Schön,
dass man auf Anthony B in den letzten Jahren
regelmäßig zählen kann. Alle zwei Jahre
beim Summerjam in Köln und in den
Jahren dazwischen zusätzlich noch auf Tour in Deutschland.
Zuletzt als Plant
Manager am 24.08.2006 im Berliner Kesselhaus (siehe ältere
Story), kam er
dieses Jahr am 29.10.2008 nach Berlin. Nur noch drei weitere deutsche
Städte
kamen mit Hamburg, Stuttgart und Dortmund in den Genuss der
diesjährigen „The
Real Revolutionary Tour“. Organisiert wurde das Ganze dieses Mal von
Contour, und
selbst dessen Geschäftsführer Klaus Maack war im
Berliner Kesselhaus mit am
Start, um nach dem Rechten zu sehen.
Obwohl Anthony B einer der
gegenwärtig
bekanntesten und besten Reggaekünstler ist, konnte man dieses
Mal am Eingang
etwas zu seiner Person nachlesen. Eine gute Idee, die man
künftig konsequent
und noch mehr außenwirksamer fortsetzen sollte.
Seit 1996 Anthony B-s
Debütalbum „Real Revolutionary“ in der
Reggaewelt einschlug sind 12 Jahre vergangen und im Durchschnitt
jährlich zwei
neue Alben herausgekommen. Hinzukommen noch viele Compilations und
Singles, die
von dieser Feststellung noch gar nicht eingenommen sind. Die Liste
seiner Hits
hat inzwischen eine beachtliche Länge erreicht und keine
normale Stageshow kann
eine ausreichende Auswahl aus diesem Katalog präsentieren. Mit
im Gepäck hatte
Anthony B sein soeben erschienenes Album „Life over
Death“, welches beim
Konzert erworben werden konnte.
Covers
von “Life over
Death”
Kurz
ein paar Worte zum neuen Album:
Wie es Alben so meistens
an sich haben, ist es eher selten,
dass durchweg der Käufer zufrieden sein wird. Allerdings
werden in diesem Fall
die Erwartungen an einen Anthony B nur mit einigen wenigen Tunes
erfüllt. Von
den 18 Stücken des Albums gehen nur 6 Stücke in
Richtung Reggae.
Bedauernswerter Weise ist das Pulver des Albums schon nach Track Nr. 5
verschossen, als man sich gerade so richtig eingestimmt hat. Nach
„In Time of
Trouble“, „Whip Dem Jah Jah“, Titelsong
„Life over Death“ und dem „Territory
Remix“ gibt es leider keine Steigerung oder Fortsetzung mehr.
Danach driftet
Anthony B von der Rootslinie ab, streift Dancehall u.A.,
berührt teilweise
sogar Pop und wird mit „Don..t Say“ auch ein wenig
funkig. Der Rootsfan wird
viele Stücke musikalisch schwer einordnen können und
weitestgehend die
Skip-Taste in Anspruch nehmen müssen. Etwas befremdlich auch,
das Anthony B in
mehreren Tunes seine einmalige Stimme elektronisch verfremden
lässt, was nun
wirklich nicht sein muss. Hoffentlich wird diese Idee künftig
nicht noch weiter
ausgebaut. Bei Track 8 – „Sleeping In The
Rain“ mit Toots Hibbert und Track 13
– „(Not) Mr. Easy” kann man zwar noch
einmal gut verweilen, aber es bleibt nach
wie vor dabei, dass dieses Album mit nur 6 Titeln auskommen
würde. Fazit: Der
ganz große Wurf ist damit nicht gelungen. Es gibt bessere
Alben von Anthony B.
Die wenigen guten Stücke des Albums möchte man
natürlich trotzdem auf keinen
Fall missen, was letztendlich doch zur Kaufentscheidung führen
dürfte.
Doch zurück zum
Kesselhaus. Mit im Shop dieses Mal auch noch
ein Album von Anthonys bekannten Bassist Ras Droppa. Das Album
heißt „Just a
little song“ und kann auch auf seiner Website www.rasdroppa.com
angehört und erworben
werden. An den Plattentellern arbeitet inzwischen DJ Lou Large und
stimmt schon
einmal die Massive auf den Abend ein. Das Kesselhaus ist nahezu
ausgefüllt,
aber die Gäste haben noch genügend Bewegungsfreiheit
um Rangeleien zu vermeiden.
Ras Droppa ist es auch, der mit einem eigenen Song gegen
21:40 Uhr die Show endlich eröffnet. Er hält
sich nicht lange bei der Vorrede auf und kündigt
kurz danach Anthony B an.
