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JAMAICA EINMAL ANDERS

Teil 13
30.07.2008 – Y.S. Falls - Appleton Estate - Accompong - Bamboo Avenue -
Fort Charles Bay


Hermans House Für 7:00 haben wir unser Frühstück bestellt, da wir so zeitig wie möglich aufbrechen wollen. Einen anderen Fahrer müssen wir uns vielleicht auch noch suchen, falls die gestrige Ansage nicht noch revidiert wird. Fragen will ich jedenfalls nicht mehr und gehe noch vor dem Frühstück zur Straße, um nach einem fahrbaren Untersatz Ausschau zu halten.
Billy Bay ist aber noch total verschlafen und keine Seele ist auf den Straßen auszumachen. Also gehe ich erst einmal zurück, um nach unserem Frühstück zu sehen. Pauline ist auch noch nicht aufgestanden, und wir müssen auf unser Frühstück eine halbe Stunde länger warten als vereinbart. Dann ruft mich Pauline tatsächlich ans Telefon. Es ist Lennie. Er versucht mit mir zu handeln, aber ich habe keine Lust dazu. „Bei 160 USD fällt der Trip definitiv aus!“, sage ich zu ihm. „Es gibt genügend andere Fahrer, die für weniger fahren. Auch auf deiner Internetseite stehen nach wie vor die Preise, die wir abgestimmt haben.“, ergänze ich. Lennie überlegt und geht schließlich auf 120 USD runter. Gut, wegen 20 Dollar Unterschied werde ich jetzt nicht nach einem neuen Fahrer suchen und womöglich viel Zeit verplempern, die uns am Ende des Tages fehlt. Ich sage zu und Brian, der die Sache aus der Ferne verfolgt, ist erleichtert. So können wir entspannt unser Frühstück genießen, während Brian das Auto wienert und sich auf die Fahrt vorbereitet.
Zuerst fährt Brian in Richtung Pedro Cross, um dort seinen Tank aufzufüllen. Dann nehmen wir die Straße über Newell, Barbary Hall und Park nach Black River. In Black River werden wir erst morgen einen Spaziergang zur Auffrischung unserer Erinnerungen durchführen und fahren deshalb gleich weiter in Richtung Middle Quarters und von dort zu den Y.S. Falls.
Die Fälle sind in Privatbesitz und liegen auf einer riesigen, landschaftlich reizvollen Farm. Weit ausladende riesige Bäume stehen im satten Grün und spenden Rindern und Pferden Schatten, die sich eng gedrängt darunter ausruhen. Ein paar Kuhreiher schweben durch die Landschaft und halten Ausschau nach ihrer persönlichen Kuh.

Gelände bei den Y.S. Falls Landschaft bei den Y.S. Falls
Landschaft bei den Y.S. Falls Landschaft bei den Y.S. Falls 

Bild 1 - 4: Landschaft bei den Y.S. Falls
Bild 3 + 4: Die Rinder suchen schon am Morgen den Schatten unter den Bäumen

Die Sonne brennt schon erbarmungslos, obwohl es noch früh am Morgen ist. Der Eigentümer des Grundstücks hält sämtlichen Fahrverkehr von den Fällen fern. Ungefähr 15 Traktorminuten vor den Fällen befindet sich deshalb die Anmeldung mit großzügig gestaltetem Souvenirshop und Kasse. Für den Erwachsenen sind 14 und für Kinder 7 USD zu berappen, wenn man an die Fälle will. Madlen nimmt man uns noch als Kind ab, was uns einen Teil der Preissteigerung für die Tour wieder zurückbringt. Dann geht die Fahrt in kleinen Personenwaggons, gezogen von einem Traktor, auf holprigen Wegen über die ausgedehnten Weideflächen der Ranch. Immer wieder muss angehalten und Weidegatter geöffnet und geschlossen werden. Als wir den Wald erreichen wird es ein wenig frischer. Neben uns rauscht bereits der Y.S. River mit milchigem Wasser durch das steinige Flussbett. Scharfkantige Steine sieht man nicht, alles ist rund genuckelt und mit Kalk überzogen. Der Weg ist schmal. Keine Chance für Gegenverkehr. Die Traktorfahrer haben sich darauf eingestellt und stimmen sich mit Funkgeräten ab, wer wann in welche Richtung fahren kann oder besser in einer der wenigen Ausweichnischen der Strecke warten soll. Dann ist es soweit und die wohl imposantesten Fälle von Jamaica zeigen sich im dichten Dschungel.

