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JAMAICA
EINMAL
ANDERS
Teil 11
28.07.2008 – Castleton - Spanish Town - Lovers Leap -
Treasure Beach
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Heute
ist zeitiges
Aufstehen
angesagt, damit wir unser Tagespensum ohne Stress über die
Bühne bringen
können. Vorausgesetzt unser Fahrer trifft dann auch
rechtzeitig ein. Eigentlich
wollten wir uns gegen halb 7 auf den Weg machen. Bevena ist zumindest
schon
einmal pünktlich mit auf den Beinen. |
Ihre Hauptsorge ist allerdings
nicht das Frühstück für uns, sondern die
erneute Forderung nach 100 EUR
Nachschlag, die nicht vereinbart waren. Hatten wir es doch die ganze
Zeit
geahnt, dass die Sache noch nicht erledigt ist (siehe Story Teil 3).
Jetzt
brennt regelrecht die Luft. Wir wollen uns natürlich nach wie
vor nicht
ungerechtfertigt abzocken lassen und Bevena will uns nicht gehen
lassen, ohne
ihren Nachschlag. Der Spring Garden wird zum Horror Garden. Marion geht
genervt
in unser Zimmer und harrt der Dinge die da noch kommen werden. Bevena
spektakelt durch das ganze Grundstück und hat immer das Handy
am Ohr. Dann hat
sie auf einmal Lothar an der Strippe, der ihre Forderung
bekräftigen und wie
beim letzten Mal unseren Schriftwechsel nicht mehr anerkennen will. Mir
reicht
es nun endgültig. Ich sage: „Überlege dir
was du hier veranstaltest! Hast du
schon vergessen, dass diese Reise als Story verarbeitet wird? Immer
mache
weiter so, bessere Werbung kannst du dir nicht machen!“ Jetzt
habe ich aber den
wunden Punkt getroffen. Lothar wird aggressiv und beginnt mir zu
drohen. „Wage
ja nicht irgendetwas über diese Dinge zu verbreiten, da lasse
ich mir etwas
einfallen, oder werde dich verklagen!“, schreit er durchs
Telefon. „Mache nur
weiter so! Drohen lasse ich mir schon gar nicht, und ich werde nur
anführen was
sich zugetragen wird. Über meine Erlebnisse zu berichten,
kannst du mir nicht
verbieten!“ Aufgebracht beende ich die Verbindung und rufe
Peter an, der bei
seiner Mutter vermitteln soll, bis nach wenigen Sekunden die Ansage
„No
credit!“ kommt. Mal sehen ob sich doch noch die Wogen
glätten lassen. Jetzt
allerdings ist Bevena noch aufgebrachter als vorher, weil sie nicht
gleich
weiter telefonieren kann. Später dann verschwindet sie mit dem
Handy hinterm
Haus und geht dann gar bis zum Strand, damit wir nicht hören,
was sie
telefonisch noch zu regeln hat. Uns schwant nichts Gutes. Nicht das
hier am
Ende noch irgendeine Gang ins Grundstück einfällt,
oder Bevena das Tor
verschließt. Unser Fahrer müsste auch schon
längst da sein. Wo bleibt der nur?
Wir überlegen schon, ob wir nicht einfach zu Fuß
aufbrechen und an der Straße
mit dem erst besten Route Taxi in Richtung der nächsten
Busstation aufbrechen sollten.
Gegen 7:15 Uhr hören wir dann Motorengeräusche.
Hoffentlich ist das nun unser
Fahrer. Er ist es. Bevena baut sich drohend im Hof auf. Der Fahrer
macht einen
eingeschüchterten Eindruck und kommt nicht aus dem Auto. Dann
die nächste
Überraschung. Durch die herunter gedrehte Scheibe sagt er zu
mir: „Ich kann
nicht fahren für den vereinbarten Preis.“ Ich steige
zu ihm ins Auto und eine
längere Diskussion folgt. Jetzt will er ominöser
Weise auf einmal 200 EUR
haben. Ich lass mir sein Handy geben und rufe Peter an. Immerhin hat er
das
eingefädelt. Offenbar haben hier im Dreieck die Handys
geglüht und Bevena
dürfte ganz sicher der Auslöser sein. Peter ist
wortkarg und wiederholt nur die
200 EUR, bis dann auch hier die Ansage „No credit!“
ertönt. Verdammt! Wir
wollen jetzt nur noch weg von hier. Ich sage dann zum Fahrer:
„Nimm uns bitte
bis vor zur Straße mit und dann suchen wir uns einen anderen
Fahrer oder fahren
mit dem Bus.“ Jetzt sieht der wiederum offenbar seinen
lukrativen Verdienst
davonschwimmen und bietet seinerseits an, nicht in Treasure Beach
übernachten
und auch nichts essen zu wollen. Das macht zwar bei weitem nicht die
Preiserhöhung von 70 EUR wett, aber ich nicke die Sache erst
einmal ab. Marion
verfolgt die Sache aus der Ferne und sieht aus als hätte sie
was Schlechtes
gegessen. Während wir dann unser Gepäck in den
maroden Kofferraum laden, der
sich nicht einmal richtig verschließen lässt,
verrechne ich schon gedanklich
Peters geplantes Trinkgeld mit der Preiserhöhung. Wenn der
sich in solche
Sachen reinziehen lässt, muss er damit leben, dass wir uns
dieses Geschenk
selbstverständlich verkneifen. Sollen sich doch alle drei um
ihren Anteil an
der 70 EUR Preiserhöhung streiten. Für uns
ändert sich an der geplanten
Gesamtsumme jedenfalls nichts.
Grußlos
verlassen wir den Horror
Garden und eine finster dreinblickende Bevena steht wie angewurzelt
mitten im
Yard. Eine leichte Staubwolke hinter uns herziehend geht es der
Hauptsstraße
entgegen. Hoffen wir, dass nun keine weiteren Überraschungen
mehr kommen.
An der Straße angelangt, werden
wir aber eines Besseren belehrt. Jetzt fährt der doch
tatsächlich in die andere
Richtung. Was wird denn das jetzt? Ich stelle den Fahrer zur Rede und
fordere
ihn auf anzuhalten. „Ich muss nur noch mal kurz zum
Reifenstützpunkt ein
Ersatzrad holen und in die Werkstatt, und dann können wir
fahren.“, gibt der
darauf zur Antwort. Der Reifenstützpunkt ist schnell erreicht
und das Rad
eingeladen. Ohne Ersatzrad möchten wir nun wirklich nicht
fahren. Bald darauf biegt
er in eine Seitenstraße ein. Die
„Werkstatt“ entpuppt sich als riesiger
Schrottplatz.

