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JAMAICA
EINMAL
ANDERS
Teil 6.2
23.07.2008 – Kingston
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Dann
fahren wir auf den Hof der
Tuff Gong Studios. Auf dem Gelände steht ein roter Truck, der
erste den Bob Marley
für seine Touren im Jahr 1977 erworben hatte. Die
Studiogebäude sind relativ
unscheinbar. |


Bild 1
- 3: Tuff
Gong Studios
Bild 3: Bob
Marley Track 1977
Als wir zum Eingang
gehen, wird Bragga von der Straße her von einem Bekannten
gegrüßt, der aus einem Auto
heraus winkt. „Das war der Kopf der Heptones.“,
bemerkt Bragga beiläufig, als
wäre es die normalste Sache der Welt. Ehe wir richtig
hinschauen und agieren können,
ist der leider schon wieder weiter gefahren. Wer weiß wen wir
schon alles
getroffen und nicht erkannt haben. Einen Mann wie Bragga
bräuchte man immer zur
Seite, hier in Kingston. Zu den Studios gehört ein Record
Shop, dessen Wände
und Einrichtungen von unzähligen Postern und Albumcover,
sämtlicher
Reggae-Artists übersät sind. Ein kleines Paradies
für uns. Hier müssen wir dann
noch einmal in Ruhe schauen. Die Besichtigung der Studios ist
möglich, erfahren
wir hier. Die Führung kostet 250 Jays je Person.

Tuff Gong
Studios - Record Shop
Tagsüber werden
nicht so viele
Aufnahmen gemacht und die Besichtigung ist eher möglich als am
Abend. Abends
ist immer mehr Andrang und bekannte Artists kommen zu ihren Aufnahmen.
Am
liebsten hätten wir ja Beides, Besichtigung und jede Menge
Artists. Einer ist
aber trotzdem da. Es ist Doniki, der gerade mit neuen Aufnahmen
für ein Album
beschäftigt ist.

Doniki in den Tuff Gong Studios
Riesige Studioanlagen mit
unzähligen Reglern, mehr als im größten
Jumbo Jet, im Technikraum, und über
alles wacht ein großes signiertes Poster von Bob Marley. Im
großen Studioraum,
der durch eine Glasscheibe vom Technikraum getrennt ist, steht Bob
Marleys Piano.
Nach den Worten unseres Führers, wurde dieses Piano auf vielen
Touren von Bob
Marley mitgeführt. Jetzt steht es hier, eingerahmt von der
jamaikanischen
Flagge und dem Lion of Judah. Im Gang zum Studio entdecken wir dann
auch
Gentlemans Album „Journey To Jah“, welches hier in
einem Bilderrahmen aufgehängt worden
ist (Ergänzender
Hinweis von Julian Schmidt: Es ist ein Award für eine
bestimmte Anzahl verkaufter Alben. Verliehen in
Deutschland. Da ein paar Aufnahmen auch im
Tuff Gong Studio gemacht wurden, bekam auch Tuff
Gong einen Award.). Nebenan noch ein
Aufenthaltsraum mit weiteren Postern und einer Autogrammtafel, unter
vielen
Anderen mit den Schriftzügen von Rita Marley und Judy Mowatt,
die aber offenbar
noch nicht allzu lange hier platziert worden ist. Daneben gleich der
Raum in
dem die Alben hergestellt werden. Die CD- und Coverproduktion nimmt
nicht viel
Platz ein. Ein kleiner Raum von schätzungsweise 3x3 m, voll
gestopft mit
PC-Technik, ist dafür ausreichend. Kein Vergleich mehr zu der
aufwendigen
Vinylproduktion, die wir hier nicht zu Gesicht bekommen.