Y.S. Falls 
Y.S. Falls Y.S. Falls

Bild 1 - 3: Y.S. Falls

Das Wasser stürzt in mehreren breiten gleichmäßigen Kaskaden von einem Becken in das andere. Jetzt geht es nur noch zu Fuß weiter. An jeder Stelle des Weges gibt es immer wieder neue Eindrücke. Ein paar Guides warten auch schon auf Kundschaft, die zum Glück noch äußerst spärlich gesät ist. Wir haben wieder „Schwein“ und die richtige Zeit getroffen. Allerdings sind diese Fälle sowieso eher der Geheimtipp und bei weitem nicht so stark frequentiert wie die Dunn´s River Falls in Ocho Rios. Hoffentlich bleibt das so. Diese Fälle hier kann man aber auch nicht besteigen und muss am Rande entlang nach oben gehen und gelangt so von einem Becken in das andere. Einen Guide, der uns unbedingt ins Wasser bringen will, vertrösten wir auf später. Zuerst wird der gesamt Weg abgegangen und angeschaut was anzuschauen geht. Eine fantastische Natur. Wenn man genügend Zeit hat, kann man hier durchaus einen halben Tag oder länger verbringen.

Y.S. Falls Y.S. Falls

Bild 1 + 2: Canopy Ride über den Y.S. Falls

Es hat sich viel verändert und viel Neues ist dazu gekommen. Über uns spannt sich ein Seil durch die Bäume und plötzlich kommt es ins Schwanken und eine Person kommt daran herunter geglitten. Canopy Ride gab es hier früher noch nicht. Mit 30 USD wäre man dabei. Aber das muss ich nicht unbedingt haben, auch wenn es noch so schön sein mag und plane lieber ein ausführliches Bad mit harmlosem Sprung vom Tarzanseil ein. Laut Brian baut der Besitzer die Anlagen immer weiter aus und will den Fußweg auf noch höher liegende Kaskaden ausdehnen. Zurzeit ist der weiter führende Weg aber noch gesperrt und nicht fertig gestellt. Also geht es zurück zur Badestelle mit dem Tarzanseil, wo die Water-Guides bemüht sind, den Spaß erst einmal genau vorzuführen. Immer schön an deren Anweisungen halten und es kann überhaupt nichts passieren. Klamotten aus, etwas abkühlen, Handschuhe an und ab geht’s mit Schwung über eines der Wasserbecken und hinein in die Fluten.

Y.S. Falls Y.S. Falls Y.S. Falls Y.S. Falls

Bild 1 - 4: "Tarzan" in den Y.S. Falls

Auch hier ist wegen der Regenfälle der zurückliegenden Wochen, die Strömung stärker als sonst. Als ich wieder auftauche, treibe ich schon mit unglaublicher Kraft der nächsten Kaskade entgegen. Die Guides gestikulieren auf der Klippe wie wild, aber ich habe längst selbst verstanden, dass ich etwas tun muss, um nicht eine Etage tiefer zu landen. Eigentlich gut machbar, wenn man sich nicht vertrödelt. Unter die Fälle schwimmen, wie früher schon einmal probiert, geht heute nicht wegen der verstärkten Strömung. Aber weil´s so einen Spaß macht geht es gleich noch einmal zurück ans Seil zu einem neuen Sprung.

