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 The Jungle
JAMAICA EINMAL ANDERS

Teil 15
01.08.2008 – Negril - Emancipation-Day - Elephant Man


Hermans House Nach zwei Wochen Abenteuer beginnt nun die Phase der AI-Verwöhnung, in der wir ganz entspannt die zurückliegenden Erlebnisse verarbeiten können. Das viele Papier der Hotelempfangsunterlagen bietet uns nicht viel Neues. Auch das teure Ausflugsprogramm kann uns nicht mehr locken. Das meiste haben wir schon gesehen und was noch übrig bleibt ist eher unspektakulär. 
Das macht überhaupt nichts. Ärgerlich ist lediglich, dass die Konzertvielfalt bezüglich Reggae, die wir erwartet haben, offenbar nicht eintreten wird.

Nach einem langen und vielfältigen Frühstücksbuffet geht es erst einmal zum „Ferieninformationstreff“. Man kann immer etwas dazu lernen, und schließlich ist es schon ein „paar“ Jahre her, als wir hier waren. An den Informationstreff ist eine kostenlose Ortsrundfahrt gekoppelt, die uns einen aktuellen Überblick verschaffen wird.

Negril Map Big

Negril - Übersichtsplan (Im Großformat downloadbar - Rechte Maustaste --> Grafik anzeigen)

Negril Map - Wesentliche Details

Negril - Orientierungsplan mit den wesentlichen Dingen des Ortes

9:25 Uhr ist die Abholung angekündigt, die sich natürlich auch hier um so einige Minütchen nach hinten verzögert. Beteiligt sind noch andere Gäste von weiteren Hotels, die erst eingesammelt werden müssen. Die Reiseleiterin ist schon mächtig angenervt. Auf den Straßen ist heute viel Glück erforderlich, wenn man einen bestimmten Zeitplan einhalten möchte. Die Party des Tages, oder dessen Vorwehen haben schon überall begonnen. Aus den umliegenden Landesteilen fallen endlose Fahrzeugkolonnen in Negril ein, die mit lautstarkem Getöse die Straßen belagern und vielfach für Verstopfungen sorgen. Am Straßenrand braucht man jetzt starke Nerven, alle paar Meter andere lautstarke und übersteuerte Musik, die natürlich nicht nur vom Feinsten ist.

Negril Negril Negril

Negril

Party auf dem Red Bull Truck, der fast den ganzen Tag die Straße hoch und runter fährt.

Jeder hält sein Programm für das Beste und hat natürlich die Scheiben runter gekurbelt bevor sie noch zerspringen. Alles vibriert bis zur Schmerzgrenze. Heiße Auspuffgase blasen einen immer wieder an und verstärken noch die Hitze des Tages. Vom PKW über Geländewagen bis zum riesigen Truck ist alles dabei, was schwer einschätzbar macht, wo die Gefahrenquelle Auspuff gerade liegt. Im ganzen Durcheinander hört man so gut wie keinen Reggae, aber dafür sieht man Bling Bling, Sonnenbrillen und Baldheads ohne Ende. Jamaica, Geburtsland des Reggae, wo bist du nur geblieben? Der Norman Manley Boulevard ist heute eher nichts für Spaziergänge.
Unsere Reiseleiterin macht natürlich das was alle Reiseleiter machen – Geschäfte zeigen. Immerhin fällt da vielleicht die eine oder andere Provision ab. Alle möglichen Mitbringsel werden empfohlen, die bei uns weitestgehend auf taube Ohren stoßen. Blue Mountain Kaffee und Appleton Rum haben wir schon viel preiswerter auf unserer Rundreise erstanden und alles Andere heben wir uns für spätere Erkundungsspaziergänge auf. Ein guter Tipp sind jedoch Duftkerzen in verschließbaren Blechdosen, die es in den verschiedensten Noten gibt. Der Duft verfliegt garantiert nicht. Nicht so wie bei unseren Duftkerzen die nach nicht einmal einem Jahr Schranklagerung alle gleich oder nach gar nichts mehr riechen.

Negril Coffee-Candle

Bild 1: Straßenansicht - Eingang zum Merril´s II Beach Resort
Bild 2: Blue Mountain Coffee Candle in der Blechdose - Sehr gut!