Bild 3:
Bob
Marleys Piano
Bild 4:
Gentlemans "Journey To Jah" - Award


Bild links:
Unser Guide vom Record Shop
Bild rechts:
Bragga
Wieder
im Shop
dürfen wir auch
noch einen Blick ins Lager werfen, wo all die musikalischen
Schätze, mit und
ohne Kisten, aufgestapelt sind. Ein Glück, dass wir nicht
allzu viel Zeit haben,
sonst würden wir sicher viele Dinge hier entdecken, die unsere
Reisekasse arg
strapazieren würden. Am besten gar nicht erst anfangen
irgendwo reinzuhören,
sonst kommen wir mit unserem Tagesplan nicht mehr über die
Runden.
Also verabschieden wir
uns und
verlassen das Reggae-Paradies. Braga will wissen, ob wir noch andere
Studios
von innen sehen möchten oder nicht, da dies zeitlich zu
beachten sei. „Wenn am
Ende noch Zeit ist, gerne. Aber zuerst würden wir gerne zum
Trench Town Culture
Yard fahren wollen.“, sagen wir. Der Trench Town Culture Yard
ist ein
ehemaliger Tenement Yard in Trench Town, in dem Bob Marley
früher gewohnt hat,
seine musikalische Laufbahn begann und viele seiner bekannten Hits
geschrieben
hat. Heute ist der Yard als Museum eingerichtet und kämpft ums
Überleben.
Eröffnet wurde die Anlage am 6. Februar 2000. Weitere
Informationen dazu gibt
es auf den beiden nachfolgenden Links.
myspace
jamaica-gleaner
Nicht
viele Leute trauen
sich nach
Trench Town, um dieses Museum anzusehen. Für uns als Bob
Marley- und Reggae-Fans
ist es aber ein Muss. Für Bragga ist das auch
selbstverständlich und nicht der
Rede wert, sich darüber Gedanken zu machen. Unterwegs zeigt
Peter auf große
Steine die mitten auf einer Seitenstraße liegen.
„Niemals in solche Straßen
hineinfahren oder gar die Steine zur Seite räumen!“,
warnt er. „Es kann ganz
gut passieren, dass plötzlich hinter dir ein
Kühlschrank oder etwas anderes auf
die Straße fliegt und dich so am zurückfahren
hindert. Wenn das passiert, bist
du in der Regel Mode und wirst ausgeplündert. Meistens
markieren solche Steine
auch die Grenzlinie zwischen verfeindeten Gangs, die man ohne triftigen
Grund
und Kenntnis der genauen örtlichen Situation nicht
überschreiten sollte.“,
ergänzt er. Zum Glück redet Peter deutsch und
erinnert Tony somit nicht an
seine Hauptsorgen. Dann fahren wir an der „Wall of
Honour“ entlang, auf der unter
Anderen große Bilder von Bob Marley, Peter Tosh, Bunny
Wailer, Vincent “Tata“
Ford und Delroy Wilson, in bunten Farben gemalt sind. Kurz darauf sind
wir auch
schon am Culture Yard angelangt. „Fotoapparat und Kamera
könnt ihr alles
mitnehmen. Kein Problem.“, gibt uns Bragga zu verstehen. Der
Eintritt kostet
hier 10 USD je Person und dann kann die Führung beginnen. Im
Hof steht ein
abgewrackter Minibus, den man vor dem endgültigen Verfall
gerettet und unter
einem Dach aufgestellt hat. Es ist einer der ersten Busse, den sich Bob
Marley
angeschafft hatte. Die früher an der Straße
hängende Werbetafel des Culture
Yards, auf dem der Koch Georgie zu erkennen ist, ist nicht mehr an
seinem
Platz. Jetzt steht sie ein wenig verloren im Innenhof vor einem der
Gebäude.
Wir erfahren vieles über die Geschichte von Trench Town, dem
Leben hier im Yard
und jede Menge Geschichten aus Bob Marleys Anfängen. Eine von
Bob Marleys
Gitarren ist hier auch ausgestellt, die geradezu ein Heiligtum aber
nicht mehr
im besten Zustand ist. Auch das ehemalige Zimmer von Vincent
„Tata“ Ford
bekommen wir zu sehen, dem die Mitarbeit an einigen Bob Marley Songs
zugeschrieben wird, wie zum Beispiel „No Woman No
Cry“, „Positive Vibration“,
„Roots Rock Reggae“ und „Crazy
Baldhead“. Tata hat leider wegen Diabetes und
Bluthochdruck beide Beine verloren und ist nun an den Rollstuhl
gebunden.
Geboren wurde Tata 1940
und ist
somit 5 Jahre älter als Bob gewesen. (Tata ist inzwischen im
Alter von 68
Jahren, am 28 Dezember 2008, im Andrews Memorial Hospital in St Andrew
verstorben – RIP)