Inmitten des aufgetürmten Schrotts
und unter diversen Autowracks, verbirgt sich dann tatsächlich
noch so etwas wie
eine kleine Werkstatt, die eher ein windschiefes Ersatzteillager in
einer halb
vom Schrott verschütteten Baracke ist. Alles was noch
irgendwie vom Schrott
verwertbar ist, wird hier aufgearbeitet, eingelagert und wieder
verkauft.
Selbst Öl, Benzin und andere Flüssigkeiten
gibt´s noch hier. Überall wird noch
etwas aufgefüllt und dann geht es tatsächlich in die
richtige Richtung.
Die Unruhe und Aufregung will aber
nicht so recht von uns weichen, und zu allem Übel hat der noch
neben dem
Lenkrad einen DVD-Player installiert und muss sich einen vor Gewalt
triefenden
Gangsterfilm reinziehen. Einfach unglaublich, so eine verdammte
Schrottkarre,
aber Fernseher drin!
Wir ergeben uns in unser Schicksal
und hoffen nur so schnell und so weit wie möglich von St.
Margaret´s Bay
wegzukommen. Erst als wir später die Straße von
Annoto Bay durch die Berge in
Richtung Kingston nehmen, kehrt unsere Ruhe langsam wieder
zurück. Das
Gangsterprogramm läuft zwar immer noch und die
Kofferraumklappe geht bei jedem
Schlagloch auf und zu, aber egal, Hauptsache wir verlieren nichts von
unseren
Sachen und es geht vorwärts.
Unsere erste Pause machen wir in Castleton.
Hier wollen wir die Castleton Botanical Gardens besuchen, die sich zu
beiden
Seiten der Straße erstrecken. Wir kennen den Ort schon von
einer früheren Reise
her und wollen unsere Erinnerungen ein wenig auffrischen. Als wir
aussteigen,
sieht unser Gepäck wegen der offenen Kofferraumklappe schon
reichlich
eingestaubt aus und unser Fahrer versucht noch einmal ergebnislos am
Schloss
etwas zu richten. Allerdings liegt das nicht allein am Schloss, da die
ganze
Klappe verzogen ist. Ohne größeren Aufwand ist das
kaum reparabel.