Y.S. Falls Y.S. Falls Y.S. Falls Y.S. Falls

Bild 1 - 4: Baden in den Y.S. Falls

Marion und Madlen lassen sich nicht verleiten, da kann sich der Guide bemühen wie er will. Aber er kennt ein paar Stellen, wo man auch ohne zu baden mit den Fällen in Tuchfühlung gehen kann.
Für mich hat er noch paar andere Sachen auf Lager, die ich meinem Vorführmeister nachmachen soll. Letztendlich soll ich auch noch in das tiefer liegende Becken springen. „Du zuerst!“, sage ich ihm. Ich springe doch nicht ins Ungewisse ohne vorher gesehen zu haben, dass es funktioniert und vor allen Dingen wo genau! Nach diesem Sprung ist dann aber Schluss mit dem Geplansche. Noch schnell ein paar Fotos und dann geht es wieder in die Sachen. Brian steht ebenfalls die ganze Zeit im Trockenen und hatte auch keine Lust für diese schöne Erfrischung. Aber er hat ja diese Gelegenheit sicher öfter.
Nach dem sich unser sehr fürsorgliche Guide über ein Trinkgeld von uns gefreut hat, gehen wir wieder in Richtung Haltestelle. Auch dort gibt es einen umfangreichen Souvenirshop, der nichts zu wünschen übrig lässt. Ein paar Stapel aktueller Albumwerbung von Morgan Heritage, Anthony B und Anderen, liegen auch zur kostenlosen Mitnahme bereit. Leider sind wir für den Transport von Postern nicht gerade ausgestattet und gefaltete oder geknitterte Poster möchten wir nicht mit nach Hause nehmen. Mit Postern ist das sowieso immer so eine Sache. Am liebsten würde man sich ja jedes Poster gerne einverleiben, aber wo hängt man die dann später alle hin. Nur die wenigsten haben bisher einen Platz zuhause gefunden, und der Rest wartet in einer immer dicker werdenden Rolle auf künftige Wiederentdeckung. Also lassen wir das lieber.
Dann kommt auch schon unser Sonder-(Traktor)-Zug und schafft uns wieder aus dem Paradies heraus zurück zur Ausgangsposition. Es geht weiter mit unserem Tagesplan. Wir passieren bald die Bamboo Avenue, die wir aber erst für unseren Rückweg als Halt einplanen. Weiter geht es nach Norden in Richtung Maggotty und von dort zur Appleton Estate. Dort werden wir uns so richtig und ganz legal benebeln und für den restlichen Tag die beste Laune verschaffen. Wer dort schon einmal war oder den Namen Appleton kennt, weiß warum.
Appleton gibt es seit 1743 und ist der beste Rum aus Jamaica oder gar weltweit. Das Gut ist die älteste Zuckerrohrplantage und Schnapsbrennerei von Jamaica. Das zum Fermentationsprozess benutzte Wasser ist besonders weich und kommt von einer eigenen Quelle des Grundstücks. In unzähligen Holzfässern reift der kostbare „Saft“, bis er zu den verschiedensten Kreationen zusammengestellt wird. Es gibt den braunen Rum in verschiedenen Altersklassen wie 8, 12, 21 oder 30 Jahren. Am beliebtesten ist die Sorte V/X, der wohl am meisten in den Pappkartons der beschwipsten Besucher als Mitbringsel landet. Übrigens steigt der Preis, um so älter das kostbare Nass ist. Erkennbar und aufgedruckt ist das Alter am oberen runden Etikett der Flasche. Wobei der braune feine Rum überwiegend der Exportrenner ist und bei 40% Alc./Vol. liegt, wird von den Jamaicanern der weiße Rum bevorzugt, der es allerdings mehr als in sich hat. Mit 62,5% oder auch bis ca. 75% "guaranteed full strength" ist der “Wray & Nephew Overproof“ mit gelben Etikett, der am meisten verkaufte Rum. Pur oder nur mit ein wenig Wasser verdünnt, kann man sich so ein wenig bei den einheimischen Gelagen Respekt verschaffen, da dies in der Regel nicht das Getränk der Inselbesucher ist. Aber damit ist die Produktpalette noch längst nicht ausgeschöpft – jedenfalls nicht bei dem abschließenden Verkostungsgelage der dort angebotenen Rumtour. Da gibt es Kreationen mit Kokosnuss, Schokolade, Kaffee, diversen Gewürzen und und und … Viel Spaß und genau überlegen was man kostet. Was sowieso im Shop gekauft wird, muss man vorher nicht kosten, sonst schafft man es womöglich nicht mit Durchkosten der Flaschenbatterie.
Als wir auf den Parkplatz von Appleton einschwenken und unser Auto verlassen, liegt schwerer süßlicher und betörender Geruch in der Luft. Herzlich willkommen zur Rum Tour.

Appleton Estate Appleton Estate Appleton Estate
Appleton Estate Appleton Estate

Bild 1: Eingangstor zur "Appleton Estate"
Bild 2 + 3: Tickets
Bild 4 + 5: Fabrikgebäude von Appleton Estate

