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Biga Ranx Europe Tour 2025
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29.10.2025 - BIGA*RANX - MR. 1000 MELODIES

Text: Werner Zips

„Warrior I’m fighting
I fight for love ‘cause love is a nice thing“
(Nice Thing, Album Rainshine, 2025)

Biga Ranx - Rainshine - 2025
In Frankreich und den französisch-sprachigen Ex-Kolonien gehört der selbst ernannte „Raggamuffin Rambo from the Special Commando“ (aus den lyrics von „Nice Thing“) längst zu den großen Stars. Das belegt seine monatliche Hörer*Innen Zahl auf Spotify, die mit 1,4 Millionen in die Dimension eines Alborosie vorgedrungen ist. Mit dem im Juni erschienen Album-Geniestreich Rainshine könnte sie massiv in die Reggae massives hinein expandieren, die traditionell mit französischen Texten fremdeln.

Surgeon General’s Warning: Wer anfällig für Suchtverhalten ist, sollte sich vom neuen Biga*Ranx Album Rainshine so gut wie möglich fernhalten. Mich hat es leider voll erwischt. Seit seinem Erscheinen brauche ich täglich eine höhere Dosis. Gegenmittel unbekannt. Von meinen all-time favorites – Gregory Isaacs und Ninjaman – ist ja leider nichts mehr (neues) zu erwarten. Dabei hätte ich es wissen müssen. Kein Song hat sich mir im letzten Jahrzehnt so sehr ins Ohr gewurmt wie 7 Days von seinem letzten Album Eh Yo! mit seinem melodiösen Slogan:

“God made the world inna seven days
Human fuck it up inna million ways”

Biga Ranx

Photo: Presse Archiv Biga*Ranx

Treffender lässt sich die „Conditio Humana“ nicht auf den Punkt bringen. Ein erschreckender Befund gekleidet in eine Mitsing-Melodie erster Güte. Das neue Album setzt nochmal eins drauf. Jeder Tune eine kleine Hymne an die Kräfte von Liebe, Leben und Sehnsucht. Wie die Mundharmonika Charles Bronsons in „Spiel mir das Lied vom Tod“ eröffnet er mit einer simplen, gepfiffenen Melodie die große Leinwand der Gefühle. Nur dass er ein „Lied vom Leben“ singt, selbst wenn es wie „Le Rang des Étoiles“ (deutsche Übersetzung des Autors) vom Tod handelt:

„In der ersten Reihe der Sterne
Verdecken Dich die Wolken
Aber ich kann Dich sehen
Du sprichst zu den Planeten
Ich spreche zu den abrupten Schritten
Du bist gegangen, aber ich bin geblieben“

Gemäß Biga*Ranx ist der Song all jenen gewidmet, die einen geliebten Menschen vermissen. Die Worte würden auch auf den großen französischen Artist Naâman passen, der am 7. Februar dieses Jahres hinter die Wolken geflogen ist. Mit ihm hat er im Vorjahr den bewegenden Tune „Never Take“ – „Die Liebe macht niemals Pause, die einzig ewig währende Kraft ist in Deiner Brust“ – aufgenommen. Die Kernaussage in Naâmans letzem Song „Amour“ – „Life only dies in books“ – kann auch Biga ohne Einschränkung unterschreiben.

Biga Ranx

Photo by Werner Zips

So viele glaubwürdige Gefühle bei einem Artist, der aus der Dancehall Szene kommt, ein Soundsystem namens Bandalero Sound betreibt und als seine wichtigsten Einflüsse Supercat und Vybz Kartel nennt, neben – und das ist offensichtlich bedeutsam – Rocksteady Ikone Alton Ellis? Im Interview kommen auf unsere Nachfrage hin noch ein paar andere dazu: neben Nicodemus oder Lone Ranger fallen auch Namen, die im Reggae weniger oft genannt werden: Edith Piaf und Jacques Brel. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis seiner Musikalität – die eigentliche trademark von Biga*Ranx. Sein Alleinstellungsmerkmal. Bei Biga verbinden sich die unsterblichen Melodien französischer Chansons mit der Expressivität und Lebenslust der jamaikanischen Dancehall.

Ein unschlagbares Gespann, hinter dem der Geist des fast schon übermächtigen Serge Gainsbourg schwebt. Sein (mit Sly and Robbie, den I-Threes und anderen Größen des jamaikanischen Reggae) auf dem Jamrock eingespieltes 1979er Album „Aux Armes et Caetera“ verknüpfte erstmals französische Chansons mit hardcore yard Reggae. Kulturelle Aneignung? Davon will Biga im Interview nichts wissen:

