Die
Veröffentlichung dieser Story auf einer Reggae-Website
und nicht auf einer der gängigen Reiseseiten macht schon
deutlich, was uns auf
dieser Tour besonders am Herzen lag. Neben den touristischen
Hauptzielen, die
wir etwas eingeschränkt haben, hielten wir stets nach Reggae
und Rasta
Ausschau, besuchten einige geschichtsträchtige Orte und
genossen natürlich auch
die Naturschönheiten der Insel.
Der touristische
Individualreisende kommt hier
genauso auf seine Kosten wie der Reggaefan und natürlich jeder
Fanatiker der
Insel.
Obwohl einige der Ziele
auch in den üblichen
Programmabläufen der verschiedensten Reiseanbieter enthalten
sind, kann man
diese Tour nicht ohne Eigeninitiative unternehmen und schon gar nicht
so
intensiv erleben. Das Ganze ist jedoch nichts für faule
Urlauber, die aus Ihrem
Hotel nicht herauskommen wollen oder maximal nur einen sicher
geregelten
Rundreiseverlaufdurchführen wollen.
Man
muss schon ein wenig in das Thema vernarrt und etwas abenteuerlustig
sein.
Die nachfolgende Reise wurde in den Monaten Juli und August
des Jahres 2008 unternommen und kann nun in
unregelmäßiger Folge als
Fortsetzungsstory an dieser Stelle nacherlebt werden.
Wir werden dabei die gesamte Insel kreuz und quer
durchfahren. Eine detaillierte Vorschau wird es nicht geben –
lasst Euch
überraschen. Ebenso wenig sollen hier Grundkenntnisse
über Jamaica vermittelt
werden – dies steht in jedem üblichen
Reiseführer. Ein wenig Grundwissen und
eine gute Jamaica-Karte sollte man also beim Lesen der Story bereits
besitzen.
17.07.08 - ANREISE
Nach einer
mehrstündigen gemütlichen Zugfahrt bis zum
Frankfurter Flughafen sitzen wir nun in der Nähe der
großen Informationstafel,
die für alle Reisenden die guten wie die schlechten
Nachrichten verkündet. Wir
wollen es kaum glauben, aber wir sind wieder mal bei den schlechten
Nachrichten
dabei. Der Abflug nach Montego Bay verschiebt sich voraussichtlich auf
16:30
Uhr. Da sollten wir schon 1,5 Stunden in der Luft sein. Das wird
natürlich für
unsere Weiterfahrt ab Montego Bay etwas von Nachteil sein. Immerhin
wollen wir
nach der Ankunft noch bis Ocho Rios in unsere erste Unterkunft fahren,
dass
sind noch einmal ungefähr 67 Meilen bzw. 107 km Nachtfahrt in
Jamaica.
Bei Abgabe unseres Gepäcks die nächste
Überraschung –
Übergewicht. Na herrlich. Mit „großer
Freude“ erfahren wir, dass uns jedes
Kilogramm Übergewicht 18,00 EUR kosten soll. Eigentlich eine
himmelschreiende
Ungerechtigkeit, wenn man manche Fluggäste sieht, die schon
ohne Gepäck so viel
wiegen, wie wir mit Gepäck. Hoffentlich lässt man
sich da in Zukunft etwas
anderes einfallen und berücksichtigt das
Gesamttransportgewicht – also Fluggast
inkl. Gepäck. Wenn es schon um mehr Spritverbrauch geht, wird
das ja nicht nur
vom Gepäck verursacht, sondern immerhin vom Gesamtgewicht. Zum
Glück lässt die
freundliche Dame am Schalter Gnade vor Recht walten und lässt
unser Übergewicht
kulanter Weise über..s Transportband in die Ferne gleiten.
Erleichtert, auch von unserem Gepäck, suchen wir uns ein
schönes Plätzchen im weitläufigen
Flughafengebäude, von dem wir auch die
Informationstafel im Blickfeld haben. Glücklicher Weise
rückt unsere Startzeit
nicht noch weiter nach hinten. Während wir warten, wird mir
doch auch noch von
der Flughafenpolizei ein Drogenröhrchen untergeschoben, damit
ich neben anderen
Wartenden gleich noch als Trainingsperson für deren
Drogenhunde dienen kann.
Schon erstaunlich, wie die Hunde durch ein Kunststoffröhrchen
hindurch die
darin enthaltene Geruchsprobe aufspüren können.
„Was habt ihr denn hier für
Drogen drin?“, will ich aus einfachem Interesse wissen.