Wir machen jetzt jedenfalls erst
einmal unser Päuschen und einen Spaziergang durchs
Gelände.
Der Botanische Garten ist ein
schöner Landschaftspark mit vielen interessanten Pflanzen und
urwüchsigen
Bäumen.


Länger als eine Stunde benötigt
man hier nicht. Es sei denn, man entspannt sich im östlichen
Teil des Parks an
den Ufern des klaren Gebirgsflusses, in dem riesige runde Felsbrocken
liegen
und dessen Ränder mit zahlreichen urwüchsigen
Bambusstauden bewachsen sind.



Sitzgelegenheiten, Gastronomie und
Toilettenanlagen gibt es hier auch. Letztes Mal hatten wir hier noch
Kolibris
gesehen, die sich heute aber nicht blicken lassen. Führungen
mit den
entsprechenden Erläuterungen zu den Pflanzen gab es hier
früher auch. Wir nehmen
das aber heute nicht in Anspruch und wissen auch gar nicht, ob es immer
noch so
möglich ist.
Dann geht es weiter durch die
Berge in Richtung Kingston, was nicht lange auf sich warten
lässt. Wir nehmen
nur die Durchfahrt in Richtung Spanish Town.

Einen Halt haben wir dort heute
nicht mehr eingeplant, was ein Polizist offenbar anders geplant hat und
unser
Auto an den Straßenrand winkt. Na Klasse, was kommt denn
jetzt. Einen Vorteil
hat die Sache, endlich wird der Monitor des DVD Players hastig
zugeklappt und
das Gangsterprogramm ist beendet. Sehr gesprächig ist der
Polizist nicht. Das
meiste geht mit mürrischen Gesten und längeren
behäbigen Pausen vonstatten. Er
interessiert sich nur für unseren Fahrer, der ein paar
zerknitterte Papiere
herauskramt und ihm zur Ansicht reicht. Zum Zustand des Fahrzeugs will
er
nichts wissen und würdigt es keines Blickes. Hoffentlich ist
alles in Ordnung
und wir müssen nicht noch hier aussteigen. Dann kommt die
erlösende
Handbewegung, die zum Weiterfahren auffordert, und der in kugelsicherer
Weste
steckende Polizist schlurft seelenruhig zu seinem Motorrad
zurück. Die weitere
Durchfahrt von Kingston verläuft problemlos.
Als wir dann später den Rand von
Spanish Town erreichen, sind die Inselkenntnisse unseres Fahrers zu
Ende. Bei
Spanish Town hatte er wohl mal eine Schule besucht, wie er
erzählt und deutet
nach links aus dem Fenster. Aber danach ist offenbar alles Neuland. Er
findet
nur mit unserer Hilfe die richtige Richtung. Wir haben das
Gefühl, dass er die
Hinweisschilder nicht richtig lesen kann. Anders ist jedenfalls nicht
zu
verstehen, dass er trotz meiner Erläuterung der Fahrroute und
Benennung der
nächsten Orte, immer wieder die falschen Straßen
nimmt. In Spanish Town wollen
wir eigentlich nur den Dovecot Memorial Park besuchen, der relativ
einfach zu
finden ist und rechts an der Fahrtroute liegt.
Der Dovecot Memorial Park ist ein
weitläufiger Friedhof und einer der größten
von ganz Jamaica. Viele wichtige und herausragende
Persönlichkeiten der Insel sind hier zu ihrer letzten Ruhe
gebettet.
Wir wollen hier das Grab der
Reggaelegende Joseph „Culture“ Hill versuchen zu
finden und ihm die letzte Ehre
erweisen. Im Zuge der Reisevorbereitungen hatte ich mit Christoph
Tewes,
Josephs letztem Tourmanager aus Deutschland von Revelation Concerts,
gesprochen
und gefragt wie wir das Grab finden können. Er war bei seiner
Bestattung mit vor
Ort. Joseph starb in seinem Beisein auf seiner letzten
Deutschlandtournee, in
Berlin am 19. August 2006, kurz vor dem geplanten Auftritt im Berliner
Kesselhaus.
„Das ist ganz einfach zu finden. Es ist eine riesige freie
Fläche und dort
steht ein großer Baum drauf, und unter diesem Baum befindet
sich das Grab.“,
erzählte er mir. Als wir dann gegen Mittag den Friedhof
erreichen, ist es aber
dann doch etwas schwieriger.