Volljährige „Kinder“ gilt es nun auch als volljährig anzugeben, sonst wird man selbstverständlich von der Verkostung ausgeschlossen. Die Markierung erfolgt wie bei „All Inclusive“ mit farbigen Plastearmbändchen. 15 USD kostet der Spaß je Person, nicht für Brian, da Fahrer und Führer in der Regel kostenfrei mit ihren Gästen mitgehen können. Brian ist schon jetzt voller fröhlicher Stimmung, obwohl es noch gar nichts zu trinken gab. Aber das ändert sich sofort. Gleich nach der Begrüßung gibt es den ersten Becher als Wegzehrung in die Hand. Wir brechen auf zur Rum Tour. Fotografieren verboten – jedenfalls im Innenbereich der Destille.
Von der Zuckerrohrernte bis zum fertigen Rum bekommt der Besucher einen Einblick. Teilweise in die Industrieanlagen und teilweise in gesonderten Vorführungen, die nicht ohne Spaß verlaufen.
Wo man früher noch richtige Esel an der Zuckerrohrpresse hatte, werden heute bei jeder Vorführung Touristenesel benötigt, die im Kreise traben müssen, bis das Zuckerrohr seines süßen Saftes beraubt ist. Donkey Brian, der eigentlich kein Tourist ist und sich freiwillig gemeldet hat, schlägt sich tapfer. Dafür darf er auch als erster das Ausgangsprodukt der Rumherstellung kosten. Auch die weiteren Zwischenschritte bis zum fertigen Rum können verkostet werden. Dann geht es ins Fasslager, wo wir erst einmal „unser“ Fass aussuchen und entsprechend beschriften. Leider wird sich daran niemand halten. Wie viele Dollars hier umgerechnet wohl lagern?

Appleton Estate Appleton Estate
Appleton Estate Appleton Estate
Appleton Estate Appleton Estate

Bild 1 - 6: Appleton Estate
Bild 1 - 3: Im Fasslager von Appleton Estate
Bild 2: "Mein" signiertes Fass
Bild 3: Nicht alle Fässer dürfen signiert werden!!
Bild 4: Besteigbarer Aussichtsturm
Bild 6: Historischer Rum-Transporter

Aber nun geht´s zum krönenden Abschluss der Tour in die wohl temperierte Probierstube. Erst einmal wird der Tresen mit neuen vollen Flaschen bestückt und die ganze Galerie erläutert. Dann kommt für die Erstbesucher die unglaubliche Ansage: „Die Bar gehört ihnen!“ Wir kennen das ja schon, und es ist wirklich so. Jeder kann trinken so viel er will und was er will. Aber Vorsicht ist geboten. Draußen in der Hitze gibt´s dann den Hammer auf den Kopf, mit Sicherheit für jene Leute, die ihre Grenzen nicht kennen. Allerdings kann man auch ganz schnell bei den vielen leckeren Geschmacksnoten den Überblick und die Beherrschung verlieren.

Appleton Estate Appleton Estate

Bild 1 + 2: Verkostung bis zum "geht nicht mehr" ist möglich

Besonders lustig wird es dann meistens bei den Bustouren, wo Leute die sich vorher nie kannten, gemeinsam Lieder singen, Witze reißen und die Flaschen in den Gepäckablagen klappern oder auf dem Boden davon rollen. Auch wir nehmen natürlich ein paar Flaschen mit und müssen uns leider einschränken, da wir mit unserem Reisegepäck aufpassen müssen. Immerhin hat man uns schon bei der Herreise unser Übergewicht am Flughafenschalter aufgezeigt. Sicher und scheinheilig verpackt im “Wray & Nephew Overproof“ Karton, wandert unsere Beute von V/X und klarer leckerer Kokosnussrum in Brians Auto. Auf unserer Weiterfahrt gibt es keine Lieder. So viel haben wir dann doch nicht getrunken und unser Tagesprogramm ist schließlich auch noch nicht zu Ende.
Es geht zurück in Richtung Maggotty und von dort nach Norden, hoch in die Berge über Whitehall, in Richtung Accompong.
Accompong ist das wichtigste Maroon-Dorf der Insel. Es ist der Haupt-Ort der Leeward-Maroons, der nach dem Maroon-Führer Accompong benannt worden ist. Er ist der Bruder von einer Reihe anderer bedeutender Sklaven-Führer wie Cudjoe, sowie Quao, Cuffy und Nanny, die zusammen vom Volk der Ashanti aus dem Bereich des heutigen Ghana nach Jamaica als Sklaven verschleppt worden sind. Accompong wurde 1739 gegründet, nachdem die Maroons mit den Briten einen Friedensvertrag geschlossen hatten, der ihnen weitestgehend Autonomie zusicherte. 1795 brach jedoch ein erneuter Maroon-Krieg aus. Accompong verhielt sich neutral und war die einzige Maroon-Siedlung, die in diesem Krieg nicht zerstört wurde. Noch heute leben dort ungefähr 3000 Nachfahren der ursprünglichen Maroons. Der Ort kann besichtigt werden, jedoch nicht ohne Anmeldung und auch nicht auf eigene Faust.
Wir quälen uns eine enge Piste mit atemberaubenden Ausblicken in die Berge hinauf. Wenn Gegenverkehr kommt ist guter Rat teuer. Einer der Beiden muss zurück und sich eine Nische am Wegesrand suchen. Vorzugsweise der, der nicht den Abgrund auf seiner Seite hat. Am liebsten möchte man laufen, denn immer wenn die Aussicht am schönsten wird, besteht keine Haltemöglichkeit. Beruhigend ist aber, dass überhaupt Gegenverkehr existiert. Denn so lange noch Fahrzeuge entgegenkommen, können wir gewiss sein, dass es noch weiter geht. Es gibt zwar noch eine weitere Strecke über Windsor und Aberdeen, aber die soll nach unserer Kenntnis noch schwieriger sein.

