitfühlende Seite
der Cimarons. „Yes, harder than the rock, but softer than a
lioness with her cubs.”
Das ist wichtig, denn seit ihren Anfängen stehen sie zwar
für rebel music, im Kampf gegen (die Folgen der) Sklaverei,
der Ausbeutung und des Rassismus („harder than the
rock“), aber zugleich auch für Aussöhnung
und die derzeit besonders utopisch anmutende Vision einer geeinten
Menschheit. In den Worten von Locksley Gichie: „Wir bringen
die Menschen mit der Idee von wechselseitigem Respekt zusammen. Es ist
ein Geben und Nehmen von Stärke, wenn Du Liebe
schenkst.“ Michael Arkk ergänzt. „Musik
ist eine Sprache, die Wahrheiten vermitteln kann, wenn sie als
Friedensbotschaft den Gedanken der universalen Liebe am Leben
erhält.“
Into a bright
and brilliant future
Zwischen den beiden Ur-Cimarons Locksely Gichie sowie Franklyn Dunn und
dem Newcomer Michael Arkk, die uns im Gespräch
gegenübersitzen, herrscht ein Grad der
Übereinstimmung, der bei ihrem soeben absolvierten ersten
großen Auftritt auf der Rototom-Bühne für
alle spürbar war. Mitreißend mit einem Wort. Von der
enthusiastischen Response durch die viel jüngere Rototom
Massive waren selbst die Musiker überrascht. Verschmitzt
lächelnd erzählt Michael:
Michael Arkk
„Da oben blenden dich die Scheinwerfer und du siehst nichts.
Am Anfang habe ich geglaubt, das Publikum feiert jemand anderen. Beim
Rototom sind ja so viele Events gleichzeitig. Aber dann habe ich mich
runter gebeugt und die Augen abgeschirmt und gesehen, wie diese jungen
Leute, die unsere Kinder oder sogar Enkelkinder sein könnten,
uns zujubeln und nach Ship Ahoy schreien.“
Nur wenige Reggae-Fans im Publikum teilen die kollektive Erfahrung der
Sklaverei, aber offenbar spüren sie, dass „Ship
Ahoy“ nicht nur Versklavung, sondern Selbstbefreiung meint.
Der endlose Refrain Ship
Ahoy eröffnet ungeahnte Perspektiven,
Aufbrüche zu neuen Ufern. Seine optimistische Tonlage
beschwört das nahende Ende jeder Form der Gefangenschaft.
„Musik ist zeitlos“, setzt Locksley fort,
„wir waren die ersten, die schon in den 1960er Jahren in
Japan, Thailand und Afrika, in Ghana und Nigeria, getourt sind. Dort
hatten sie keine Ahnung von Rocksteady, aber sobald sie dieses
merkwürdige Doobie
Doobie Doo, Doobie Doobie Doobie Doobie Doo
hörten, sind sie total ausgeflippt. Wir haben es bis in die
Gegenwart geschafft und nicht die Absicht, diese Vibe sterben zu
lassen. Als wir 1967 anfingen, hatten wir keine Ahnung, dass wir so
eine Karriere haben würden. Zu Beginn hatten wir einfach
Freude an der Musik.“
Rock Against
Racism
„Das heißt aber nicht, dass es uns nur um
Spaß ging“, betont Franklyn Dunn, „damals
in den 60er Jahren waren wir Teil der Rock Against Racism
Bewegung, die
Rock-Musik und Reggae verband. Wir waren da an der Vorderfront der
britischen Reggae-Szene. Das ist immer noch unsere Agenda, weil
Rassismus ja nicht verschwunden ist.“
Franklyn Dunn
Auch dazu liefert der brillante Film wichtige Aufschlüsse. Er
weist auf die Verbindungen des britischen Reggae vor allem zur Punk
Szene, auf die auch Bob Marleys „Punky Reggae
Party“ anspielt. Durch eine Vielzahl von gemeinsamen
Konzerten britischer Reggae-Bands mit Rock-Acts und Punk-Gruppen wie
The Clash, erschloss sich Reggae eine wesentlich breitere Gefolgschaft,
was London oder Birmingham zu hubs
der Globalisierung von Reggae
machte.
Die Vorreiterrolle der Cimarons als Wegbereiter kann gar nicht hoch
genug eingeschätzt werden. Im Fahrwasser der Cimarons
formierten sich andere britische Bands mit jamaikanischen Wurzeln wie
Steel Pulse, Aswad, Misty in Roots, Capital Letters oder Matumbi.
Einige von ihnen, wie die beiden erstgenannten, waren kommerziell
deutlich erfolgreicher als das Original und brachten es mit ihren
anti-rassistischen und systemkritischen Inhalten zu Weltruhm.
