SONIC
PLURIVERSE FESTIVAL: BASS CULTURES
MANOU GALLO + THE CONGOS
04.07.2025 - HAUS DER KULTUREN DER WELT - BERLIN
In der Zeit vom 27. Juni bis 2. August 2025
fand im HKW Berlin die dritte Ausgabe des Sonic Pluriverse Festivals
statt. Dieses Mal unter dem Titel "Bass Cultures". In dem
vielfältigen Programm ging es um Bass, Beats und Geschichten
des Widerstands und der Solidarität, verpackt in Konzerte,
Lesungen, DJ-Sets, Workshops und vieles mehr.
Das
Festival erkundete die Kultur der Soundsystems als globales
Phänomen. Von satten Reggae-Beats bis zu
wuchtigen Dubstep-Drops verknüpfte das umfangreiche
Programm (siehe linke Randspalte) Erfahrungen, Dialoge und
Soundpraktiken im internationalen Austausch.
Wir haben uns zwei Tage aus dem Programmangebot herausgepickt und
möchten an dieser Stelle unsere Eindrücke vermitteln.
Soweit schon bekannt, da wir schon vom ersten Tag des Festivals, an dem
Linton Kwesi
Johnson als erster Künstler mit einer Lesung den
Programmreigen eröffnet hatte, gefolgt von einem berauschenden
Konzert von Queen Omega, berichtet hatten.
Heute kommen wir nun zu unserer zweiten Tagesauswahl, der Show von
Manou
Gallo und den einzigartigen Congos.
Für den heutigen Tag hat man wieder die
großräumige Paulette Nardal Terrasse des HKW mit
einer Bühne bestückt und für die
Befriedigung der kulinarischen Bedürfnisse der Gäste
alles vorbereitet. Wir sind froh, dass sich das Wetter auf das Festival
eingestellt hat und nicht das Miriam-Makeba-Auditorium genutzt werden
muss.
In
Sichtweite die "Waschmaschine", die heute mit guter Musik versorgt
wird. Hoffen wir, dass das den Waschgang der Kanzlerschaft auf die
Sprünge hilft. ;-)
Entspannt sitzen die ersten Gäste in ihren
Liegestühlen und genießen bei einem Bierchen oder
einem anderen Getränk die
Abendsonne. Wer jetzt schon da ist und noch keine Zeit für's
Abendessen hatte, hat nun den Vorteil, dass noch keine Schlangen an den
Ständen zu bewältigen sind.
Schließlich ist es dann soweit und der erste Programmpunkt
des Abends, der von 19-20:00 Uhr andauern soll, wird mit einer
angemessenen Laudatio eingeläutet. Wer keinen Liegestuhl
erobert hat, rückt nun näher an die Bühne
heran und lässt sich von den tiefgehenden Bässen von
Manou Gallo durchmassieren.
Bei reggaestory.de befinden wir uns zwar auf einer Reggae-Website,
zumindest ist das das Hauptthema dieser Seite, aber Manou Gallo als
bedeutende Künstlerpersönlichkeit des heutigen
Abends, lassen wir natürlich nicht weg, ... auch wenn es kein
Reggae ist was wir hören. Zumal das Thema des Festivals "Bass
Cultures" und nicht Reggae lautet. Reggae gehört zwar
eindeutig dazu, und deswegen sind wir auch hier, spielt aber bei dem
Festival eben nur eine Nebenrolle.
Manou Gallo wurde am 31. August 1972 in Divo, der wichtigsten Stadt der
Elfenbeinküste geboren. Sie wuchs bei ihrer
Großmutter auf und stand schon mit 12 Jahren das erste Mal
auf einer Bühne. Mit ihrer ersten Band namens Woya tourte sie
bald durch afrikanische Nachbarländer wie Burkina Faso, Benin,
Mali und Togo. Nach Auflösung der Band ging sie mit dem
Musiker
und Produzenten Marcellin Yacé nach Abidjan
(Elfenbeinküste). Dieser schenkte ihr ihren ersten Bass und
brachte ihr das Aufnehmen bei. Zwischen 1993 und 1996 trat sie
außerdem in verschiedenen Tanz- und Theatergruppen auf. Ihre
Karriere als Bassistin begann sie bei dem kongolesischen Musiker Ray
Lema. International bekannt wurde sie schließlich als
Mitglied der legendären belgischen Gruppe Zap Mama, der sie
von 1997 bis 2003 angehörte und mit der sie auf den
größten Bühnen Europas und in den USA
auftrat. Nach dieser Zeit folgten Kooperationen mit Tambours
De Brazza und der Gruppe Mokoomba, sowie eine Vielzahl eigener Gruppen
und Projekte wie die Manou Gallo Women Band, Groove Orchestra,
Acoustic Africa oder Music Machine.