Weiter geht es vorbei am Negril Craft Market, der sich noch immer neben der Brücke am South Negril River befindet. Dort kann man sich bezüglich jeglicher einheimischer Handarbeiten eindecken. Einige Werkstätten stehen einem kleinen Volkskunstmuseum fast nicht nach. Kurz danach folgt der Kreisel von Negril Village, dessen Umfeld gleichzeitig als Newspaper von Negril angesehen wird. Hier stehen ringsherum sämtliche Papptafeln, die von kommenden Events in Negril und Umgebung künden. Wenn hier nichts steht, ist auch nichts los. In der Nähe des Kreisels und noch einmal ein Stück weiter in Richtung West End, sind auch die meisten Geschäfte des Ortes.
Wir fahren weiter bis zum Negril Lighthouse, welches sich noch ein Stück hinter dem kultigen Rick´s Café befindet. Täglich gegen 17:00 Uhr beginnen sich die Bars und Restaurants am West End gnadenlos zu füllen, um den Sonnenuntergang des Tages abzuwarten. Besonders natürlich in Rick´s Café, neben dem auch noch die Klippenspringer unter dem Beifall der Gäste, ihre tollkühnen Künste vorführen. Es sieht heute ein wenig verbaut aus. Wo man früher noch als Außenstehender den Klippenspringern zusehen konnte, hat man heute fast keine Chance mehr. Fast alles ist abgegrenzt und man muss Gast des Cafés werden.
Letztes Hotel vor dem Negril Lighthouse ist Chris Blackwell´s „The Caves“. Chris Blackwell, der als Gründer von Island Records und Produzent von Bob Marley zu Ruhm und Vermögen gekommen ist, hat sich hier ein kleines Paradies in die Klippen von Negrils West End gebaut. Sieht alles sehr luxuriös aus und erinnert eher weniger an Blackwell´s frühere Tätigkeit.
Wir machen Pause am Leuchtturm und lassen unsere Blicke über die felsige Küstenlandschaft schweifen. Nach Voranmeldung kann man auch den Leuchtturm besteigen, dessen Aussichtsplattform sich ungefähr 20 Meter über dem Boden befindet. Von den oberen Klippen bis zum Meer sind es dann noch einmal mindestens 10-15 Meter. Also kann man einen Rundblick aus ca. 35 m Höhe über die Küste genießen. Heute ist natürlich keine Zeit dafür eingeplant, da es nur eine kleine Infofahrt für die neuen Hotelgäste ist.

Negril Lighthouse Negril - The Caves Negril Lighthouse

Bild 1 - 3: Am Negril Lighthouse
Bild 2: Blick zu Chris Blackwell´s "The Caves"

Negril - West End Negril - Wärterhaus Negril Lighthouse

Negril - West End

Negril - West End Negril - West End

Bild 1 - 6: Am Negril Lighthouse

Nachdem wir auch noch ein paar ruhige und traditionelle Nebenstraßen von Negril, die Kirche und alle wichtigen Anlaufpunkte des Ortes in unseren Erinnerungen aufgefrischt bekommen haben, geht es wieder zurück zum Hotel.
Bevor es zur ersten Strandwanderung des Tages geht, muss natürlich erst einmal die naheliegende Disco untersucht werden. Nicht das wir irgendetwas am Abend verpassen. Die Disco „The Jungle“ am Norman Manley Boulevard ist kaum zu verfehlen. Ein großer aufgeblasener Affe oder so etwas ähnliches, winkt schon aus großer Ferne mit einer Red Stripe Flasche. Und tatsächlich – Elephant Man, von dem wir gestern schon ein Plakat gesehen hatten, tritt schon heute Abend hier auf. Busy Signal folgt dann morgen. Na mal sehen, wenn es schon sonst nichts in Sachen Reggae oder Dancehall gibt, ist das noch das Beste.

Negril - The Jungle Negril - The Jungle

An der Straße kündet noch ein Schild von Gregory Isaacs, Ken Booth, Leroy Sibbles, Sugar Minott und anderen. Ja das wäre das Richtige. Leider liegt das wieder nicht in unserem Zeitrahmen. Bis zum 16. August können wir leider nicht hier bleiben.

Negril Negril - Jerk Chicken

Bild 1: Werbetafel am Norman Manley Boulevard
Bild 2: Frisch gegrilltes Jerk Chicken gefällig?