„Wieso, brauchen sie
was?“, ist deren Gegenfrage. Natürlich nicht. Sehr
gesprächig waren die nicht,
und dafür muss ich mich von deren Hunden vollschlappern
lassen. Das nächste Mal
können die sich ein anderes Opfer suchen.
Boarding Time ist für 15:45 Uhr angesetzt. Kurz zuvor
begeben wir uns zur Passkontrolle und unserem Gate. Die Zeit laut
Boarding Pass
ist inzwischen überschritten und kein Mensch bringt es fertig
die Fluggäste zu
informieren, dass es aus welchen Gründen auch immer, leider
immer noch nicht
losgeht.Ohne ein Wort der
Entschuldigung oder Erklärung wird dann endlich eine halbe
Stunde später die Tür
aufgeschlossen und die Abfertigung der Fluggäste beginnt.
16:45 Uhr nimmt dann
unsere Maschine die Startposition ein und der Pilot holt die vergessene
Entschuldigung des Bodenpersonals nach. Schuld an der
Verspätung waren wohl
planmäßige Wartungsarbeiten an der Maschine und ein
unvorhergesehener
Flugzeugtausch – na ja, irgendwie verwirrend und nicht
nachvollziehbar.
Hauptsache nun ist alles in Ordnung. 10 Stunden und 15 Minuten trennen
uns noch
von Jamaica – so zumindest die Berechnung des Bordcomputers.
Wir fliegen mit
der Sonne und haben 7 Stunden Zeitverschiebung und damit einen sehr
langen Tag.
In Momenten wie diesen wünsche ich mir immer, die
Beamtechnologie aus den
Science-Fiction Filmen würde es wirklich geben.
19:50 Uhr Ortszeit schwebt unser Flieger mit einer langen
Kurve endlich über Mobay ein und setzt zur Landung an.
Tadellose Landung. Die
meisten Passagiere haben das Aufsetzen gar nicht bemerkt und die
übliche
Beifallklatscherei total vergessen. Eine völlig neue Erfahrung
– Totenstille.
Beim Gang ins Flughafengebäude empfängt uns eine
große
Werbetafel vom diesjährigen Sumfest in Montego Bay, welches an
diesem
Wochenende stattfinden soll. Leider passt das Festival nicht in unseren
Tourplan und ich will gar nicht ernsthaft wissen, welcher Artist dort
so alles
auftreten wird. Also nichts wie dran vorbei und an unsere Tour denken.
Passkontrolle und
Gepäckauslieferung ziehen sich mächtig in die
Länge. Nach 1,5 Stunden haben wir
dann endlich alles zusammen. Nun noch schnell ein paar Jays
für den Anfang
getauscht und ab nach draußen. Vor der Absperrung warten die
zahllosen Abholer
und buhlen um die Neuankömmlinge. Wir werden allerdings
abgeholt. Es dauert nur
ein paar Augenblicke und ich entdecke das Schild in der Menge mit dem
Namen von
Trevor Mitchell und unserem Shaw Park Guesthouse. Sehr beruhigend, das
hat
schon einmal funktioniert. Unser Fahrer lotst uns durch die Menge zu
seinem
Auto, da fällt mir doch im finstern eine Statur auf, die mich
sehr an Papa
Curvin erinnert. Während ich noch darüber sinniere,
gebe ich unserem Fahrer ein
Zeichen, dass ich noch was zu erledigen hätte und renne wieder
in die andere
Richtung. Es ist tatsächlich Papa Curvin, der nun seit einiger
Zeit wieder in
Jamaica lebt. So ein Zufall aber auch. Papa Curvin ist ebenso
überrascht. Wir
unterhalten uns kurz über unseren Reiseverlauf und stimmen
einen möglichen Tag
für ein Treffen ab. „Ich habe mir jetzt hier ein
Studio eingerichtet und mein
neues Album ist auch fast fertig. Du musst unbedingt vorbeikommen, das
ist
Pflicht!“, meint er und schreibt seine Telefonnummer auf
einen Zeitungsrand.
„Ganz sicher, ich rufe dich vorher an.“, verspreche
ich ihm, verabschiede mich
und mache mich wieder auf den Weg zu unserem Auto.
Der Weg nach Ocho Rios geht dann
schneller als gedacht. Nach knapp zwei Stunden haben wir Ocho Rios
erreicht.
Noch vor ein paar Jahren wäre das undenkbar gewesen, aber nun
gibt es eine
ordentlich ausgebaute neue Straße auf dieser Strecke. Kurz
danach, in Richtung
Port Antonio wird es allerdings wieder äußerst
mühsam, wie wir im späteren
Reiseverlauf noch erfahren werden.