In Jahr 2003 veröffentlichte sie schließlich ihr
erstes Soloalbum "Dida" beim deutschen Label "Exil",
nebst vier
weiteren Labels wie DiscMedi Blau (Spanien), Dixiefrog (Frankreich),
IglooMondo (Belgien) und Culture Records (Belgien). Das Album ist eine
Mischung aus Afrobeat, Soul und Funk. Inzwischen hat Manou Gallo vier
weitere Alben veröffentlicht. Das bisher letzte Werk nennt
sich "Afro Bass Fusion" und wurde am 17.11.2023 auf ihrem eigenen
Label veröffentlicht.
Manou Gallo ist heute eine bedeutende Bassistin und Sängerin,
die
außerdem noch Schlagzeug spielen kann. Sie bewegt sich
mit ihrer Musik zwischen Country, Afrobeat, Funk, Jazz, Rumba und
Salsa.
Sie wird unter den
Top Ten der afrikanischen Bassisten genannt und erhielt unter anderem
im Jahr 2022 den Best African Instrumentalist
Award.
Von dem
US-amerikanischen Bassisten Bootsy Collins (Funkadelics), wurde sie die
"African Queen of Bass" genannt.
Auch
heute wird die afrikanische Bass-Königin von ihren Fans
gebührend
gefeiert und kommt an einer Zugabe nicht vorbei. Offenbar hat sie das
nicht geahnt, denn sie hat sich schon von ihrer Bassgitarre befreit.
Das ist nämlich etwas kompliziert, wie sie dem Publikum
schildert: "... meine
Haare, die Ohrringe, die Brille, meine Brust, ..." Das
behindert sie
alles beim An- und Ablegen ihrer Bassgitarre.
Bild
rechts: Setlist des Abends
Live Video:
Manou Gallo
Nun geht es erst einmal in die Umbaupause, bevor es zirka 30 Minuten
später mit den legendären Congos in die
nächste Runde gehen soll. In der Zwischenzeit lernen wir
einen Schmuckdesigner kennen, der wie Lee Perry gerne noch ein
paar Finger mehr gehabt hätte, um noch mehr seiner Kunstwerke
unterbringen zu können. Wir haben den auffälligen
Mann schon oft hier gesehen, aber bisher noch nicht angesprochen. Heute
ist es nun einmal soweit.
Also Leute, ... haltet die Augen offen. Der Mann freut sich bestimmt
über eure Aufträge.
Auf der Bühne sind die nächsten Musiker
und Techniker schon eine Weile kräftig am Werkeln.
Die ersten
Soundchecks
laufen bereits. Wir wundern uns ein wenig über die Anzahl der
Mics für die Sänger. Da fehlt doch eines. Wo man
sonst mit vier Stück zu rechnen hat, stehen heute nur drei. Da
macht sich bei uns schon ein wenig Unruhe breit. Wer wird denn heute
fehlen? Es wird doch nichts passiert sein? Immerhin sind ja die Congos
auch nicht mehr die Jüngsten.
Nachdem der Soundcheck abgeschlossen ist und die Band die Show mit
"Congo Man" eröffnet, klärt sich unsere
Befürchtung auf. Von den vier Congomännern fehlt eine
Stimme, nämlich jene von Kenroy "Talash" Fyffe. Das zuletzt im
Jahr 2006 hinzugestoßene Bandmitglied, ist nun auch das
erste, welches nicht mehr auf der Bühne steht. Eine
kurzfristig oder unverhofft eingetretene Verhinderung scheint es
jedenfalls nicht zu sein, denn der Percussionist trägt schon
ein T-Shirt, worauf nur noch drei Bandmitglieder abgebildet sind.
Hoffen wir dennoch, dass es Talash bald wieder besser geht
und in Zukunft noch einmal mit den anderen Congomännern auf
der Bühne stehen kann.
Als Intro und für den Einzug der Congos wird wie schon
erwähnt "Congoman" vom
1977er "Heart Of The Congos" Album gespielt. Danach folgt mit "Open Up
The Gate" gleich eines der vielen Highlights des heutigen Sets. Auch
dieser
Song ist von dem legendären Album "Heart Of The Congos". Das
Album ist die erfolgreichste Platte der Congos und wurde in Lee
"Scratch" Perry's Black Ark Studio produziert. Auch bei Lee Perry
zählt dieses Album zu seinen erfolgreichsten Meisterwerken.
Damals mit dabei, Musiker wie Boris Gardiner (Bass), Ernest Ranglin
(Guitar), Sly Dunbar (Drums) und andere, die mit dem Album
Reggae-Geschichte schrieben. Heutzutage sind es natürlich
andere Musiker, die den Zauber der alten Songs nach sage und schreibe
48 Jahren ebenbürtig auf die Bühne bringen.
Während der Show beginnt Cedric Myton einen Stapel CD-s zu
verteilen. Einige sind im blauen und andere im roten Umschlag. Der
Zufall will es so, dass wir ein blaues Exemplar bekommen.