Gut so weit - oder nicht so gut. Jetzt geht es aber endlich an den Strand. Hier ist es ein ganzes Stück ruhiger. Die Partygänger des Emancipation-Days konzentrieren sich vorerst nur auf die Straßen und die eigens dafür abgegrenzten Festplätze, die man schon aus großer Ferne erkennt. Unzählige Poster und Aufkleber von Appleton, Red Stripe oder auch Red Bull markieren die Absperrungen aus Wellblech oder Machendraht. Künstler die auf deren Programmen stehen, sind uns größtenteils eher unbekannt und haben in der Regel nicht annähernd etwas mit Reggae oder Dancehall zu tun. Verantwortlich dafür sind hier die zwei großen Veranstalter ATI (Appleton Temptation Isle – Größter Rum-Hersteller Jamaicas) und RTI (Red Stripe Temptation Isle – Hersteller des lokalen Bieres). Daran werden wir uns ganz sicher nicht beteiligen.
Schauen wir einmal was bei „De Buss“ so anliegt. Der Standort dieser Location liegt etwas westlich von unserem Hotel. Maximal 10 Minuten Strandspaziergang. Früher markierte ein bunt bemaltes rostiges Buswrack an der Straße den Standort. Den hatten wir vorhin schon vermisst. Und tatsächlich - „De Buss“ gibt es nicht mehr. Den Bus hat schon lange der Rost gefressen und die Location heißt heute „Bourbon Beach“. Früher war hier eine Lücke in der Bebauung und nun steht hier ein Hotel.

DeBuss - Negril

Ehemalige Straßenmarkierung für "De Buss!" aus 1999

Auch egal, Hauptsache die Bühne und dessen Programme gibt es noch. Für den 4. August ist Frankie Paul angekündigt. Da sind wir noch hier. An den anderen Tagen kommt leider nix. Schade. Die Bühne hat sich in ihrem Aussehen erheblich verändert. Sieht heute alles recht solide aus. Vor allen Dingen wird hier wirklich noch Reggae gespielt. Der vielsagende Schriftzug an einem Bühnenpodest und vor allen Dingen die riesigen Malereien an der Bühnerückwand lassen keine Zweifel zu. Bob Marley, Peter Tosh, Bunny Wailer, Dennis Brown, Gregory Isaacs und Andere grüßen von dort mit überlebensgroßen Portraits. Auf der Bühne liegen viele Werbetafeln zum trocknen, die bereits ihren neuen Anstrich für das nächste Event bekommen haben. Weitere Tafeln sind gerade noch in Arbeit. Gedruckte Poster sind hier in Jamaica noch in der Minderheit. Der größte Teil der Konzerte wird mit per Hand gemalten oder gesprayten Tafeln beworben.

Negril - Bourbon Beach Negril - Bourbon Beach Negril - Bourbon Beach Negril - Bourbon Beach Negril - Bourbon Beach Negril - Bourbon Beach Negril - Bourbon Beach

Bild 1 - 7: Negril - Bourbon Beach
Bild 3 - 6: Die Bühne als Plakatwerkstatt

Für´s Erste sind wir jetzt ausreichend im Bilde und können den Rest des Tages beruhigt dem Meer und unserem AI-Angebot widmen.

Merrils - Negril Merrils - Negril Merrils - Negril Merrils - Negril

Bild 1 - 4: Hotelansichten vom Merril´s

Nach dem Abendbrot wird beschlossen das Konzert mit Elephant Man aufzusuchen. Das vorläufige Abstimmungsergebnis lautet 2:1 für Ele. Als wir am Einlass des Nachtclubs eintreffen und Marion den Sicherheitsdienst in schusssicheren Westen und mit Maschinenpistolen bewaffnet sieht, ändert sich das Abstimmungsergebnis auf 2:1 gegen Ele. Da helfen keine Überzeugungsversuche, dass dies doch alles nur der Sicherheit dient usw. usf. – ich muss Marion zurück zum Hotel bringen und allein zurück in den „Jungle“. Wenn wir schon hier sind, kann ich das Konzert doch nicht durch die Lappen gehen lassen. Die ganze Reise hatten wir bezüglich Konzerte schon Pech gehabt und waren immer zur falschen Zeit am falschen Ort.
Auf mich haben die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen eher eine beruhigende Wirkung. Alles wird sorgfältig untersucht. Jede Hosentasche umgestülpt und jede Handtasche untersucht, Leibesvisitation eingeschlossen. 1000 Jays kostet der Eintritt für eine Person.
Im Club ist es recht kühl und sehr dunkel. In der unteren klimatisierten Etage wird moderne internationale Musik gespielt. Auf der überdachten Dachterrasse gefällt es mir besser. So sehr warm ist es jetzt nicht mehr, dass man eine Klimaanlage unbedingt nötig hat. Auch hat man hier einen schönen Ausblick aufs Umfeld, den Einlass und auf die Bühne im Außenbereich. Vor allen Dingen gibt es hier oben endlich auch die richtige Musik. Ich sitze bei einem Red Stripe ganz gemütlich am Geländer mit Bühnenblick und hoffe auf baldiges Erscheinen des Energy Gods Ele. Da habe ich mich aber schwer getäuscht. Die Stunden gehen dahin, Stunde um Stunde und werden mir immer länger. Langsam habe ich mit der Müdigkeit zu kämpfen. Hier aufstehen geht aber nicht mehr. Alle guten Plätze am Geländer sind inzwischen hoffnungslos in Beschlag genommen. Wenn ich jetzt aufstehe war´s das. In das Gedränge auf den Hof will ich heute auf keinen Fall. Da verzichte ich lieber auf ordentliche Fotos. Inzwischen ist es nach 3:00 Uhr morgens geworden, als mich ein immer wieder laut angestimmtes „Tuuut, tuuut, tuuut“ (oder so ähnlich) der Massive auf ein baldiges Erscheinen des Rüsseltieres hoffen lässt. Und tatsächlich kommt Ele nach ein paar Vorsängern und Sängerinnen, sowie nach dem Einsatz von Konshens, auf die Bühne. Ele hat rote und gelbe Zöpfe, je zur Hälfte, die eng an seine Kopfhaut angeflochten sind. An den frei hängenden Enden sind bunten Perlen eingeflochten. Ansonsten sind seine Sachen überwiegend in schwarzgrau und weiß gehalten. Jede Menge Bling Bling darf natürlich auch nicht fehlen.