Aus den Boxen ertönt „Equal Rights And
Justice“ und Anthony erscheint
nach einigen Sätzen, unter großem Jubel, auf der
Bühne. Wie gewohnt im
Turbanlook und seinem obligatorischen Stock, der dieses Mal ein anderes
schlichteres Aussehen hat. Erinnert man sich an die Show letztes Jahr
beim
Summerjam, als Anthony B notgedrungen mit einem Schlagzeugstick
auftrat, könnte
man denken, dass sein alter Stock abhanden gekommen ist. Turban und
Jeans sind
im Braunton gehalten und als Kontrast trägt er ein
weißes Hemd mit kunstvollen
roten Stickereien dazu. In der Gesäßtasche hat er
ein Handtuch gesteckt, was
fast bis auf den Boden reicht und bei bestimmten Bewegungen zum Teil
der
Bühnenshow wird. Anthony ist energiegeladen wie immer und
liefert eine
fantastische Bühnenshow ab, die mit zu den beeindruckendsten
überhaupt gehört. Mimik
und Gestik ist wieder einmal eine Augenweide, und ich kann mich nicht
erinnern,
dass Anthony B jemals auf der Bühne eine schlechte Show
abgeliefert hätte. Auch
die zwei mitgebrachten Tänzerrinnen haben sich zu nahezu jedem
Stück andere
Bewegungen ausgedacht und sind eine gelungene Bereicherung auf der
Bühne.
Live
Video:
Reggae Gone Pon Top
Anthony B versteht es wie
kein Anderer die Massive auf die
Spitze zu treiben, um sie dann auch sofort wieder mit ruhigeren und
besinnlicheren Stücken zu besänftigen. So ist immer
gewährleistet, dass keiner
der Fans unnötig austickt und jede Rangelei vor der
Bühne bleibt somit unter
Kontrolle. Einer der besten Kracher der Show ist wieder einmal
„World A Reggae
Music“, bei dem sogar die Getränkepappen neben den
Boxen zum Hüpfen veranlasst
werden. Ebenso genial natürlich „Waan
Back“ oder auch „Waterpumpee“ (Seeed),
was mir dieses Mal instrumental etwas abgewandelt vorkam und
stellenweise ein
wenig vom „World Jam“ („World A Reggae
Music“) Riddim abbekommen haben dürfte.
Einfach nicht zu übertreffen.
Anthony bringt weiterhin einen Querschnitt aus vielen seiner
Alben und wechselt dabei mehrfach den Style, um alle Fanrichtungen
bedienen zu
können. Auch Stücke von seinem neuen Album wie
„Whip Dem Jah Jah“ und „Life
Over Death“ gehören zum Programm. Anthony zieht
durch bis gegen 23:30 Uhr und
macht zwischendurch nur zwei unbedeutende Verschnaufpausen, die gerade
mal zum
Durchatmen gereicht haben dürften. Respekt vor dieser
Leistung, besonders wenn
man noch an diese kräftezehrende Choreographie seines
Bühnenprogramms denkt.
Zum Ende der Show holt Anthony die Massive wieder mit etwas ruhigeren
Stücken
auf den Boden zurück, stellt die einzelnen Bandmitglieder vor
und bedankt sich
bei allen Beteiligten, die bei dieser Show mitgewirkt haben, zu denen
auch das
Publikum gehört. Sein besonderer Dank geht auch an den
„Big Promoter“ Klaus
Maack von Contour, der diese Tour mit ermöglicht hat.
Fazit: Wieder einmal ein sehr gelungener Auftritt von
Anthony B, obwohl ich mir ein paar mehr Kracher vom Format eines
„Rally Round“
gewünscht hätte, den ich schon seit einigen Konzerten
vermisse. Aber wie schon
eingangs festgestellt, hat die Hitliste eine extreme Länge
erreicht, was die
Auswahl auch für Anthony B nicht leicht machen dürfte.
Nach der Show geht..s
dann in..s Studio von IMMusic. Es ist
noch eine Dubplate-Session mit Anthony B
geplant. Puma (LP International) und Rasta Voice sind mit Anthonys Crew
ins
Hotel gefahren, um Anthony später ins Studio führen
zu können. Im Studio
bereitet man sich inzwischen auf die Session vor und feilt noch immer
an den
Texten herum die Anthony einsingen soll. Die Wartezeit zieht sich in
die Länge.
Anthony soll aber schon so gut wie unterwegs sein.
Zwischendurch kommt noch Daddy Bantam (Daddy Yard Sound) ins
Studio, mit einen Artist aus den Vereinigten Staaten, der sich J. Williams
nennt, um ein paar Aufnahmen zu machen. J. Williams ist zum ersten Mal
in
Deutschland und von der hiesigen Atmosphäre sichtlich erfreut.
Mit im Gepäck
hat er zwei Promotion CD-s, die sich „Love Roots Rock
Move“ und „Voice of the
Voiceless“ nennen.