Strecke nach Accompong Strecke nach Accompong
Strecke nach Accompong Accompong

Bild 1 - 3: Landschaftseindrücke auf dem Weg nach Accompong
Bild 4: Ortseingangsschild in Accompong

Inzwischen ziehen in der Ferne dunkle Wolken auf, leichtes Grummeln ist zu vernehmen und ab und zu treffen die ersten Regentropfen auf unsere zugestaubten Fenster. Hoffentlich hält das Wetter noch ein paar Stündchen aus. In der Luft liegt der Geruch von Feuer, Hähne krähen und Hunde bellen in der Ferne. Dann sind wir schließlich am Ziel und sehen das Ortsschild von Accompong. Nun dürfen wir nicht mehr weiterfahren. Gleich am Ortseingang befindet sich so eine Art von Dorfgemeinschaftshaus in dem auch ein kleines Museum untergebracht ist. Hier sitzen auch schon die Dorfältesten, die über unseren Besuch zu entscheiden haben. Aber von wegen „kleine Spende“ am Ende der Ortsbesichtigung, wie man in verschiedener Reiseliteratur nachlesen kann, das gilt längst nicht mehr. Auch in Accompong ist der Geschäftssinn voll angekommen, obwohl sich Touristen eher selten hierher begeben. 50 USD sollen wir berappen, wenn wir durch das Dorf laufen wollen. Das ist uns eigentlich ein wenig zu fett und wir überlegen, ob es uns das wirklich wert ist. Unsere Überraschung und Enttäuschung scheint uns im Gesicht geschrieben zu stehen. „Wollt ihr nicht?“, werden wir gefragt und gleich kommt die ergänzende Nachfrage: „Ist das zu teuer?“ Wir bestätigen die Frage und stehen noch ein wenig unschlüssig herum, bis dann der Rat von sich aus den Preis auf 10 USD pro Person senkt, bevor die ganz ohne Geld nur noch unsere Rücklichter sehen. 30 USD klingt schon besser als 50 und so willigen wir ein. Wir bekommen einen örtlichen Guide zugewiesen, der uns zu bestimmten Punkten der Siedlung bringen soll, die für Besucher freigegeben sind.

Accompong

Accompong

Accompong

Bild 1 - 3: Friedensvertrag der Maroons vom 6. Januar 1738
Bild 2 + 3: Vergrößerte Auszüge aus Bild 1 zum Nachlesen

Bevor unsere Tour beginnt, können wir einen Blick auf den Friedensvertrag vom 6. Januar 1738 werfen, der mit seinen 15 Punkte umfassenden Regelwerk an der Hauswand des Museums angebracht ist. Ausgehandelt und unterschrieben wurde der Vertrag damals von Captain Cudjoe und Colonel Guthrie. Unweit vom Museum steht ein Heldendenkmal zu Ehren der Leistungen von Cudjoe. Dahinter befindet sich der wichtigste von einem der drei „Seal Grounds“. Die „Seal Grounds“ sind heilige Böden, auf denen die Maroons ihre „Revival Meetings“ abgehalten haben – eine Art Religion, die die Sklaven von Afrika mitgebracht haben. Dort wurden Heilpraktiken ausgeübt, Schutz vor bösen Geistern empfangen oder auch Kraft gegen eventuelle Angriffe der Briten geschöpft.