Es gibt nicht nur einen Baum hier.
Welchen könnte er denn gemeint haben? Es ist ein riesiges
Gelände mit wenigen
Wegen. Die Gräber befinden sich überwiegend in
regelmäßigen Reihen angeordnet
auf der Wiese. Es gibt keine Grabsteine oder Einfassungen wie bei uns.
Die
überwiegende Anzahl der Gräber sieht gleich aus und
unterscheidet sich nur
durch Nummer und Namenszug auf einer kleinen im Rasen eingesetzten
Steinplatte.
Ich frage den erst besten Passanten, der mir aber nicht weiterhelfen
kann, da
ich keine Grabnummer weiß. Irgendwo treffen wir dann ein paar
Friedhofsarbeiter, denen ich noch einmal mein Anliegen vortrage. Alle
Gräber in
der Nähe von Bäumen abzusuchen erscheint uns doch zu
langwierig.

Sie wissen es, und in Begleitung
des Arbeitertrupps werden wir zu Josephs Grab geführt.
Im Schatten eines gelb blühenden
Baumes, leicht erhöht gegenüber dem meisten anderen
Gelände, befindet sich
Josephs Gedenktafel. Ehrfurchtsvoll kramt einer unserer Begleiter ein
Tuch
hervor und poliert mit etwas Wasser aus seiner Trinkflasche, die mit
goldener
Schrift versehene und schwarz glänzende Grabplatte.

Anders als die meisten
Gedenktafeln des Parks hat Josephs Tafel keine Nummer, auch die
schwarze Farbe
und die vergoldete Schrift ist eher selten zu sehen. Uns
überkommt wieder ein
beklemmendes und unruhiges Gefühl, wie es uns stets
überkommen ist, als wir
Joseph noch zu Lebzeiten treffen konnten. Seine unglaubliche Aura
scheint für
uns auch noch nach seinem Tode präsent zu sein. Wer Joseph
Hill schon einmal
kennen lernen durfte, wird dieses Gefühl nachempfinden
können. Gemeinsam sitzen
wir noch eine Zeit lang im Schatten des Baumes und hängen
unseren Gedanken
nach. Es ist still und niemand sagt ein Wort. Nur der sanfte Wind
raschelt in
den Zweigen des Baumes. Immer wieder rieseln gelbe
Blütenblätter herab und
schmücken das Umfeld. Eine wirklich schöne Stelle
hier, im Vergleich mit der
ansonsten recht anonymen übrigen Fläche.