Bild links: Eine
von Bobs Gitarren
Bild rechts: Tata
jamaica-gleaner
wikipedia
independent.co.uk
Bob Marleys Zimmer ist
natürlich
auch zu besichtigen. „Hier wurde Ziggy gezeugt!“,
verkündet unsere Führerin in
vollem Ernst und zeigt auf das Bett. Wir schauen etwas
ungläubig und wollen
wissen, woher sie denn die Gewissheit für diese Behauptung
nimmt. „Daran gibt
es keinen Zweifel. Er hat es selbst gesagt. Wenn Georgie hier
wäre, der könnte
es euch auch bestätigen.“, sagt sie völlig
überzeugt. Dann zeigt sie uns
Georgies Kochstelle hinter dem Haus, wo immer das Essen zubereitet
worden ist.
Hier entdecken wir auch die alte Bob Marley Statue, die
ursprünglich am Bob
Marley Museum stand. Die Farben sind inzwischen mächtig
abgewittert. Es sieht
eigentlich nicht so aus, als ob das „Kunstwerk“
noch eine Zukunft hätte. Bragga
zeigt uns noch ein Ganjapflanze, die hier völlig offen im Hof
wächst. „Die
Pflanze ist Bestandteil des Museums und darf hier offiziell genehmigt
stehen.“,
meint Bragga auf unsere Frage nach eventuellen Problemen wegen der
Pflanze.

Bild 1:
Bobs
Zimmer
Bild 2:
ehemalige Statue vom Bob Marley Museum
Bild 3:
Werbetafel vom Culture Yard
Bild 4:
Bragga
mit Pflanze
Inzwischen ist der Tag
weit
fortgeschritten und für weitere Erkundungen in Kingston ist
nicht mehr viel
Zeit. Wir machen uns wieder auf den Weg und sind eingewaltiges
Stück reicher an
Erkenntnissen geworden. (Ein Rundgang durch den Yard ist auch in dem
zuvor
genannten Buch „Trench Town sehen und sterben“ im
Kapitel 10 – First Street mit
Dorette beschrieben.)


Bild 1
+ 2: Trench
Town
Bild 3: Trench Town
– Wall Of Honour
An
der „Wall Of
Honour“ halten wir
noch einmal kurz um ein paar Bilder zu machen. „Beeile dich
und gehe nicht zu
weit vom Auto weg!“, mahnt Peter. „Hier
draußen auf der Straße ist es nicht
sicher genug.“, ergänzt er. Eigentlich gar kein
Mensch zu sehen und alles
friedlich, weiß gar nicht was der hat. Aber egal, weit muss
ich ja sowieso
nicht gehen. Nachdem alles im Kasten ist, geht unsere Fahrt weiter. Wir
fahren
als nächstes zum „Studio One“,
können aber nicht mehr hinein. Es ist inzwischen
geschlossen. Aber das hatte ja Bragga schon angekündigt. Der
Culture Yard war
uns aber wichtiger und mit den Tuff Gong Studios haben wir ja schon ein
Studio
ansehen können. So bleibt uns nur noch der Blick durch die
Gitter und ein
entsprechend vergittertes Erinnerungsfoto.