Accompong Accompong
Accompong

Accompong

Bild 1 - 4: Accompong
Bild 1: Heldendenkmal zu Ehren der Leistungen von Cudjoe
Bild 2: Detail der Tafel von Bild 1
Bild 3: Erklärungstafel zu den "Seal Grounds"
Bild 4: Kunstvoll bemaltes Haus und öffentliche Bekanntmachungstafel von Accompong

An allen geschichtsträchtigen Plätzen sind Holztafeln mit entsprechenden Erläuterungen angebracht. Das ist gut so, da man sich kaum alles merken kann. Weiter geht es in den Ort hinauf in Richtung der „Presbyterian Church“, die seit 1965 mit der „Congregational Union“ die „United Church Of Jamaica And The Cayman Islands“ gründete (Ist aber nicht die einzige Kirche von Accompong). Daneben befindet sich der neue Friedhof. Einige der Gräber sind mit Eisenzäunen eingefasst. „Haben diese Gitter eine bestimmte religiöse Bedeutung?“, will ich von unserem Guide wissen. „Nein. Das ist nur ein praktischer Grund, wegen der Ziegen, die hier frei herumlaufen und die Gräber beschmutzen.“, bekomme ich zur Antwort. Zwischen den meist weiß gehaltenen Grabplatten entdecken wir auch ein auffällig farbenfreudiges Rasta-Grabmal. Eine Inschrift können wir aber nicht entdecken.

Accompong

Accompong

Accompong Accompong

Bild 1: Erklärungstafel an der
Presbyterian Church
Bild 2 - 4: Friedhof
Bild 3: Bemaltes Grab eines Rastas

Unsere Wanderung geht weiter, vorbei am Supermarkt von Accompong, von dessen farbigen Wänden Bob Marley und die Nationalhelden Nanny und Samuel Sharpe grüßen. Nicht weit davon, auf dem Weg zur örtlichen Schule, grüßen von einer langen Mauer noch einmal alle Nationalhelden der Insel zusammen. Bilder wie diese sind in Jamaica keine Seltenheit. Neben der „Accompong Primary And Junior High School“, die 1968 als „All Age School“ errichtet worden ist, befindet sich der ehemalige „Parade Ground“ der Maroons. Ursprünglich diente dieser Platz als Trainingsort für die Maroon-Krieger. Jetzt ist er nur noch ein Spielplatz und hat seine Bedeutung eingebüßt.


Accompong Accompong
Accompong Accompong
Accompong

Bild 1 + 2: Schön bemaltes Einkaufsgebäude von Accompong
Bild 3: Mauer mit Nationalhelden bei der „Accompong Primary And Junior High School“
Bild 4: Haus am "Parade Ground" mit Erklärungstafel
Bild 5: Detail zu Bild 4 zum Nachlesen

Jetzt geht es in die Natur mit weitem Blick in die Berge und hinunter zur Küste.
Wir kommen an einen Ort der mit dem Namen „Kindah“ ausgeschildert ist. „Kindah“ ist ein afrikanisches Wort und bedeutet „One Family“. Hier schmiedete Captain Cudjoe seine Kriegspläne gegen die Briten. Jedes Jahr am 6. Januar wird nun hier der Friedensvertrag von 1738 mit Trommeln, Tanz und einem reichlichen Festmahl gefeiert. In der Nähe befindet sich auch ein Baum mit der Aufschrift „Kindah – One Family“. Dieser „Kinda One Family Tree“ ist ein Cotton Tree, der früher „Cudjoe´ Tree“ genannt wurde.
Hier sollen am 6. Januar 1738 Captain Cudjoe und Colonel Guthrie den Maroon-Vertrag unterzeichnet haben.
 

Accompong Accompong Accompong

Bild 1: Schöne blühende Natur
Bild 2: Der berühmte „Kinda One Family Tree“
Bild 3: Erklärungstafel zum Begriff "Kindah"

Aus der Ferne rollen mächtige Donner heran und Blitze zucken durch den Himmel. Eine nahezu gespenstische Atmosphäre herrscht jetzt hier oben. Außer ein paar Grillen und dem herannahenden Gewitter hört man jetzt gar nichts mehr. Unser Ausflug ist aber noch nicht beendet.
Ein Stück bergabwärts ist auch noch das Gelände des ehemaligen Kräutergartens der Maroons zu finden. Unser Guide erklärt einige Nutz- und Heilpflanzen die noch immer hier wild wachsen. Eine gezielte Bewirtschaftung ist aber nicht mehr auszumachen. Eine Pflanze weckt Brians besonderes Interesse. Sie muss unbedingt mit und soll künftig bei ihm zu Hause wachsen. Zum Schluss gehen wir auch noch über die „Maroon Burial Grounds“, wo außer Wildwuchs aber nichts mehr aus den alten Zeiten zu erkennen ist.