Tief bewegt und mit einem dicken
Kloß im Hals begeben wir uns wieder in Richtung Auto. Wir
bedanken uns mit
einem kleinen Trinkgeld bei dem Arbeitertrupp, atmen noch einmal tief
durch und
setzen unsere Fahrt fort. (Erst zu einem viel späteren
Zeitpunkt wieder in
Deutschland, in Auswertung unserer Fotos, fällt Christoph auf,
dass man auf
Josephs Tafel den falschen Todestag vermerkt hat. Wie es dazu kam, ist
bisher
nicht bekannt.)
Für die weitere Strecke des Tages
muss ich nun völlig die Überwachung der Karte und
Verkehrszeichen übernehmen.
Unser Fahrer ist völlig überfordert und
würde ohne mich nahezu im Kreise
fahren.

Der traurige Höhepunkt der
Ortskenntnisse unseres Fahrers ereilt uns dann kurz nach Mandeville. Um
Lovers
Leap auf dem kürzesten Wege zu erreichen müssen wir
in Gutters nach links
abbiegen. Schon ein paar Kilometer zuvor warne ich den Fahrer vor. Als
dann die
Stelle kommt, hört der einfach nicht auf mich und
fährt weiter in Richtung
Santa Cruz. Wo ist der Kerl nur mit seinen Gedanken. Erst einige
hundert Meter
später geht er auf die Bremsen, oder auf das, was davon noch
übrig ist.
Besorgniserregend brenzlig roch es schon die ganze Zeit. Er versucht
auf der
abschüssigen Straße umzudrehen, aber das Auto macht
offenbar was es will. Ehe
wir uns versehen kommen wir rückwärts von der
Straße ab, krachen mit einem dumpfen
Knall gegen die felsige Böschung und werden rücklings
in die Sitze geworfen.
Das darf doch alles nicht wahr sein! Unser Glück im
Unglück ist, dass diese
Böschung uns vor dem Sturz ins Tal bewahrt hat, sonst
könnten wir jetzt Joseph
Hill und Bob Marley guten Tag sagen. Erde und Steine rieseln herab und
leisten
unserem eh schon stark verschmutzten Gepäck Gesellschaft, im
nun noch mehr
verzogenen Kofferraum. Der Motor funktioniert zum Glück noch
und mit vereinten
Kräften gelingt es uns das Gefährt wieder auf die
Straße zu bringen. Wir fahren
wieder bergauf nach Gutters. Direkt an der Straße sitzen zum
Glück ein paar
Autoschrauber (Werkstatt kann man wiederum eher nicht dazu sagen), die
sich
unserem Unglückswagen annehmen. Jetzt kommt das ganze
Übel zum Vorschein. Die
Bremsen sind dahin. Nachgefüllte Bremsflüssigkeit
lief sofort wieder durch die
Bremsen hindurch und versickerte im Straßenstaub. Dieser
verdammte Kerl, der
hat das garantiert gewusst. Nicht umsonst ist der ständig die
Berge zum
Einschlafen hinunter geschlichen.

