Sage und schreibe 8 Jahre ist es her, dass
Frederick "Toots" Hibbert mit seinen Maytals zum letzten Mal in Berlin
war. Ein paar Jahre später zog sich die Legende
völlig aus dem Bühnengeschäft
zurück, als er am 18. Mai 2013 beim "Dominion Riverrock
Festival" in Richmond, Virginia, eine Glasflasche an die Stirn geworfen
bekam. Die Band spielte gerade ihre Version von John Denvers "Take Me
Home, Country Roads" von 1973, als die Flasche von erheblicher
Entfernung aus der Dunkelheit geflogen kam. Toots konnte die
Bühne noch aus eigener Kraft verlassen, brach aber danach
zusammen und musste zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht
werden. Somit war die Show 38 Minuten vorzeitig zu Ende.
Alle
weiteren Termine mussten abgesagt werden, da Toots neben
einer Gehirnerschütterung unter erheblichen
Kopfschmerzen und Sehstörungen litt. Zwei Jahre war Toots
völlig von der Bildfläche verschwunden und es wurde
befürchtet, dass er wohl nie wieder auftreten werde. Am 15.
Juni 2016 startete dann zum Glück sein Comeback mit einer
US-Tour in San Diego. Ja und in diesem Jahr befand er sich
kürzlich auf einer ausgedehnten Europa-Tour. Vom 23. Juni bis
zum 20. August bewältigte er mindestens 39 Shows, wie man
zumindest auf seinem Facebook nachzählen kann. Den
Löwenanteil von 15 Stationen davon allein in
Großbritannien. Auf Platz 2 folgte immerhin schon Deutschland
mit 5 Bühnen in Hamburg, Berlin, beim Summerjam in
Köln, dem Sunrise Reggae & Ska Festival und dem
Rudolstadt-Festival. Jeweils 4 Stationen konnten Frankreich und die
Niederlande für sich verbuchen, während der Rest in
Italien, Irland, Schweden, Norwegen, Spanien, Slovenien, Belgien und
der Schweiz absolviert worden. Das ist schon ein gewaltiges Programm
für den 75-jährigen, der 1942 in May Pen, im
Clarendon Parish von Jamaica, das Licht der Welt erblickte.
Wir begeben uns dieses Mal zum Festsaal Kreuzberg nach Berlin, um ein
paar
Eindrücke von seiner aktuellen Show zu vermitteln.
Der Festsaal
Kreuzberg befindet sich südlich der Spree am
Flutgraben, in guter Gesellschaft von weiteren Location wie dem
Event-Areal der Arena Berlin mit Badeschiff, Escobar, Arena Club und
Glashaus, weiterhin der MS Hoppetosse auf der Spree und dem Club der
Visionaere am Flutgraben. Man hätte hier also einiges zu tun.
Für uns ist das aber alles eine Frage des auftretenden
Künstlers, und der heißt heute erst einmal "Toots
and The Maytals", der uns bei strömenden Regen in den Festsaal
Kreuzberg lockt. Schon den ganzen Tag hatte es geregnet, was auch schon
zu
Überschwemmungen in Berlin führte. Einige
Straßen mussten gar gesperrt werden weil sie kniehoch unter
Wasser standen, zahlreiche Keller und U-Bahnhöfe liefen voll,
der Flugverkehr in Tegel litt an Verspätungen und die
Flugzeuge konnten nur eingeschränkt starten. Innerhalb von 24
Stunden vom 29.-30.06. hat es doppelt so viel geregnet wie sonst im
ganzen Monat Juni. Von Donnerstagvormittag bis Freitagmorgen
regnete es 143,5 Liter pro Quadratmeter. Das langjährige
Mittel für den Monat Juni liegt bei 70,9 Liter. Die Feuerwehr
rief für Berlin den Notstand aus.
Aber davon haben wir uns natürlich nicht abbringen lassen und
sind zirka 160 km durch strömenden Regen bis nach Berlin
gefahren.
Wir haben Glück. Unsere Fahrtroute ist nicht von irgendwelchen
Sperrungen betroffen, und wir schaffen es rechtzeitig bis in den
Festsaal
nach Berlin Kreuzberg. Lediglich ein paar durchgeweichte Schuhe
müssen wir in Kauf nehmen, da zwischen unserem sicheren
Parkplatz und der Location zahlreiche Pfützen bis kleine
"Seen" lauern. Auch die Berliner Fangemeinde hat sich nicht vom Konzert
abbringen lassen. Der Andrang am Einlass nimmt kein Ende und der zirka
1.200 Gäste fassende Festsaal kann zeigen was er so aufnehmen
kann.