Unser Guesthouse liegt ca. 5
Minuten vom Zentrum von Ocho Rios entfernt, ganz in der Nähe
des Shaw Park
Garden. Das wiederum verschafft uns die beste Nachtmusik der
jamaikanischen
Baumfrösche und Grillen. Zufrieden fallen wir gegen
Mitternacht in unsere
Kissen.
18.07.08
– Discovery Bay
– Columbus Park – Green Grotto – Nine
Mile – Fern
Gully
Am
frühen Morgen, nachdem die Nachtmusik
verstummt ist, begrüßt uns das Krähen der
Hähne, Vogelgezwitscher und das nahe
Rauschen eines Flusses. Es tut gut ein Weilchen auf unser Terrasse zu
verweilen
und zu realisieren, dass wir nun endlich in Jamaica sind. Trevor hat
zwei große
Hunde, die natürlich sehr handzahm sind und eher ihre
Streicheleinheiten
einfordern, als irgendjemand etwas zu tun. Sie gehören
ebenfalls zum
morgendlichen Begrüßungskomitee. Viel Zeit zum
Vertrödeln haben wir aber nicht.
Irgendwie müssen wir noch unser Frühstück
organisieren und unsere Sachen für
die heutige Tour vorbereiten. Frühstück
gehört nicht zum Service vom Little
Shaw Park, aber unser Zimmermädchen organisiert für
uns den richtigen Start in
den Morgen und bringt ein paar Spiegeleier, Toast, Kaffee und frischen
Saft.
Völlig ausreichend, mehr brauchen wir gar nicht und lassen es
uns unter einem
riesigen Baldachin schmecken. Wer länger bleiben
würde, kann natürlich auch
einkaufen gehen, die zum Zimmer gehörende Küche mit
Kühlschrank ausreichend
bestücken und sich selber verpflegen. (Infos zum Guesthouse
findet man unter www.littleshawparkguesthouse.com.)
Die Zeit haben wir aber nicht, denn unsere Tage hier sind schon
völlig
verplant.
Little Shaw Park
Guesthouse
Nun warten wir auf
unseren
heutigen Fahrer. Es ist Johnbag. Er kommt aus der Nähe von
Port Antonio, wird
hier über Nacht bleiben und auch unseren morgigen Tourplan mit
gestalten.
Bis jetzt ist er aber noch nicht
da, und ich werde langsam unruhig. Immerhin war früh am
Morgen, so zeitig wie
möglich, ausgemacht. Gegen 9:30 Uhr kann dann endlich unsere
Tour beginnen.
Johnbag redet nicht viel und macht einen zurückhaltenden
Eindruck. „Wohin
fahren wir jetzt?“, fragt er lächelnd. Nun bin ich
aber ein wenig schockiert.
Mehrere Monate haben wir an unserem Plan gefeilt und diskutiert und
ebenso lang
ist der detaillierte Plan schon in Jamaica. Nur bei Johnbag ist er
offenbar
nicht angekommen. Lothar, der Besitzer unserer nächsten
Unterkunft Spring
Garden Guesthouse, hatte uns den Fahrer geschickt und uns vorher
versichert,
alles schriftlich übermittelt zu haben. Na dann sind wir mal
gespannt, wie es
mit all den anderen Vereinbarungen klappen wird. Also spreche ich mit
Johnbag
erst einmal den Tagesplan durch und zeige ihm die Route auf der Karte.
Hauptziel soll heute Nine Mile mit dem Bob Marley Mausoleum sein.
Allerdings
soll die Route über Browns Town gehen und zuvor wollen wir
noch die Caves bei
Discovery Bay und den Columbus Park ansehen. Johnbag hört
offenbar gar nicht
richtig zu. Als ich fertig bin, will er noch einmal wissen, wo wir denn
nun
zuerst hinfahren. Also noch einmal von vorn und ab geht..s in Richtung
Discovery
Bay. Als wir an den groß ausgeschilderten Caves ankommen
fährt Johnbag
natürlich vorbei. Als ich ihm sage, er solle hier anhalten,
lächelt er nur und
meint, dass wir ja das auch noch auf dem Rückweg machen
könnten. Allerdings
fahren wir die Strecke nicht mehr zurück und ich
erkläre ihm noch einmal die
Karte. Egal, er will es trotzdem anders machen. Also fahren wir weiter
und
sehen uns zuerst den Columbus Park an. Schade nur, dass wir so
unnötig Zeit
verfahren, die uns am Ende vielleicht fehlen könnte. Der
Legende nach soll
Columbus in der Discovery Bay erstmals in Jamaica an Land gegangen sein.