Ein Rad nach dem anderen wird nun
abmontiert und die Bremsen unter die Lupe genommen. Das kann dauern. Im
Nachhinein betrachtet hatten wir offenbar noch Glück, dass
unser Fahrer nicht
die richtige Abfahrt genommen hat. Wer weiß wo wir da
gelandet wären.
Vielleicht hat er auch schon geahnt was kommt. Wir sind genervt und
überlegen,
ob wir beim Guesthouse in Treasure Beach anrufen und uns von denen
abholen
lassen sollten. Maximal 45-50 Kilometer sind es noch von hier, inkl.
Besuch von
Lovers Leap. Den Fahrpreis müssten wir natürlich
unserem jetzigen Fahrer in
Abzug bringen. Naja, die Zwangspause nützen wir erst einmal um
uns von der
gegenüberliegenden Tankstelle mit frischen Getränken
einzudecken. Dann müssen
wir auch noch 2000 Jays für Ersatzteile und Arbeitslohn
vorschießen. Zum Glück
gibt es die Ersatzteile auch gleich an der Tankstelle zu kaufen. Der
Autoschrauber ist dann schneller als gedacht, obwohl einem beim Zusehen
ganz
schlecht wird. Von Sicherheit bei der Arbeit keine Spur. Der Wagenheber
windschief im Dreck kurz vor dem Abrutschen und paar Hölzchen
gegen Wegrollen
natürlich neben den Rädern oder auf der falschen
Seite. Ein Rasta sitzt nebenan
auf einem Klotz und verfolgt relaxt und schmunzelnd das Geschehen, wie
ich auf
die Hölzer aufpasse und diese an die richtige Stelle bringe.
Nach einer Stunde
ist die „fachgerechte“ Reparatur dann erledigt und
eine Proberunde wird
gedreht.
So richtig perfekt ist es noch
nicht, aber es kann erst einmal weiter gehen. Irgendetwas ist noch
nicht in
Ordnung. Die Bremsen schlagen nicht sofort an und müssen immer
mehrfach
getreten werden bevor eine Wirkung kommt. Dementsprechend vorsichtig
geht es
weiter in Richtung Lovers Leap. Wir müssen nun über
Junction nach Lovers Leap
fahren. Obwohl ein unübersehbares Schild die Richtung nach
Junction verkündet,
muss er natürlich wieder die falsche Straße nach
Alligator Pond nehmen. Es ist
zum Auswachsen, der Kerl kann offenbar wirklich nicht richtig lesen.
Das ist ja
keine Sünde, aber dann soll er uns auch entsprechend
vorinformieren. Trotz
Allem erreichen wir dann doch noch wohlbehalten Lovers
Leap. Dieser Ort ist ein Aussichtspunkt auf einer fast 600
Meter hohen Steilküste.
Ein herrlicher Ausblick und angenehm frische Luft ist hier zu haben.
Nach einer Legende sollen hier
zwei schwarze Sklaven in den Tod gesprungen sein. Das Liebespaar Mizzy
and
Tunkey sollte durch ihren Besitzer getrennt werden. Der Besitzer wollte
das
Mädchen für sich selber haben und wollte daher ihren
Liebhaber an einen anderen
Herrn verkaufen. Das konnte das Paar nicht ertragen und sprang
gemeinsam von
den Klippen in den Tod. Die vermeintliche Absprungstelle ist an der
Abgrundkante mit zwei Steinen markiert.

Das Gelände ist nur durch ein am
Aussichtspunkt errichtetes schönes Restaurant zu betreten. Wer
nur auf den
Aussichtsbalkon möchte muss einen kleinen Obolus entrichten.
Allerdings kann
man sich hier ruhig etwas Zeit nehmen und bei einem kühlen Red
Stripe die
Aussicht genießen. Diese Zeit hatten wir momentan leider
nicht so richtig, da
diese bei unserem kleinen Unfall drauf gegangen ist und sich der Tag
bereits
dem Ende näherte. Aber halb so schlimm, da wir schon einmal
hier waren.