"Auf Wunsch des Künstlers Ausschank heute nur in Plastik",
kann man an der Bar auf einem Zettel unter der Preistafel lesen. Man
hat sich offenbar darauf eingestellt, ein Ereignis wie das von 2013
hier nicht stattfinden zu lassen. Das Personal hat aber offenbar die
Hintergründe des Wunsches noch nicht ganz verstanden oder
nicht vermittelt bekommen. Bisher beziehen sie diesen Wunsch nur auf
die Gläser und geben Plastikbecher aus, aber Bier in
Glasflaschen wird uneingeschränkt angeboten. Zum
Glück kann ich hier noch aufklären, um was es dem
Künstler eigentlich geht. Aber wir wollen ja nicht hoffen,
dass es hier irgendwelche bekloppten Trittbrettfahrer oder Nachahmer
gibt.
Gegen 22:00 Uhr ist es schließlich so weit und auf die
Bühne kommt Bewegung. Frisch gefärbt und faltenfrei
beginnt Toots sein Abendprogramm. Das behaupte ich jetzt einfach mal,
denn wer hat schon mit 75 noch echte schwarze Haare. ;-)
Live
Video:
Toots and The Maytals - 1/8 - Pressure Drop
Am Bühnenrand steht heute und völlig ungewohnt ein
Sicherheitsmann mit grimmiger Mine, der jede Bewegung im Publikum zu
überwachen scheint und die Gesichter der Anwesenden mustert.
Ich fühle mich ja schon, als würde ich unlautere
Dinge vorhaben, so überwachen und durchbohren auch mich seine
Blicke. Aber soll er ruhig, ich bin jedenfalls kein potentieller
Flaschenwerferkandidat.
Live
Video:
Toots and The Maytals - 2/8 - Never Get Weary Yet
Toots & The Maytals gründeten sich bereits 1962,
damals noch unter dem Namen "The Vikings" und
arbeiteten bald darauf für Coxsone Dodd. Damals noch als
Gesangstrio,
bestehend aus Frederick "Toots" Hibbert, Henry "Raleigh" Gordon und
Nathaniel "Jerry" Matthias / McCarthy. Coxsone produzierte die ersten
Singles
"Hallelujah" und "Six And Seven Books Of Moses". Die Titel lassen es
schon erahnen, Toots verstand sich als Prediger, der seine spirituellen
Texte mit dem Soul eines Otis Redding ins gospelige Skagewand kleidete.
Mit "Never Grow Old" folgte schließlich ihr Debutalbum,
nunmehr schon unter dem Namen "The Maytals". Aber noch im selben Jahr
wechselten sie bereits zu Prince Buster´s Orange
Street Studios, da sie
mit den Bedingungen im Studio One nicht mehr einverstanden waren. Es
wurde aber auch mit anderen Produzenten wie Byron
Lee, Sonia
Pottinger, Lee Perry, Leslie Kong und anderen zusammengearbeitet.
Live
Video:
Toots and The Maytals - 3/8 - Never Grow Old
1966 gewannen sie dann
mit dem Song "Bam Bam" das Jamaica Song Festival,
dem später noch weitere Siege folgten. Kurz danach
gab´s erst einmal eine Zwangspause, da man Toots wegen
Marihuanabesitzes für 18 Monate wegsperrte. Laut Toots wurde
ihm das untergeschoben, was wohl Jahre später ihm
gegenüber auch ein Polizist bestätigt hatte. Man
wollte ihm wohl seine Karriere absichtlich beschädigen. Aber
sein Erfolg war nicht zu stoppen. Nach der Entlassung ging es erst
richtig weiter und seine Häftlingsnummer 54-46 wurde gleich
mal der Aufhänger zu seinem Hit "54-46 Was My
Number". Nach Elvis´ 1957er "Jailhouse Rock" wurde dies einer
der weltberühmtesten Knast-Songs überhaupt.
Live Video: Toots
and The Maytals - 4/8 - One Eyed Enos + Sweet And Dandy
Irgendwie vergisst Toots immer wieder, dass sein Gesang ohne Mikro
nicht im Saal ankommt. Streckenweise fehlt seine Stimme
völlig, wie man gerade bei "One Eyed Enos" hören oder
eben nicht hören konnte. Warum sagt ihm das eigentlich niemand
von der Technik? Aber noch einmal zurück zur Bio, mit der wir
noch nicht durch sind.
Mit ihrem
68-er Song "Do The
Reggay" (auch "Do The Reggae"), wird überwiegend die Meinung
vertreten, dass
dies die Geburt des Begriffs "Reggae" gewesen sei.
Andere wiederum sehen in den Maytals sogar die Erfinder des Reggae
überhaupt, was auch Toots selbst von sich denkt.
In den 1972er Kino- und Kultfilm "The Harder They Come" schaffen es mit
"Sweet And Dandy" und "Pressure Drop" gleich zwei Songs der Band, die
sich inzwischen "Toots And The Maytals" nennen.