Bild 1:
Discovery Bay
– Küste am Columbus Park
Bild 2:
Columbus Park
Am westlichen Ende dieser
Bucht
befindet sich der Columbus Park, der ein kleines Freilichtmuseum
unmittelbar
auf der Steilküste ist. Die dort ausgestellten Exponate sind
alle auf Schildern
erklärt und sollen die Geschichte der Region wiedergeben. Der
Eintritt ist
kostenlos. Am Eingang zum Park treffen wir Donald Davidson. Donald ist
großzügig geschmückt mit Blumen,
Früchten und Palmblättern und bringt mit
seiner Gitarre den Besuchern des Columbus Parks sein Ständchen.
Donald Davidson mit Marion und Madlen
Live
Video:
Donald Davidson
Er verkauft als Souvenir
auch
seine Musik auf CD. Die wenigsten werden es ihm glauben und ihn als
Straßenmusiker und Touristenunterhalter von vielen einstufen.
Aber weit
gefehlt. Donald Davidson verkauft tatsächlich sein eigenes
Album mit dem Namen
„Beautiful Garden“ und das ist nicht irgendeine
Scheibe, sondern die erste
Aufnahme, die die Wailers ein Jahr nach Bob Marleys Tod im Jahre 1982
aufgenommen haben. Donald singt auf diesem Album gemeinsam mit seiner
Frau Lulu
und spielt Gitarre. Donald Davidson ist mit den Jolly Boys bekannt
geworden und
gehört eigentlich in den Mentobereich. Das Album
„Beautiful Garden“ ist
allerdings ein Reggaealbum und sollte in keiner Sammlung fehlen. Der
Bob Marley
Fan wird das typische Klangbild der Wailers sofort heraushören.
Albumcover
von „Beautiful Garden“
Hörprobe: Donald Davidson
und Lulu - Lo-Lou What We Gonna Do
Wer sich über
Donald Davidson und die Jolly Boys näher
informieren möchte, kann dies unter folgender Adresse tun: www.mentomusic.com/TheJollyBoys.htm.
(Nachsatz:
Faith
Davidson, Donald´s Tochter, hat mich informiert, dass Donald
Davidson im November 2010, infolge einer Lungenentzündung,
leider
verstorben ist. Er wurde 71 Jahre alt.)
Nach Besichtigung des
Parks und unserem Kurzausflug in den
„Beautiful Garden“, geht es wieder ein paar
Kilometer zurück zu den Runaway
Caves und deren Green Grotto.
Wir sind nahezu die einzigsten Gäste, was uns sehr
willkommen ist. Eher weniger willkommen ist uns dann die Erkenntnis,
dass man
hier 20 USD Eintritt pro Person haben möchte. Mit inbegriffen
ist zwar ein
Erfrischungsgetränk am Ende der Besichtigungstour, was aber
kaum etwas an dem
gepfefferten Preis ändert. Aber egal, was soll..s, so schnell
kommen wir hier
nicht mehr her und billiger wird es auch nicht mehr. Johnbag, den es
auch zu
interessieren scheint und der eigentlich als unser Fahrer nichts zu
bezahlen
braucht, kehrt aber wieder um, als man ihm ein Haarnetz und einen Helm
verpassen will. Er bleibt lieber seinem Basecap treu und wartet auf uns
vor dem
Höhlensystem. Unsere Tour geht über 45 Minuten durch
viele Gänge und Säle, die
das Wasser in den Kalkstein gewaschen hat. Unzählige
Tropfsteine sind zu
bewundern. Vereinzelte Kalksteingebilde dienen gar unserem
Führer als
Musikinstrument. An einigen Stellen fällt Licht durch die
Höhlendecke und
Baumwurzeln tasten in der Höhle nach Nahrung. „Bitte
beim Nachobenschauen immer
den Mund geschlossen halten.“, sagt lächelnd unser
Führer. Es kann unangenehm
werden, wenn die zahlreichen Fledermäuse ihren Kot fallen
lassen. Ratten gibt
es auch, die es im Lichtstrahl der Taschenlampe überhaupt
nicht besonders eilig
haben. Schlangen soll es auch in den Höhlen geben, die sich
wiederum an den
Ratten bedienen und dafür sorgen, dass es nicht zu viele
werden. Ab und zu
kommen wir aus einer Höhle hinaus, gehen kurz durch den Busch
und tauchen in
eine andere Höhle wieder ein.