Obwohl die Cimarons auch als backing band von Bob Marley, Dennis Brown,
Jimmy Cliff, Toots and Maytals, The Pioneers, Ken Boothe, Errol Dunkley
und vieler anderer erfolgreich waren, blieb ihr Ruhm brotlos, wie
Franklyn Dunn im Film mit Nachdruck, aber ohne Bitterkeit beklagt:
„Wir haben immer Rekorde gebrochen, waren so oft die ersten,
denen ein Durchbruch gelang, aber wir waren immer die Letzten beim
Geldverdienen. Es ist Zeit, dass wir uns eine Pension (retirement
money) verdienen.“
Schonungslose
Offenheit – trials and tribulations
Riddim-Autor David Katz, der als Experte durch den Film führt,
kennt die nackte Wahrheit: „So ist die Musikindustrie,
speziell was Reggae betrifft, ist es kaum möglich nur mit
Musik sein Auskommen zu finden. Franklyn Dunn musste Minibus fahren. So
erging es vielen Reggae Musiker*innen, die nicht von der Musik leben
konnten.“ Mit schonungsloser Offenheit zeigt der Film, wie
Michael Arkk bis vor kurzen als Reinigungskraft arbeiten musste:
„Über all die Jahre musste ich meine Musik
querfinanzieren. Ich nahm den Job einer Reinigungskraft an. Aber so
sehe ich mich nicht. Jetzt hoffe ich, dass die Cimarons sich so
entwickeln, dass ich nicht mehr zusätzlich arbeiten muss und
ohne side hustle
das Auslangen finde. Noch ist es nicht so weit, aber
ich spüre, dass das passieren könnte.“
Mit bewegenden Momenten wie diesem ist der Film ein Zeitdokument
über mehr als ein halbes Jahrhundert. Er ist in jeder Hinsicht
ein Meisterwerk, was Aufbau, Schnitt und Inhalt betrifft. Vor allem
aber zeigt er die im Reggae viel besungenen trials and tribulations
einer legendären Band in einer emotionalen Tiefe, die
einzigartig ist. Ob es die massiven Rückenschmerzen des
Bassisten Franklyn Dunn sind – „wenn Du auf die
Bühne gehst, spürst Du keine Schmerzen, da ist das
beste Schmerzmittel für mich“ – oder die
Trauer über den Verlust wichtiger Wegbegleiter. Der Grundtenor
des Films (und der gesamten Band) ist Resilienz – harder than
a rock – um trotz aller Widrigkeiten zu
obsiegen.
Free as Life
Ihre Namensgebung bezog sich zunächst nicht auf die Maroons
– die erfolgreichen Widerstandskämpfer gegen
Versklavung weltweit (nicht nur in Jamaika). Wie so oft im Reggae
reflektiert der Bandname den Einfluss amerikanischer Western-Filme, die
in Jamaika den Habitus früherer Generationen ab den 1950er
Jahren entscheidend beeinflussten. Dies betraf vor allem die Charaktere
der Outlaws und Revolverhelden, aber auch der widerständigen
Indigenen Bevölkerungen: „Wir nannten uns nach einer
TV-Serie namens Cimarron Strip“, erinnert sich Locksley
Gichie, „das war eine Western-Serie wie Bonanza. Wir haben
den Namen gewählt, weil er gut klang. Erst mit der Zeit fanden
wir heraus, dass er für die Maroons (spanisch Cimarrones)
steht, was so viel wie ‚wild und frei‘ bedeutet.
Also hat der Name eigentlich uns ausgewählt, weil wir
für ‚wild und frei‘ stehen.“
Locksley
Gichie
Vielleicht hat die „Wildheit“ zugunsten der coolen
Gelassenheit, der altersgemäßen Würde und
einer der Lebenserfahrung geschuldeten Güte, wie sie der in
sich ruhende neue Lead Sänger ausstrahlt, ein wenig
nachgelassen. Doch die wahre Freiheit besteht ohnehin im Bewusstsein
der unendlichen Möglichkeiten, die ein langes (Musiker-)Leben
bietet. In etwa so wie es der Locksley Gichie Song „Free as
Life“ schon vor über einem halben Jahrhundert
postulierte. Mit Michael Arkk, der seine Karriere als
Gospel-Sänger begann, haben die Cimarons jedenfalls einen
Sechser im Lotto gewonnen. „Das gelte für beide
Seiten“, betont Michael: „Die Cimarons zu finden,
von deren Existenz ich keine Ahnung hatte, war reine Vorbestimmung. Ich
genieße jeden Augenblick mit ihnen und bin glücklich
Teil dieser großartigen Bewegung zu sein. Für mich
ist es wie eine ganze Bewegung, nicht bloß eine Band. Ich
glaube, wir werden eine glorreiche Zukunft haben. Das
schließe ich aus dem groove bei unserem heutigen Rototom
Auftritt und all diesen vibes aus dem Publikum. The Cimarons are on the
march!“
Public Health
Warning
Dieser Optimismus macht Vorfreude auf das neue Album, das zum Teil aus
neu aufgenommenen alten Songs und aus neuen Kompositionen besteht.
Erstmals in ihrer langen Karriere besitzen die Cimarons ein
professionelles Management, das als erstes eine wunderbare Website
produzierte, auf der sich sowohl der Film als auch der
Rototom-Liveauftritt, neben vielen anderen Videos und Infos, aufrufen
lassen (https://thecimaronsband.com). Damit stehen alle Zeichen auf
einer (späten) bright and brilliant future. Wir jedenfalls
wünschen diesem alten Dampfer auf dem Reggae-Ozean einen
ähnlichen Spin wie es Buena Vista Social Club nach dem Wim
Wenders-Film und Ry Cooder-Album in ihren alten Tagen erleben durften.
Sie hätten es mit ihrer Vielzahl an Reggae-Hymnen –
On the Rock, Paul Bogle, Rock Reggae Rapsody, Mother Earth oder eben
Ship Ahoy – aus früheren Zeiten mehr als verdient.
Denn für die Cimarons galt immer schon der Warnhinweis:
„Public Health Warning: Highest Ear Worm Alert!“