Negril - Elephant Man Negril - Elephant Man Negril - Elephant Man

Negril - Elephant Man

Bild 1 - 4: Elephant Man auf der Bühne in "The Jungle"

Seine Anzugsordnung lässt im laufe der Show immer mehr Federn. Die ständigen Dancehalleinlagen mit „Big Bamboo Massagen“ lassen seine Hose immer mehr in Richtung Kniekehlen rutschen. Bei einer Aktion reißt er fast den Bühnenpavillon nieder. Mächtig gewaltige Stimmung da unten. Hier oben ist das Treiben wegen der Tische und Stühle nicht ganz so doll. Zum Glück. Ele´s aktueller Hit „Gully Creepa“, der schon einen neuen Tanzstil nach sich gezogen hat, ist selbstverständlich auch Bestandteil der Show. Man muss nur die ersten Töne und die Gangart sehen, da weiß man was kommt. Leider, wie fast bei allen Stücken seines Auftritts, gibt es auch hier keine volle Länge.



Live Video Snippets: Konshens und Elephant Man

Nach einer halben Stunde ist der Energy God aber schon am Ende seiner Energie. Das Rüsseltier verlässt die Bühne und bullige Bodyguards verstellen sämtliche Hoffnungen auf eine Audienz. Ich komme mir vor wie ein Zwerg. „Nur Mädels!“, geben die mir unmissverständlich mit grimmiger Mine zu verstehen. Aber auch die Mädels werden erst einer Bemusterung unterzogen. Nur wer den Idealen der Bodyguards entspricht, kann dann jubelnd und aufkreischend die gewichtigen Typen passieren. Nur wenige haben das Glück.
Etwas später kommt Ele aus dem Backstage gestürzt. Vorneweg die Bodyguards, die alles aus dem Weg räumen und hinterher Eles Clique. Sie schwingen sich auf ihre Motorräder und wollen gerade verschwinden. Und da ist meine Chance. Eles Motorrad streikt. Jetzt geben die Typen endlich auf, mich fern zu halten und gestatten mir ein paar Schnappschüsse. „Mach aber schnell!“, so die Ansage.

Negril - Elephant Man Negril - Elephant Man Negril - Elephant Man Negril - Elephant Man Negril - Elephant Man Negril - Elephant Man

Bild 1 - 6: Elephant Man und sein streikendes Motorrad

Leider geht das alles viel zu schnell, und meine Bilder gelingen nicht so recht. Aber egal, irgendwann wird es schon noch einmal klappen und als Beleg genügen sie allemal. Dann springt das Motorrad an. Ele knattert im Pulk seiner Clique auf den Norman Manley Boulevard hinaus und verschwindet in der Finsternis.
In der Ferne dröhnt nur noch der Lärm der vielen Partys, die wohl noch bis zum Morgengrauen gehen werden. Auf meinen paar Metern bis zum Hotel mindert zum Glück das Konzert der Baumfrösche das Getöse etwas ab und erinnert mich wieder an die andere Seite von Jamaica.

Copyright:
Text und Fotos by Reggaestory

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Bourbon Beach