Runnaway Caves
Die Temperaturen sind
überraschend warm in den Höhlen, zurzeit
gerade wärmer als draußen und unsere Sachen beginnen
zu kleben. Jetzt steigen
wir nach unten und erreichen einen kleinen See, dessen Wasser aber
nicht
trinkbar ist, obwohl es absolut klar ist. Ursache dessen soll unter
Anderem der
hereinfallende Fledermauskot sein. In einer weiteren Höhle
erleben wir dann
eine frische Brise und können uns wieder etwas
abkühlen. „Das kommt von einer
Verbindung des Höhlensystems mit dem Meer.“, meint
unser Führer. Das Höhlensystem
ist mehr als 12 Kilometer lang, zumindest was gegenwärtig
erkundet ist, und nur
ein sehr geringer Teil ist gegenwärtig für Besucher
zugänglich. Nach unserer
Tour erhalten wir unser Erfrischungsgetränk und
müssen uns gestehen, dass sich
dieser Höhlenbesuch wirklich gelohnt hat, obwohl wir schon so
viele andere
Höhlen kennen. Einige Infos zum Höhlensystem findet
man unter www.greengrottocavesja.com.
Johnbag wartet am Auto und überrascht uns wiederum mit
seiner Frage, wohin wir nun als nächstes wollen. Inzwischen
fährt er schon
zielstrebig in die falsche Richtung. „Na nach Nine
Mile!“, sage ich verdutzt
und ergänze, „Über Browns Town.“
„Ihr wollt heute nach Nine Mile?“, fragt er
verwundert.
So langsam mache ich mir Sorgen. Erneut müssen wir anhalten
und ich erkläre ihm die Karte. Also geht es wieder
zurück nach Discovery Bay
und dann von dort die Straße in Richtung Browns Town.
Unterwegs dann plötzlich gestikulierende Leute auf der
schmalen Straße, die eine neue Einnahmequelle entdeckt haben.
Unweit hinter
denen liegen ein paar große Felsbrocken auf der
Straße, die wir natürlich auch
selber gesehen hätten. Johnbag lächelt aber nur und
rückt das geforderte
Trinkgeld heraus. Es gibt nicht viele Straßen oder Wege hier,
aber trotzdem
steht man immer wieder vor der Frage: rechts oder links? Zum
Glück hat man ja
wenigstens an die Besucher des Bob Marley Mausoleums gedacht und ab und
zu ein
Wegweiser aufgestellt, die im Laufe der Zeit allerdings immer weniger
werden.
Nächster Halt ist der Ort Brown..s Town, der nach einem
irischen Großgrundbesitzer benannt ist. Brown..s Town ist ein
interessanter Ort
mit einer schönen neogotischen Kirche und einem
großen Marktgebäude. Die besten
Ganjaplantagen weit und breit soll es in dieser Umgebung ebenfalls
geben. Also
besser man bewegt sich dort nicht auf unbekannten Wegen. Wir decken uns
hier
erst einmal mit ausreichend Getränken und einem Wasserkanister
für die nächsten
Tage ein. Immerhin kommt nun das Wochenende und wir wissen nicht, was
uns die
nächsten Tage erwartet. Wer mit Taschen oder
Rucksäcken unterwegs ist, sollte
daran denken, dass man in der Regel so nicht in die
größeren Geschäfte darf.
Die Taschen sind gegen eine Gebühr in einem kleinen Kiosk vor
dem Laden
abzugeben. Allerdings haftet dort niemand für deren Inhalt.
Sehr schlechte
Karten also für den Alleinreisenden. Es ist also besser, wenn
einer mit dem
Rucksack draußen wartet und die anderen gehen einkaufen. Noch
besser ist
natürlich ohne was unterwegs zu sein, aber wann geht das schon.
Marktgebäude in Brown..s Town
Bild links
und rechts: Kirche in Brown..s Town
Bild rechts: Kaum
ein Ort ohne Werbung für bevorstehende Reggae Gigs
Nach einem kurzen
Ortspaziergang geht es dann weiter in
Richtung Nine Mile.
In Nine Mile angekommen werden wir natürlich sofort von
einer Heerschar von Leuten umlagert, die alle nur irgendwie
„helfen“ oder uns
Bob Marleys Ganjaplantagen zeigen wollen. Wir lehnen dankend ab und
meinen,
dass wir erst einmal ins Mausoleum wollen. Johnbag hat inzwischen auch
schon
von anderen Leuten erfahren, dass mit dieser Masche öfter
Besucher in die Irre
geführt werden und letztendlich um ihre Taschen erleichtert
werden. Gut als
sich das schwere violette Holztor zum Marley Grundstück hinter
uns schließt und
die geschäftstüchtige Meute von uns trennt.