Live
Video:
Toots and The Maytals - 5/8 - Take Me Home Country Roads
In den 80ern wird es ruhiger um die Gruppe. Toots tourt zwar noch mit
der Band, arbeitet im Studio
aber nur noch sporadisch und allein. Das 1981er Album "Knock
Out"
erhält Gold in Neuseeland, die Single-Auskopplung "Beautiful
Woman" sogar Platin. Das von Sly & Robbie produzierte
Coveralbum
"Toots In Memphis" bekommt 1988 eine Grammy-Nominierung
für das Reggae-Album des Jahres. Zehn
Jahre danach gelingt ihm dies noch einmal mit "Skafather", auf dem er
unter anderem den 1964er Kinks-Klassiker "You
Really Got Me" als Reggae-Version neu verarbeitet. In
Philadelphia gibt es sogar zu Ehren seiner musikalischen
Errungenschaften am 20. Oktober einen Toots Hibbert Day. Im Mai 2004
veröffentlicht Toots Hibbert mit
seiner Band auf dem Album "True Love" eigene
Klassiker. Zu deren Interpretation hat er sich hochkarätige
Gäste eingeladen. Willie Nelson, Ben Harper, Eric Clapton,
Ryan Adams, No Doubt, Keith Richards und viele mehr, zollen der
Reggae-Legende den verdienten Tribut. Auch dieses Album erhielt Ende
2004 eine Grammy-Nominierung in der Kategorie "Bestes Reggae-Album".
Live
Video:
Toots and The Maytals - 6/8 - Monkey Man
Im Festsaal ist beste Stimmung und das Publikum singt ausgelassen mit.
Toots ist gerade bei "Monkey Man" angekommen, und da wirft doch
tatsächlich irgend so ein Vollidiot wieder eine Flasche in
Richtung Bühne. Zum Glück wird es nur ein recht
lahmes Geschoss, als es etwas abgefälscht auf der
Bühne landet. Wer immer das war, hoffentlich greifen sie den
Typen und setzen ihn sofort auf die Straße in eine recht
große Pfütze, auch wenn nichts passiert ist. Gerade
in der Situation von Toots, sollte schon allein der Gedanke an so eine
Aktion strafbar sein. Nach dem Song geht Toots von der Bühne.
Wir sind uns nicht sicher, ob es ein geplanter Abgang ist oder die
Reaktion auf den Flaschenwurf. Gesagt er zumindest nichts. Hoffen wir,
dass es noch eine Zugabe gibt.
Wir haben Glück. Nach ein paar Minuten steht Toots wieder auf
der Bühne und hängt noch eine lange Zugabe dran.
Live
Video:
Toots and The Maytals - 7/8 - Love Is Gonna Let Me Down
Sein bisher letztes offizielles Album ist übrigens das 2012er
"Unplugged On Strawberry
Hill", welches er mit einem Akustikset in Chris Blackwells Hotel auf
Strawberry Hill eingespielt hat. Den herrlichen Ausblick, den man von
dort oben über Kingston hat, konnte man einfach nicht
vergessen und
hat ihn deshalb auch gleich auf das Cover gebannt. Neben den
zahlreichen Wiederveröffentlichungen von allen
möglichen Zusammenstellungen gibt es auch immer wieder neues
Material von Toots and The Maytals. Eigentlich sollte zur
diesjährigen Europa-Tour sein neues 2017er Album vorgestellt
werden, aber es ist noch nicht ganz fertig geworden. Nun ist die
Veröffentlichung für Ende des Jahres geplant. Toots
verspricht in diesem Zusammenhang einige Überraschungen, zu
denen auch Coversongs von Elvis Presley gehören sollen. Wir
dürfen also nach wie vor gespannt bleiben, was uns Toots noch
so alles auf die Plattenteller servieren wird.
Aber kommen wir nun zum Finale. Ein ganz wichtiger Song fehlt ja noch.
Wobei die hier eingebundenen Videos natürlich nur Ausschnitte
des Abends sind und nicht bei der Orientierung helfen können.
Live
Video:
Toots and The Maytals - 8/8 - 54-46 Was My Number
Nach über 100 Minuten ist eine mitreißende Show,
unterstützt von einem begeisterten und stimmungsvollen
Publikum, im Festsaal Kreuzberg zu Ende gegangen. Toots & The
Maytals haben es wieder einmal geschafft mit ihrer Musik die Massive
die gesamte Show über auf dem höchsten Stimmungslevel
zu halten. Das gelingt nicht jeder Band.
Drummer Earl "Paul" Douglas, im Hintergrund links Gitarrist Carl Harvey.
Noch mehr zu Toots & The Maytals gibt es in der aktuellen
riddim mit der Nummer 89 zu lesen, die Toots hier etwas
ermüdet von der
langen Show in die Kamera hält. Das Autogrammblatt ist leider
nicht ganz komplett, es fehlen Leba und Jackie.
Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal!
Copyright:
www.reggaestory.de
Text + Videokamera: Peter Joachim
Fotos: Marion + Peter Joachim
Mein Dank geht an Revelation Concerts, Topline Events, das
Festsaal
Team und
natürlich ganz besonders an die Künstler des Abends.