„Jeder inspiriert jeden. Das mag bei H&M im Sinne von big business ein Problem sein. Die klauen irgendeine Idee oder ein Kunstwerk, drucken es auf ihre Shirts und verdienen damit Millionen. Damit leben sie von den Schöpfungen ein paar kleiner Leute, die durch die Finger schauen. Das ist ein echtes Problem. Aber jemand, der seine eigene Kreativität benutzt, um aus Vorhandenem Neues zu schaffen, gegen den muss man nicht kämpfen. Du kannst gegen Ausbeuter, Serienmörder und Pädophile kämpfen. Aber ich bin nur ein Künstler, der seine Musik macht. Warum willst Du ausgerechnet mich bekämpfen? Das ist, denke ich, der falsche Kampf. Wie kann ich jemanden für etwas verurteilen, das er mit Liebe macht?“

Für Biga*Ranx gilt dieses Toleranzprinzip auch und an vorderster Stelle für die intime zwischenmenschliche Liebe. Dass das in unserem geliebten Genre noch immer nicht selbstverständlich ist, haben die kontroversen Diskussionen beim Rototom vor zwei Jahren gezeigt. Einige jamaikanische Artists ließen sich erst nach langen Diskussionen und einigen Zugeständnissen dazu überreden, unter der Regenbogenflagge aufzutreten, die von den Veranstaltern als bewusstes Zeichen der sexuellen Toleranz über der Hauptbühne gehisst wurde. Dafür hat Biga so gar kein Verständnis:

„Du kannst Liebe in keiner Form verurteilen. Sie ist reine Privatsache. Darüber muss man nicht einmal diskutieren. Menschen dürfen bei der Liebe einfach das tun, was sie tun wollen. Es ist ihr Leben, das niemand was angeht. Manche Leute wollen, dass die anderen Leute so denken und leben wie sie selbst? Doch genau das ist die Basis des Faschismus. Es muss dir egal sein, was in anderen Betten passiert. Wenn Menschen ineinander verliebt sind, wie kann ich sie verurteilen? I don't get it, I really don't get it. Solange niemand beleidigt oder verletzt wird, ist das doch nicht Dein Problem. Und überhaupt: Wo genau liegt das Problem?“

Bei unserem ersten Treffen am Tag nach seinem umjubelten Auftritt beim Rototom 2023 macht Biga, der sich lieber unter seinem zweiten Künstlernamen Telly (von Telly* del Mundo) ansprechen lässt, einen äußerst gewinnenden Eindruck. Ein Sunshine Gemüt, das in sich ruht und von Star Allüren so weit weg ist, wie Sizzla von Gender-Diversity. Der 1988 im französischen Tours mitten in der berühmten Weingegend Val de Loire geborene Artist mit Geburtsnamen Gabriel Piotrowski, verteilt musikalische Anti-Depressiva wie andere Brandreden. Wobei auch er ums Feuer kreist, nur dass es in seinem Fall die Kraft der Sonne ist, wie er betont:

„Mein Hauptmotiv ist die Sonne. Ich liebe es, über die Sonne zu sprechen. Der Sonnenschein steht für mich für eine hoffnungsvolle Botschaft. In meinen Songs hörst Du kein Fluchen, keine bösen Worte. Ich möchte etwas Positives liefern. Die meisten meiner Lieder handeln von der Sonne, die natürlich nicht immer scheint und gute wie schlechte Erfahrungen beleuchtet.“

Biga Ranx

Photo by Werner Zips

So wie es die Liebe nicht ohne den Schmerz als ihre Kehrseite gibt, verdunkelt sich die Sonne für Erdenbewohner (Jah sei Dank) täglich. Biga*Ranx Musik ist alles andere als Sunshine Reggae. Vielmehr kennt er die Regen- und die Dürrezeiten des Lebens nur zu gut:

„Ich bin mit Sozialhilfe aufgewachsen und in Frankreich heißt das schlicht: Armut. Nur die Musik hat mir die Kraft gegeben, mich daraus zu befreien. Sie gab mir die Energie, erfolgreich für eine bessere Zukunft zu kämpfen.“

Wenn er als Ein-Mann-Armee mit Schlagzeuger als support richtig große Bühnen wie jene des Rototom bespielt, dann muss schon einiges passieren, dass diese Energie so greifbar aus ihm heraustritt, dass sie auf die massives überspringt:

„Das ist manchmal ein fast magischer Kraftakt. Aber dann mitzuerleben, wie 10.000 Münder deine Songs mitsingen, die Du im stillen Kämmerchen geschaffen hast, ist ein großartiges Gefühl, das mich immer wieder in Staunen versetzt. Alles beginnt in deinem Kopf mit ein paar Gedanken, einer Verbindung in deinem Gehirn, und dann singen das so viele Leute, das ist einfach crazy. Eigentlich bin ich eine schüchterne Person im normalen Leben. Ich bin nicht allzu ausdrucksstark, aber wenn ich auf der Bühne stehe, ist das wie mein Wohnzimmer. Ich stehe gerne auf der Bühne. Es ist der Moment, in dem du all die Dinge loswerden kannst, mit denen du kämpfst. Ich weiß selbst gar nicht, ob ich Charisma oder Selbstvertrauen habe, aber eins weiß ich: Live on stage fühle ich mich absolut gut.“