Accompong

Accompong

Außer der Holztafel, die auf diesen Platz hinweist, ist aber nichts Auffälliges zu entdecken.
Mit dem heraufziehenden Gewitter im Nacken machen wir uns wieder auf in Richtung Museum.

Accompong Accompong
Accompong Accompong
Accompong Accompong

Bild 1 - 6: Accompong

Wir kommen keine Minute zu zeitig dort an. Mit voller Kraft bricht das Unwetter über uns herein. Der Regen trommelt laut auf das Wellblechdach und lässt bei uns wohlige Schauer über den Rücken fahren. Wir sind im Trockenen und schauen entspannt gemeinsam mit den Dorfältesten in das ungemütliche Wetter hinaus. Hoffentlich lässt das noch etwas nach, wenn wir uns auf die Rückfahrt begeben.

Accompong Accompong
Accompong Accompong

Bild 1 - 4: Dorfgemeinschaftshaus mit Museum
Bild 1 + 2: Öffentlicher Fernsehsaal und Versammlungsraum
Bild 3 + 4: Museum

Jetzt können wir uns aber erst noch in aller Ruhe das Innere des Gebäudes ansehen. Das Museum nimmt den kleineren Teil des Objektes ein und ist durch eine innere Seitentür zu erreichen. Der Hauptteil besteht aus einem großen Raum oder Saal, dessen Wände mit umfangreichen Malereien versehen sind. Die Nanny darf hier natürlich auch nicht fehlen. Hoch oben ist auch noch ein großer Fernseher an der Wand angebracht, der hinter Gittern auf seine nächste Gemeinschaftsvorführung wartet. Im Museum befinden sich viele Fotos und Texte zur Geschichte der Sklaverei, einiges zu Südafrika und Nelson Mandela, sowie einige Gebrauchsgegenstände. Die Musik auf dem Wellblechdach hält noch immer unvermindert an. Nachdem wir alles ausreichend erkundet haben warten wir noch ein Weilchen auf Wetterbesserung. (Noch mehr Informationen zu Accompong und den Maroons gibt es z. B. hier.
Brian holt aber schließlich das Auto und möchte lieber schon langsam aus den Bergen hinausfahren. Von überall her schießen Sturzbäche die Hänge hinunter und spülen die holprige Straße noch weiter aus. Durch die Scheiben ist nicht viel zu sehen. Einerseits regnet es immer noch wie verrückt und andererseits geizt Brian mit der Klimaanlage, so dass die Scheiben von innen auch noch völlig angelaufen sind. Also immer wieder Scheibe runterkurbeln und nach der nächsten Kurve die Seite wechseln, damit nicht der Regen die Sitze einweicht. Langsam aber sicher kommen wir aus den Bergen heraus, und als wir wieder Maggotty erreichen hört der Regen nahezu auf. Wir fahren von dort in Richtung Lacovia Tombstone und dann über West Lacovia in Richtung Middle Quarters. Dazwischen liegt die Bamboo Avenue. Wie der Name schon vermuten lässt, stehen hier Bambuspflanzen. Der Bambus wurde früher von den Sklaven zu beiden Seiten dieses ungefähr 4 Kilometer langen Straßenabschnitts gepflanzt und sollte in den Pausen während der Feldarbeit etwas Erholung im Schatten bieten. Diese teilweise bis zu 20 Meter hohen, zu den Gräsern gehörenden Pflanzen, bilden einen dichten Tunnel, der stellenweise nur wenig Sonne hindurch lässt, wenn sie denn scheinen würde.

Bamboo Avenue

Bamboo Avenue Bamboo Avenue
Bamboo Avenue

Bild 1 - 4: Bamboo Avenue

Von den diversen Händlern, die sonst an vielen Stellen dieser Straße stehen, sehen wir heute auf Grund des schlechtern Wetters, natürlich keinen einzigen. So müssen wir uns nicht sehr lange hier aufhalten und schießen nur schnell ein paar Erinnerungsfotos.
Es geht weiter in Richtung Black River und von dort, anders als heute Morgen, nun die Küstenstraße über Parottee Beach zurück in Richtung Billy Bay. Die Straße ist nicht so gut aber interessanter, als die weiter landeinwärts liegende Route. Im letzten Drittel der Strecke fährt dann Brian von der Straße ab und rollt auf einen endlos langen ebenen und menschenleeren Sandstrand. Ein echter Geheimtipp und garantiert touristenfrei. Zumindest bis jetzt. Dieser Küstenabschnitt wird Fort Charles Bay genannt und lädt uns ein zu einem entspannten Spaziergang. Vielleicht sollte man solche Dinge besser gar nicht erst erwähnen, um sie besser vor uns Menschen zu schützen. Aber naja, hierher kommen sowieso nur Individualreisende wie wir, und die sind zum Glück in der Minderheit.