Covers von „Love Roots Rock
Move“
Inzwischen
sind schon ein paar
Stunden vergangen, und es ist immer noch nicht klar, wo der Anthony nun
bleibt.
Puma und Rasta Voice schaffen es offenbar nicht Anthony B ins Studio zu
bewegen.
Im Studio macht sich langsam
Hoffnungslosigkeit breit. Nach über drei Stunden Wartezeit
dann die
entscheidende Ansage von Citylock: „Entweder es geht jetzt
los, oder wir blasen
die Sache ab!“
Im Gegenzug kommt die Einladung ins
Hotel. Nun dazu ist man eigentlich nicht vorbereitet und muss wieder
umdisponieren. Jetzt geht alles ganz schnell. Die Riddims werden auf
diverse
Speicher gezogen. Es kommt zu Platzproblemen, da man darauf eben nicht
vorbereitet war. Schnell noch das restliche Equipment gedanklich
durchchecken,
greifen und ab geht..s bei strömenden Regen in die fahrbaren
Untersetzer und zum
Hotel.
Das entsprechende Hotelzimmer ist
schnell gefunden. Puma und Rasta Voice sind mit Anthonys Engineer im
Zimmer,
der schon die Technik vorbereitet hat und nun die Riddims in den
Rechner
einspielt. Ein wenig später klopft es leise und Anthony B
tritt mit
übergezogener Kapuze und munterem Blick in den Raum. Alle sind
erleichtert,
dass es nun doch noch was mit der Session wird.
Phil von Citylock übernimmt wieder
das Ruder und spricht mit Anthony die Plates durch. Anthony ist gut
gelaunt,
sehr gesprächig und noch voll Energie. Selbst im Zimmer
scheint er von seiner
Show nicht loszukommen und kann kaum an einer Stelle länger
verweilen. Für uns
ist es nahezu der zweite Teil der Show. Es dauert nicht lange und
Anthonys
Kapuze rutscht herunter, worauf sicher schon jeder gewartet hat. Ein
seltener
Anblick – Anthony ohne Turban und mit langen feinen Dreads.
Er hat nicht einmal
etwas dagegen, wenn man ihn so fotografieren oder filmen
möchte. Mit Gram muss
ich an die Show zurückdenken, wo man das Filmen verbot, weil
angeblich der
Anthony dies nicht möchte.
Diese Erfahrung haben wir schon
öfter gemacht, dass die Artists bei persönlicher
Nachfrage eine völlig andere
Entscheidung treffen. Anthony arbeitet alle gewünschten
Dubplates zur vollen
Begeisterung der Anwesenden ab. Anthonys Stimme ist noch
völlig unverbraucht
und vom Klang her nicht anders als auf der Bühne. Einfach
beeindruckend.
Live Video: Dubplate Session Mix
Als
alle Plates im Kasten sind, hat der Engineer noch etwas Arbeit, um die
Sachen
übergabereif für die Sounds abzuspeichern. Anthony
verlässt zu diesem Zeitpunkt
noch nicht das Zimmer und macht weiter den Performer und Entertainer,
dessen
Energie nie zu Ende zu gehen scheint. Es redet nahezu nur Einer und das
ist
Anthony B – es gibt einfach kaum Platz für
Zwischenfragen und niemand traut
sich ihn zu unterbrechen. Sehen, hören und staunen –
ist aber befriedigend
genug für Alle. Unsere Fragen bleiben weitestgehend ungestellt
und müssen auf
eine andere Gelegenheit warten.
Gegen 5:00 Uhr am Morgen sind wir
dann schließlich alle im Fahrtsuhl und Anthony verabschiedet
sich. Nicht mehr
lange, und der Tourbus wird schon wieder in Richtung Hamburg abfahren.
Hoffen
wir, dass die Zeit bis zum abendlichen Auftritt in Hamburg für
Anthony B als
Erholung ausreicht. Da sind wir allerdings guter Hoffnung, so wie wir
ihn
gerade erlebt haben, könnte es auch gleich weitergehen.
Hier noch ein paar
CD-Empfehlungen aus Anthonys umfangreicher Discography.
Bild 1:
Street Knowledge
Bild 2:
Justice Fight Bild 3:
Powers Of Creation
Bild 4:
Black Star Bild 5+6:
My Hope Bild 7:
Gather And Come
Bild 8:
Higher Meditation
Copyright:
Text und
Fotos by Reggaestory
Mein
besonderer Dank
geht an das Management der Kulturbrauerei
Berlin, Thorsten von Contour,
Citylock, IMMusic und natürlich an Anthony B selbst, die mit
zum Gelingen
dieser Story beigetragen haben.
Interessenten
für das Album „Life
over Death“ und weitere, können sich unter Anderem
bei www.irierecords.de
umsehen.