Bild 1:
Nine Mile -
Eingangstor zum Marley-Grundstück (von innen) Bild 2:
Mittlerer Hofbereich
am Souvenirladen
Wir erkennen das
Grundstück kaum wieder. Es hat sich
allerhand getan. Es wurde viel gebaut und leider auch verbaut, was im
Sinne des
historischen Ortes wohl ein wenig von Nachteil ist. Bob Marleys
Geburtshaus ist
kaum noch zu sehen. Es ist zwar positiv, wenn einerseits dem Besucher
großzügige Einkaufsmöglichkeiten
für Souvenirs, eine Gaststätte und eine
Ausstellung mit den Bob Marley Alben geboten werden, aber andererseits
dient
das der Authentizität des Ortes recht schlecht. Die
ursprüngliche Bebauung
hätte man lieber freihalten und die neuen Bauten etwas abseits
bauen sollen. Die
Bauarbeiten sind noch nicht zu Ende. Schon wieder ragen die
Bewehrungseisen
eines neu begonnenen Objektes im unteren Teil des Grundstückes
in die Höhe. Ich
stehe auf der bereits fertiggestellten ersten Stahlbetondecke und
stelle mir
vor, welche An- und Aussichten nach Fertigstellung dieses
Gebäudes dann auch
noch wegfallen werden. Lassen wir uns überraschen, was es mit
diesem neuen
Gebäude auf sich hat.
Der Preis für die „9 Mile Tour“, so wird
die Besichtigung
für das Mausoleum genannt, kostet gegenwärtig 15 USD
je Person. Wir bekommen
ein grünes Armband, als Zeichen der erfolgten Löhnung
und warten nun auf die
nächste Führung. Die Wartezeit ist gut
auszufüllen mit Besichtigung der
Ausstellung oder auch mit dem Verweilen vor einem großen
Plasmabildschirm in
der Gaststätte, der rund um die Uhr Konzertausschnitte von Bob
Marley bringt.
Bild 1:
Eine der vielen dort
ausgestellten goldenen Schallplatten - „Rastaman
Vibration“
Bild 2: Der
obere Innenhof
Es dauert aber nicht
lange und unser Guide taucht auf, der
sich Mister Crazy nennt. Er sammelt alle neuen
Bändchenträger ein und beginnt
seine Führung. Crazy ist wirklich ein wenig verrückt,
zumindest dürfte seine
Lache, die er immer wieder lautstark zum Besten gibt, mit ein Grund
für seinen
Spitznamen sein. „Haaaaaaaa, haaaaa, haaaaaaa.“
Naja, irgendwie ein wenig
unpassend für diesen Ort.
Bild 1:
Das Tor vor dem Aufweg
Bild 2: Der
Weg zur Kapelle
Das Tor zum Weg, welches
zum Mausoleum führt, öffnet sich
und unser kleines Grüppchen geht andächtig den Weg
hinauf. Johnbag ist wieder
verschwunden. Erstaunlich, obwohl er zum ersten Mal hier ist, hat er
kein
Interesse das Mausoleum von Bob Marley zu besuchen?Links
vor der Kapelle, die den Bob Marley
Sarkophag enthält, ist nun das Grabmahl für seine
Mutter Cedella Marley Booker
aus äthiopischem weißem Marmor errichtet worden, die
am 8. April diesen Jahres
verstorben ist.
Bild 1:
Links die Kapelle und
rechts das Gebäude mit dem Kinderzimmer Bild 2: Grabmal
von
Cedella
Marley Booker Bild 3:
Bob..s Kinderzimmer
Nun ist sie
endgültig von Miami wieder heimgekehrt nach Nine
Mile. Rechts vor der Kapelle das Gebäude mit Bob Marleys
Kinderzimmer, was sich
auch ein wenig verändert hat. Das Bett und der Nachttisch sind
zwar noch wie
früher, aber alles Andere ist eher unauthentisch. Bob wird als
Kind z.B. ganz
sicher nicht ein Bild von ZM&MM in seinem Zimmer an der Wand
gehabt haben.
Bob Marleys Teddy ist vom Nachttisch auch schon verschwunden.
Der außenliegende alte Marley-Küchentrakt ist
inzwischen bei
einem Unglücksfall abgebrannt. Man hat sich keine
Mühe gegeben, die alte Bebauung
nachzuempfinden. Das neu errichtete Gebäude an anderer Stelle
sieht völlig
anders aus. Bob Marleys Stein, auf dem er immer seinen Kopf gelegt hat,
wenn er
im Liegen seine Lieder gesungen, geraucht und gechillt hat, ist noch am
selben
Platz. Wir glauben es zumindest.