Später sind wir überrascht über den Inhalt.
Unser Umschlag enthält eine DVD mit einer Sammlung von
Musikvideos. Alle natürlich von Cedric Myton und den Congos,
mit dem Titel "Some
A Bandulu". Neben den Videos auf dem obigen Screenshot, sind noch "Do
The Sweets Dance", "She Want To Be A Star", "Jah Love Standing Still",
"Freedom And Liberty", "Some A Bandulu" und "The Angels Sings" zu
sehen. Ob die unterschiedlichen Farben der Umschläge auch
für einen anderen Inhalt stehen, wissen wir bisher nicht.
Live Video:
The Congos - 1/2
Die Liste der beeindruckenden Songs ist lang, die wir heute wieder zu
hören bekommen. Neben den eingangs angeführten Titeln
hören wir zum Beispiel "Food For The Rainy Day" (Image Of
Africa 1979), "Ark Of The Covenant" (Heart Of The Congos 1977),
"Warning" (neu 2024), "La Le Belle" (Swinging Bridge 2006), "Lost
Sheep" (Swinging Bridge 2006), "Revolution" (Swinging Bridge 2006) und
viele andere.
Manche Stücke eben auch anders oder gar besser, wie man sie
von der Platte her
kennt. "Live and direct!", wie Cedric immer so schön sagt.
Ein Song fehlt natürlich noch in der Aufzählung.
Keine Angst, der geht nun wirklich nicht zu vergessen. Am Ende
des Sets weht noch einmal der Geist von Lee
"Scratch" Perry über die Terrasse und die Congos stimmen ihren
Megahit "Fisherman" (Heart Of The Congos 1977) an. Das
wird der längste Song des Abends, der auch nicht
ohne Pull Ups auskommt. Die Band liefert ihren krönenden
Abschluss und lässt sich von den Fans gebührend
feiern. Immer wieder äußerst beeindruckend Watty's
Einlagen mit seinem tiefen Baritone. Er ist auch der letzte
der drei
Sänger der die Bühne verlässt. Die folgenden
vier Minuten des über 10 Minuten langen Stücks,
benutzt Gitarrist und Tourmanager Jimaï (Jimmich
Kayans) zur Vorstellung der einzelnen Bandmitglieder, die
selbstverständlich auch noch einmal ausgiebig
gefeiert werden. Eine
tolle Leistung der Band, die im Einzelnen aus Winston Jones (Drums),
Lauren (Keyboard), Alex (Guitar) und Coxx (Bass) besteht. Nicht zu
vergessen der Percussionist, dessen Namen wir leider nicht verstanden
haben. Irgendwo haben wir ihn schon gesehen, aber momentan leider
keinen Namen mehr im Kopf.
Live Video:
The Congos - 2/2
Nachdem der letzte Jubel vor der Bühne verklungen ist,
möchten wir noch einmal versuchen einen Backstagetermin bei
den Congos zu bekommen, aber es ist wieder zwecklos. Niemand ist bereit
uns einen entsprechenden Entscheidungsträger zu vermitteln,
obwohl es relativ einfach wäre
Tourmanager Jimaï mal kurz heranzurufen. Die
Türposten im HKW haben da immer ihre knallharte Devise: "Du
kommst hier net rein!" ;-) In der Regel ist das ja auch richtig so.
Andere Interessenten sind da weniger korrekt oder zimperlich wie wir
und benutzen den
Weg über die Bühne. Völlig unerkannt gehen
sie so als Techniker oder Instrumententräger durch und
gelangen über den Laufsteg durch die Tür ins
Auditorium. Aber egal, da gibt's eben heute keine Backstage
Impressionen, und die Bilder von unserem letzten Treffen aus 2019, auch
hier im HKW, gehen wieder unverziert mit heim.
Im Sylvia Winter Foyer hat inzwischen das DJ-Set mit dem Jamaikaner
Sammy Dread
begonnen, der bereits seit 30 Jahren in Berlin lebt. Noch sieht es hier
recht geräumig aus, da sich die
Paulette Nardal Terrasse
nach dem Bühnenprogramm nur langsam leert. Immerhin gibt es
dort noch ein reichhaltiges Angebot an Speisen und Getränken,
dem sich noch so einige Besucher zuwenden.
Nach der Show von den Congos fällt es schwer, sich auf einen
anderen Musikstil einzulassen, den Sammy Dread gerade auflegt.
Vielleicht wird es ja noch irgendwann anders, aber so fällt
uns der Abschied von Berlin wenigstens nicht so schwer.
Sammy Dread
Soweit ein paar Eindrücke aus dem HKW in Berlin und dem Sonic
Pluriverse Festival.
Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal!
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Text + Videokamera: Peter Joachim
Fotos: Marion + Peter Joachim