Bild 1:
Studio
One
Bild 2:
Bragga
am Bob Marley Denkmal
Bild 3:
Haus von
Prince Buster
Zum Abschluss unseres
Ausfluges
fahren wir, unter dem Gemeckere von Tony, dann noch zu einem Bob Marley
Denkmal. Er regt sich auf, weil er wieder eine Strecke fahren muss, die
er
schon gestern gefahren ist und nun wieder durch die halbe Stadt muss.
Eigentlich hätten wir ja schon gestern dort anhalten
können, aber Tony hatte
sich ja wieder einmal dumm gestellt und die Existenz dieses Denkmals
bestritten, obwohl wir es von einer früheren Reise her
kannten. Bragga kann er natürlich
nun nichts mehr vormachen und so erreichen wir nach einiger Zeit
selbstverständlich
das Denkmal. Einst war das Denkmal in
der Nacht
beleuchtet, aber nun sind die Beleuchtungsanlagen zerstört und
in den
Scheinwerferöffnungen im Natursteinsockel hat schon die
heimische Flora Fuß
gefasst.
Von hier hat man auch
einen
schönen Blick auf einen Hügel von Kingston, wo eine
Reihe der luxuriösesten
Wohngebäude der Stadt stehen. Unter Anderem sehen wir die
Villa von Prince
Buster, von der ein Teil die Form einer Krone hat. Bragga kennt
natürlich
wieder alle Gebäude.
Danach fahren wir wieder
zurück zu
unserem Hotel. Bragga möchte nicht mehr zurück ins
Bob Marley Museum, sondern
irgendwo anders in der Stadt abgesetzt werden. Einen Preis für
seine Begleitung
nennt er uns immer noch nicht. Ich soll geben was ich denke, meint er
und ich reiche
ihm 2000 Jays nach vorne. „Wenn du noch was hast, kannst Du
mir ruhig noch etwas
mehr geben.“, gibt er dann aber doch seine Meinung preis.
Also drücke ich ihm
noch ´ne Nanny in die Hand und er ist zufrieden –
wir natürlich auch. Kurz
darauf ist er im Menschengewühl der belebten Straße
verschwunden und wir fahren
die letzten Kilometer ins Hotel.
Später dann beim
Abendbrot, im
nahe liegenden Chelsea Jerk, ist Tony nicht mit dabei. Peter
erzählt, dass er
wieder grillig ist und seiner Wege gegangen ist. Offenbar ist er der
Meinung,
den Tag wieder viel zu viel geleistet zu haben, obwohl er ja eigentlich
die
meiste Zeit Pause hatte. Aber egal, was wir wollten, haben wir
geschafft. Das
ist die Hauptsache. Ob Tony nun mit uns isst oder nicht, kann uns ja
schließlich egal sein.

Bild 1:
Rules im
Chelsea Billardsaal
Bild 2 + 3: Tony
Melville
Den Abend lassen wir dann
wieder
im Billardsaal des Chelsea Hotels ausklingen. Hier lerne ich noch den
Eigentümer des Hotels, Tony Melville, kennen, der inzwischen
78 Jahre alt
geworden ist. Wir sitzen bei ein paar Red Stripes an der Bar, die auf
Kosten
des Hauses gehen, und er erzählt mir seine Lebensgeschichte.
Ursprünglich kam er
von Kuba und hat das Hotel erst vor 10 Jahren hier errichtet.
Leider hat er bis jetzt keinen
Nachfolger für das Haus und will es nun verkaufen. Seine
Kinder haben kein
Interesse daran, was nicht ganz verständlich ist, bei der
Einkommenssituation
in Jamaica. „Die wollen nur mitarbeiten, aber
Verantwortung tragen will Keiner.“, schüttelt er
resigniert den Kopf. Ich will wissen, was er denn
machen will, nachdem das Hotel verkauft ist. „Dann reise ich
durch die Welt!“,
sagt er mit leuchtenden Augen und voller Energie. Dann bezahlt er doch
tatsächlich noch unsere Getränke an der Bar in seinem
eigenen Hause. Ordnung
muss sein! Er verabschiedet sich und winkt am Ausgang noch einmal mit
seinem
Stock, und wieder geht ein ereignisreicher Tag zu Ende.
Copyright:
Text und
Fotos by Reggaestory
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