Vor dem Betreten der
Kapelle sind dann wie früher die Schuhe
auszuziehen. Im Innern hält sich Crazy dann zum Glück
etwas zurück, dämpft
seine Stimme und unterdrückt sein Lachen. In der Kapelle ist
striktes
Fotoverbot. Wir können uns aber trotzdem noch daran erinnern,
dass es auch hier
einmal anders ausgesehen hat. Der große Sarkophag kann nicht
mehr umgangen
werden und eine von Bob Marleys Gitarren ist auch nicht mehr an seinem
Platz.
Das ist natürlich kein Problem, eben nur anders. Wir sind
allerdings froh, dass
Bob Marley noch da ist wo er auch hingehört. Immerhin hatte
Rita Marley mal mit
dem Gedanken gespielt, ihn nach Äthiopien umzubetten.
Hoffentlich ist diese
Idee nun endlich Geschichte. Nachdem wir uns in aller Ruhe alles
angesehen
haben geht es wieder den fahnengesäumten Aufweg hinunter und
das nächste kleine
Grüppchen kommt uns entgegen.
Neben dem Aufweg ist u.A. noch die Grabstelle von Cedella
Marley Bookers Eltern zu sehen.
Im Anschluss bringen wir noch unsere angefangene
Besichtigungsrunde in der Ausstellung zu Ende und schauen uns mal die
Souvenirs
an. Alles ziemlich überteuert und teilweise sogar
„Made in China“, wo man
vergessen hat die Etiketten abzureißen. Alle Waren mit
Abrissspuren von
Etiketten, dürften also in China hergestellt sein. Besser man
kauft dort
nichts. Fast alles was es dort gibt, findet man auch in anderen
Geschäften, nur
eben nicht so konzentriert beieinander und nicht in dieser Auswahl,
dafür aber
preiswerter. Wer es nicht lassen kann oder unsicher ist, muss z.B. bei
einem
T-Shirt mit 7-8 USD mehr rechnen als anderswo. Ein Bob Marley T-Shirt
kann dann
schon einmal 25 USD kosten.
Als es nichts Neues mehr zu entdecken gibt, verlassen wir
das Grundstück wieder durch das große bewachte
Holztor und finden Johnbag
schlafend in seinem verriegelten Auto. Zum Glück bekommen wir
ihn wach und
können einsteigen, bevor uns die erneut heraneilenden
Belagerer erreichen.
Landschaft in Nine
Mile
Die Fahrt geht weiter
über Alderton, Claremont und Golden
Grove in Richtung Ocho Rios.
Die Strecke ist für Johnbag recht schwierig, da er sich
nicht auskennt und natürlich nirgends Wegweiser stehen. Zum
Glück ist unsere
Karte recht genau, und man kann sich weitestgehend auf die angegebene
Straßenführung verlassen. Wir durchfahren eine
sehenswerte bergige Landschaft,
die man so nicht überall findet. Viele kleine grüne
Berge auf engem Raum, also
mehr Hügel auf einer bestimmten Fläche als anderswo.
Es ist schwer zu
beschreiben. Wir wollen die Straße über Fern Gully
nehmen und finden sie auch. Kurz davor halten wir noch
einmal an und besuchen ein paar Handwerker, die in ihren
Hütten
Holzschnitzereien und andere Volkskunst herstellen. Der Markt befindet
sich
beidseitig der Straße und ist räumlich etwas
versprengt. Ein Fußmarsch an
dieser kurvenreichen und engen Straße ist recht
gefährlich. Wir beschränken uns
daher nur auf zwei kleine Teile des Marktes.
Holzschnitzer im Markt
von Fern Gully
Danach geht es mit dem
Auto weiter bergab durch eine
atemberaubende Schlucht.
Es wird unmittelbar finster um uns, als wir in den Dschungel
eintauchen. Felswände, große alte Bäume,
Schlingpflanzen und überhängende Farne,
die nach den Autos zu greifen scheinen. Die Hupen der Autos hallen
durch die
Schlucht, Bremsen quietschen und ab und zu muss auch schon einmal
jemand
rückwärts fahren oder sich schräg ins
Dickicht schlagen, um die
Entgegenkommenden vorbei zu lassen. Diese Straße einmal zu
Fuß gehen, das wäre
ein Erlebnis, aber sicherlich auch das Letzte. Es bleibt meistens kein
Raum
zwischen Fahrzeug und Felswand, wenn es um die Kurven geht. Mit
Fußgängern
rechnet hier niemand.