Aus der Sicht eines Fans, der aufpassen muss, dass er vor lauter Begeisterung und Tanzwut bei einem Auftritt des nicht einmal halb so alten Biga nicht im Sauerstoffzelt landet, bleibt der angesprochene Kraftakt unsichtbar. Was überspringt, sind die unwiderstehlichen Melodien, die eine Crowd mit dem Artist verbinden und zu einem einzigen tanzenden Kollektivkörper werden lässt. Vor allem, wenn die Botschaft in widrigen Zeiten so vor Zuversicht strotzt, wie in dem titelgebenden Track Mountain Top des neuen Albums:

„I see the sunshine when the rainfall
On the Mountain top you gonna see me stand tall
I see the sunshine when the rainfall
And I found my strength, gonna conquer it all
Seems like some lives no matter
I know we gonna brave the slaughter
Despite the chaos the disorder
All they have for us is nada
But anyway anyway
I see the sunshine when the rainfall
Started my journey in the valley of fear
Now I’m going to the top where the air is clear“

Biga Ranx Biga Ranx

Photos: Presse Archiv Biga*Ranx

In zwölf Textzeilen vermögen nur wenige scharfe Sozialkritik mit Zukunftsoptimismus zu verbinden und gleichzeitig eine Lebensweisheit mit auf den Weg zu geben, die gehypte Selbsthilfe-Literatur auf tausenden Seiten nicht zustande bringt: Es gilt im fallenden Regen die Sonne scheinen zu sehen. Der Reggae-Alchimist Biga*Ranx schafft das in beinahe allen seinen Texten. In seinen Liebesliedern „scheint oft der Regen“, soll heißen, zeigt die Liebe ihr ambivalentes Un/Glück – so wie im vielleicht schönsten Liebeslied Danse des neuen Albums:

„Feuchte Augen unter meinen Ray-Ban,
Ich liebte Dich vom ersten Tag an,
Wie soll ich bloß tanzen, wenn du nicht da bist
Das Leben ist zu fordernd, nur Du kannst es erleichtern
Du lässt den Regen aus meinen Augen fallen,
Es gibt mehr als mich und meinen Sampler,
Aber jetzt ist es zu spät, weil ich die (gemeinsame) Zeit darüber vergessen habe
Jetzt lebe ich seit zwölf Monaten im Winter
Nichts ergibt Sinne, wenn Du nicht in meinem Leben bist …“

Biga Ranx

Photo by Werner Zips

Biga oder Telly ist ein Grenzen-Überwinder, der seit seiner ersten Jamaika Reise im Alter von 18 Jahren (2006) wie ein Fluss aus den jamaikanischen Musik-Quellen gespeist wird, aber eigenständig in alle Weltgegenden mäandert. Dabei ist es nicht nur Reggae, den sein Strom mit sich führt, sondern viele andere Kunstgattungen, wie Graffiti, eine ganz eigene Video-Ästhetik und ein faible für Art brut (autodidaktische und einzelgängerische „Laienkunst“), die mitunter an Basquiat erinnert, den er sehr schätzt. Besonders empfehlenswert das Video zu Montagne, einem Song seines letzten Albums. Die Inspiration dazu verdankt er seinem sozialen Umfeld:

„Mein Glück waren künstlerisch und handwerklich begabte Eltern. Meine Mutter ist Malerin, mein Vater Tischler und mein Bruder ist DJ. Viele meiner Freunde machen auch Kunst. Mein Hauptprojekt ist Biga*Ranx, aber ich habe auch ein Nebenprojekt unter dem Namen Telly, Telly* del Mundo. Das erstreckt sich über viele andere Genres.“



Official Video: Biga*Ranx - Montagne

Wie nahe an den jamaikanischen Quellen, seine Kreativität zu sprudeln vermag, zeigt er im Tune Tao Paï Paï vom neuen Album, eng angelehnt an Supercats unschlagbares Ghetto Red Hot. Inhaltlich ist es ein battle song mit einer in Jamaika nicht gar so eingeübten Selbstironie. Trotzdem liefert er eine Hommage an sein Jugendidol Supercat, die so klingt, als hätte Letzterer über Nacht französisch gelernt. Wie das möglich ist, dafür hat Biga eine einfache Erklärung: „Als Reggae-Fan bist du immer in Jamaika. Wenn du mit Reggae-Musik lebst, ist die Insel dein Universum. Dieser Felsen ist der erstaunlichste Ort der Welt.“

Das Album Rainshine ist digital bei Wagram Music erschienen.

Deutschland Tourdaten:
6/11 Hamburg - Übel & Gefährlich
7/11 Dortmund - Junkyard
8/11 Berlin - Heimathafen Neukölln

Biga Ranx - Germany - 2025 Biga Ranx - Dortmund - 2025

Copyright: www.reggaestory.de
Text: Werner Zips
Fotos: Werner Zips & Biga*Ranx Presse Archiv

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