Fort Charles Bay

Fort Charles Bay Fort Charles Bay
Fort Charles Bay Fort Charles Bay

Fort Charles Bay

Fort Charles Bay

Bild 1 - 7: Fort Charles Bay
Bild 2: Sandgebilde am Strand
Bild 1, 3, 6 + 7: Blick in Süd-Ost-Richtung
Bild 4 + 5: Blick in Nord-Westrichtung

Jetzt sind es nur noch maximal 5 Kilometer bis zu unserem Guesthouse. Man könnte diesen Strand also künftig auch als Fahrradausflug einplanen. Sehr zufrieden mit unseren Tagesverlauf treffen wir wieder im Irierest ein. Lange halte ich mich aber hier nicht auf und ziehe wieder los. Immerhin hatte ich Herman versprochen nach unserer heutigen Tour noch einmal vorbei zu kommen. Als ich Mutas „Himmelstreppe“ und den angrenzenden Zaun überwunden habe, kommen auch schon wieder die Hunde neugierig zur Begrüßung angerast. Gabi ist allein und erzählt, dass Herman wiederholt im Busch nach ein paar Ziegen sucht. Seit Tagen sind die schon verschwunden, aber Herman gibt nicht auf. Gabi vermutet, dass die schon längst irgendwo verkauft oder im Kochtopf gelandet sind. „Die haben sich ganz sicher nicht verlaufen!“, meint Gabi bestimmt. Es beginnt schon langsam zu dämmern als Herman zurückkommt. Wortlos und etwas betrübt, schüttelt er an Gabi gerichtet mit dem Kopf. Er hat die Ziegen wieder nicht finden können. Aber nun lassen wir die Ziegen Ziegen sein und unterhalten uns über andere Dinge. Gabi fragt forschend: „Und wie hat es euch in Accompong gefallen?“ „Eigentlich habe ich mir das alles ursprünglicher und traditioneller vorgestellt. Viel Unterschied merkt man ja kaum zu anderen Bergdörfern, mal abgesehen von den geschichtlichen Hintergründen und den traditionellen Plätzen.“, sage ich. „Das habe ich mir gedacht, dass du das sagen wirst.“, meint Gabi wenig überrascht. „Ihr habt nicht das richtige Accompong gesehen bzw. nicht alles. Ihr habt nur das gesehen, was ihr sehen dürft.“, eröffnet sie mir. „Vielleicht lässt sich etwas einrichten, wenn ihr wieder einmal hierher kommen solltet. Hoch interessant ist auch ein jährliches Festival, welches dort abgehalten wird. Man braucht schon einen Verwandten dort oben oder einen bekannten Maroon, wenn man das traditionelle Accompong richtig erleben will.“, erzählt sie.
Bevor es richtig dunkel wird machen wir mit Herman noch ein paar schöne Fotos. Er packt seine Dreads aus und zeigt seinen langen Bart, der sein ganzer Stolz und größtes Heiligtum ist und sonst unter seinem Turnhemd verborgen ist. Man glaubt es kaum, was da zum Vorschein kommt, wenn man es nicht weiß. Er erlaubt sogar, dass ich ihn berühre und näher in Augenschein nehme. Gabi macht große Augen und ist völlig überrascht. „Das ist ja was ganz Besonderes und völlig neu, dass darf sonst überhaupt niemand!“, sagt sie fast angstvoll. Ich hatte mir auch gar nichts dabei gedacht und Herman schmunzelt nur. Wir haben offenbar einen guten Draht zueinander gefunden.

Herman Herman

Bild 1 + 2: Herman

Als es schließlich finster ist, bringt mich Herman zurück zum Guesthouse, damit ich nicht allein durch die Finsternis stolpern muss. Wasser holen muss er auch noch und nimmt dafür zwei Plastekanister mit auf den Weg. Bei ihm oben auf dem Felsen gibt es leider noch keine Wasserleitung. Deshalb muss er immer hinunter in den Ort gehen, wenn frisches Wasser gebraucht wird.
Das wird unsere letzte Nacht im Irierest. Morgen früh geht es mit ein paar interessanten Zwischenstationen weiter in Richtung Negril und Brian wird wieder unser Fahrer sein.

Copyright:
Text und Fotos by Reggaestory

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