In Ocho Rios wieder angekommen, fahren wir zur White River
Bridge. Wir wollen ein paar Rastas besuchen, die wir bei unserem
letzten
Aufenthalt hier kennen gelernt hatten. Unter der Brücke sieht
es recht trostlos
aus. Die dort befindliche Rasta- und Fischerkneipe sieht nunmehr
verlassen aus.
Die Rastas am Fluss sind von ihrem Platz samt Häuschen
inzwischen vertrieben
worden. Ein Investor will wieder einmal ein Hotel bauen und hat das
meiste
Gelände aufgekauft und eingezäunt. Gebaut hat er aber
seit vielen Jahren noch
nichts. Am Fluss ist nur noch ein schmaler Streifen freies Land
übriggeblieben.
Wir treffen ein paar Leute und zeigen ihnen unser Foto, in der Hoffnung
einen
Hinweis zu bekommen. „Ja den kennen wir, das ist doch Ras
Thugy. Der wohnt noch
hier, geht hier am Fluss entlang bis zur Mündung.“
Wir stapfen durch den
schmalen Uferstreifen zwischen unzähligen
Krabbenlöchern hindurch, der wie ein
Schweizer Käse aussieht und hoffen, dass wir nicht im Matsch
versinken. Der
Streifen zwischen Zaun und Fluss wird immer enger. Ein bedrohlich
kläffender Hund
kommt uns entgegengeeilt, der sich aber Schritt für Schritt
wieder zurückzieht,
als er merkt uns nicht beeindrucken zu können. Dann versperrt
ein Wirrwarr aus
Baumstämmen und Bretterverschlägen den Weiterweg.
Dahinter wohl das letzte
verbliebene und neu eingerichtete Refugium unserer alten Bekannten. Wir
rufen
durch den Verschlag nach einem Mann, der herankommt und sich unsere
Fotos
ansieht. „Ja, Ras Thugy wohnt jetzt hier, den anderen kenne
ich aber nicht.“,
meint er. Er bittet uns hinein. Es ist der letzte Landzipfel zwischen
Fluss,
Zaun und Flussmündung. Eine kleine Hütte, ein kleines
Boot, Feuerstelle,
Sitzgelegenheiten, mit Blumen bepflanzte Autoreifen und ein wenig
Freiraum drum
herum kommt zum Vorschein.
Direkt gegenüber befindet sich die Sandbank, die
Flussmündung und Meer voneinander trennt, die inzwischen auch
ziemlich
geschrumpft ist. Thugy und sein Freund sind allerdings gerade nicht da.
Unser
Gastgeber zückt ein Handy, was inzwischen zur Grundausstattung
eines jeden
Jamaikaners gehört, und versucht ihn anzurufen. Nach
mehrmaligen Versuchen gibt
er es auf, Thugy geht nicht ran. Wir machen uns wieder auf den
Rückweg. „Mal
sehen, vielleicht kommen wir morgen noch einmal kurz
vorbei.“, sagen wir und
bekommen die Telefonnummer mit auf den Weg.
Etwas unverständlich an diesen Hotelbauplänen ist,
dass
offenbar gar kein Bedarf besteht. Denn das auf der anderen
Straßenseite
liegende Hotel Rio Blanco, hat inzwischen dicht gemacht und wurde zu
einer
Wohnapartment-Anlage umfunktioniert.
Unser heutiger Tagesplan ist nun abgearbeitet, fehlt nur
noch das Abendbrot. Also zurück ins naheliegende Guesthouse
und erst einmal
frisch gemacht.
Abendbrot gibt es nicht im Little Shawpark. Trevor empfiehlt
uns eine naheliegende Kneipe mit dem Namen
„Mom..s“. Das „Mom..s“ stellt
sich als
absolut guter Tipp heraus. Es ist eine kleine klimatisierte und
schlichte
Gaststätte, in der man preiswert essen kann. Die Portionen
sind überreichlich
und zur Hauptspeise gibt es noch kostenlos Vorsuppe und ein Glas Wasser
dazu.
Für vier Personen Dinner inkl. zwei Bier und zwei Cola
für 2.000 Jays – was
will man mehr. Johnbag schaut erstaunt auf unsere Rechnung, aber es ist
tatsächlich so. Zufrieden kehren wir zum Guesthouse
zurück und tauchen
wieder ein in die jamaikanische Nachtmusik.