Unser Fahrer ist sichtlich beeindruckt
von diesem Ort und der gewaltigen Aussicht über die
Küste. Auch von der Legende
um Mizzy und Tunkey hat er noch nie etwas gehört. Es ist schon
etwas
erstaunlich, dass man als Ausländer einem Einheimischen die
eigenen Legenden
erzählen muss. Vor der Gaststätte steht noch ein
kleines Denkmal der beiden
Sklaven und unweit davon befindet sich für Leuchtturmfans noch
das Lovers Leap
Lighthouse.
Wir nehmen nun die letzte kurze
Tagesetappe in Angriff und fahren die Berge hinunter nach Treasure
Beach. Es
fängt schon wieder an etwas verschmort zu riechen. Es wird
doch nicht auf dem
letzten Sprung noch etwas passieren? Wie will der nur heute Nacht noch
nach
Hause kommen? Hoffentlich geht das gut. Aber er will es ja so.
Unser nächstes Quartier ist das Irierest-Guesthouse
bei Treasure Beach. Wir fragen in Treasure Beach nach dem genauen
Anfahrtsweg. Keiner kann uns
helfen. Niemand kennt das Irierest. Jeder will uns zum Italrest
führen, was
aber nicht unser Guesthouse ist. Jedes Mal wenn ich nach Irierest
frage, verbessert
man mich in Italrest. Ich gebe es auf. Also müssen wir uns
letztendlich
telefonisch vom Guesthouse den Weg durchgeben lassen. Das kommt davon,
wenn man
im Internet keine genaue Lage oder Adresse angibt. In Billy Bay treffen
wir
dann endlich auf einen kleinen Wegweiser, der uns die letzten Meter zum
Guesthouse weist. Endlich am Ziel! Gleich der erste Eindruck vor Ort
verspricht
uns bessere Tage. Wir bekommen ein herrliches Zimmer im Erdgeschoss und
selbstverständlich mit Klimaanlage. Zuerst räumen wir
erst einmal unser Gepäck
aus dem Auto in das Zimmer, bevor das letzte finanzielle
Geschäft mit St.
Margaret´s Bay erledigt wird. Die zuletzt abgenickten 200 EUR
setzen sich aus
einer Restzahlung von 160 EUR und 2000 Jays zusammen. Der Fahrer schaut
ein wenig
unschlüssig. Denkt der etwa die 2000 Jays für die
Autoreparatur waren ein
Geschenk? Mit diesen 2000 Jays sind das umgerechnet exakt 200 EUR. Nun
will er
auch noch das Geld für die eingesparte Übernachtung!
Hört denn das Abgezocke
niemals auf!? „Du kannst hier übernachten und essen
oder nicht. Wenn du hier
bleibst, bleibt es aber auch bei den ursprünglich vereinbarten
130 EUR. Wenn du
aber in der Nacht zurück fährst, wie du gesagt hast,
bleibt es bei den zuletzt
abgesprochenen 200 EUR. Da ist alles drin inklusive
Übernachtung. Mehr gibt es
nicht! Das war´s!!“, sage ich bestimmt. Nun ruft
der doch tatsächlich Peter
wieder an, was unsere Überzeugung noch einmal
bestätigt, wer hinter dieser
ganzen Misere tatsächlich steckt. Es ist eindeutig eine
Familienabsprache
zwischen Peter und Bevena, und der arme Fahrer muss es ausbaden. Jetzt
erzählt
er ihm auch noch, dass er nur 160 EUR bekommen hätte und
verschweigt
wohlweislich die 4000 Jays. Na herrlich, jetzt bescheißen
sich die Kumpels auch
noch gegenseitig. „Gib mir mal das Handy!“,
verlange ich. „No credit!“, meint
er nur noch zu mir und lässt das Handy in die Hosentasche
rutschen. „Ist in
Ordnung.“, fügt er dann noch leise und
abschließend hinzu. Na also, geht doch.
Wir haben uns jedenfalls an alle Vereinbarungen gehalten. Sollen die
sich doch untereinander
weiter bescheißen wie sie wollen. Peter kann ich irgendwann
später immer noch
die Meinung sagen und die Story vollständig erzählen.
Wir verabschieden unseren
Fahrer, wünschen ihm für die Rückfahrt viel
Glück und geben ihm mit auf den
Weg, er solle uns mal informieren, wann er zu Hause angekommen ist.
Gegen die zurückliegenden Tage
kommen wir uns nun vor wie im siebenten Himmel. Brian, der uns schon
zuvor mit
weißen Handschuhen unser Zimmer vorgeführt hat, ist
überaus freundlich, dass
man sich schon fast veralbert vorkommt. Er nimmt die Bestellung
für´s Abendbrot
auf, deckt den Tisch für uns und Pauline regelt das
Finanzielle – ordentlich
mit Quittung. Das Zimmer kostet 120 USD für uns Drei,
insgesamt für die
folgenden 3 Nächte inklusive Frühstück.
Abendbrot ist extra. Eine kunstvoll
beschriftete Tafel über dem Tisch gibt an, welche Speisen zu
welchem Preis
vorbestellbar sind. Dann lassen wir es uns schmecken und gehen in die
nahezu
erste unbeschwerte und vor allem erholsame Nacht hinein. Ich schlafe
so gut wie
lange nicht.
Copyright:
Text und Fotos by Reggaestory |
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