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JAMAICA EINMAL ANDERS

Teil 4
21.07.2008 – Port Antonio – Moore Town (New Nanny Town) - John Crow Mountains

Hermans House Am Morgen begrüßen wir Peter, den Sohn von Bevena. Peter kann hervorragend deutsch. Wenn man es nicht weiß, würde man es kaum glauben, dass er ein Jamaicaner ist. Heute steht wieder ein Ausflug auf dem Programm und Peter wird mit uns fahren.

Ein Auto mit Fahrer haben wir auch für heute organisiert bzw. über Lothar vorbestellt. Tony Ball ist unser Mann. Als er vorfährt steht das Auto in bedenklicher Schieflage. Na das geht ja wieder gut los. Der ist doch tatsächlich auf der Felge hier eingeflogen. Also steht erst einmal ein Radwechsel auf dem Programm, bevor unsere Tour beginnen kann. Genug Zeit, um mit Peter das gestrige Problem und unseren heutigen Ausflug noch einmal durchzusprechen. „Hör mir auf mit Lothar!“ meint der nur dazu. „Es gibt nur Probleme, wenn der was in die Hand nimmt. Wir wissen hier wirklich nichts von all dem, was ihr ausgemacht habt. Ich weiß auch nur, dass ich heute mal hierher kommen und euch die Gegend zeigen soll. Von einer 3-Tages-Tour nach Kingston habe ich auch noch nichts gewusst. Aber macht euch nicht verrückt. Wir machen uns paar schöne Tage und lassen Lothar Lothar sein. Ich komme mit dem auch nicht mehr klar. Es gab ständig Streit, bis ich letztendlich hier ausgezogen bin. Ein Wunder, dass er überhaupt an mich gedacht hat.“ Sollte tatsächlich Lothar der Urheber allen Übels sein? Inzwischen ist Tony fertig, grinst und schmeißt die luftleere Glatze in den Kofferraum. Na hoffen wir, dass damit die Panne des Tages vorweggenommen ist. Heute soll es nämlich in die Berge gehen, wo wir ein kaputtes Auto gleich gar nicht gebrauchen können.

Spring Garden

Am Guesthouse

Zuerst fahren wir nach Port Antonio, wo wir uns im Supermarkt mit frischen Jays und Getränken versorgen. Tony kümmert sich inzwischen um ein „neues Rad“, da wir nicht ohne Ersatzrad in die Berge fahren wollen. Das Geld im Supermarkt zu tauschen soll günstiger sein, als auf der Bank. Das wir dazu unsere Pässe brauchen, war uns allerdings nicht eingefallen. Wenn wir nicht unbedingt müssen, haben wir nämlich nur eine Kopie im Gepäck und die Originale bleiben in der Unterkunft. Aber kein Problem. Die Einheimischen haben eine persönliche Nummer, die beim Geldwechsel angegeben werden muss und brauchen so keinen Ausweis. So lassen wir den Tausch über Peters Nummer laufen. Wieder am Auto angekommen, ist Tonys Rad inzwischen auch geflickt. Er wirft sein gerade angefangenes Frühstück ins Auto und die Fahrt geht weiter. Schnell haben wir Port Antonio hinter uns gelassen und fahren im Tal des Rio Grande immer weiter bergauf. Wieder eine landschaftlich wunderschöne Strecke ist kennzeichnend für diese Tour. Die holprige enge Straße geht überwiegend durch üppigen tropischen Regenwald. Gegenverkehr haben wir zum Glück fast gar nicht. Erstaunlicher Weise treffen wir auf diesem unwegsamen Gelände sogar Radfahrer, die sich mit denkbar ungeeigneten Gefährten durch den Schotter quälen.
Immer wieder gibt es fantastische Ausblicke in die Täler und auf die Berge. In der Nähe von Windsor haben wir dann endlich mal eine Stelle, an der wir relativ unbedenklich halten können. Tief unter uns rauscht der Rio Grande in vielen Windungen durch das Tal. In der Nähe vereinigen sich zwei Seitenarme mit dem Fluss, dessen Namen wir nicht kennen. Vom Horizont her grüßen die Gipfel der Blue Mountains und am Himmel kreisen lautlos einige John Crow Birds - schwarz gefiederte Truthahngeier. Eine Natur, wie sie im Buche steht, ohne störende Geräusche der Zivilisation, und wir können uns nur zögerlich zur Weiterfahrt entschließen. Mal sehen, was der Rückweg bringt. Vielleicht finden wir ja sogar noch einen Weg nach unten.

Straße nach Moore Town Ausblick auf den Rio Grande bei Windsor

Ausblick auf den Rio Grande bei Windsor

Nach Moore Town ist es nicht mehr allzu weit. Der kleine Ort liegt zwischen den Blue und den John Crow Mountains. Nur wenige Häuschen liegen verstreut an den Hängen. Moore Town, welches früher New Nanny Town hieß, war die Heimat der Windward oder auch Blue Mountain Maroons. Hier war das Hauptquartier der legendären Nanny, Führerin der Maroons. Heute geehrt auf jeder der 500 Jamaican Dollar Banknoten, die landläufig auch Nanny genannt wird.

Nanny auf der 500 Jay-Banknote Das „Bump Grave“ der Nanny

Bild rechts: Das „Bump Grave“ der Nanny

Die Maroons sind entflohene Sklaven und konnten sich über 84 Jahre erfolgreich gegen jede Eroberung ihres Gebietes widersetzen. 1739 konnten sie sogar einen Friedensvertrag aushandeln, der ihren Gebieten weitgehend Autonomie zusicherte. Irgendwann wurde der Ort aber vom Urwald überwuchert und erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom Institute of Jamaica wieder entdeckt und teilweise freigelegt. Im heutigen Moore Town befindet sich auch die Grabstätte der Nanny, deren Todestag nicht genau überliefert ist. Das Denkmal ist als Bump Grave bekannt. Ebenfalls im Ort soll sich ein kleines Museum, das Sam Streete Maroon Museum befinden, welches wir uns auch mit ansehen wollen. Wir fahren erst einmal die Straße in den Ort hinauf, soweit wie es geht und finden bald das auf einer quadratischen Plattform stehende Bump Grave. Eine Tafel am säulenförmigen Quader aus dunklem Naturstein verkündet, dass hier der Körper der Nanny ruht. Am Rande der Plattform befindet sich noch eine Tafel mit weiteren Informationen. Auch einen schönen Ausblick über Teile des kleinen Ortes hat man von hier.

Entstehendes Museum in Moore Town

Wandbild in Moore Town von Nanny Entstehendes Museum in Moore Town

Das im Entstehen befindliche Sam Streete Maroon Museum

Ein Stück weiter unten am Hang ist auch das kleine Museum. Untergebracht in einem blau eingefärbten kleinen Gebäude mit einem schönen Wandbild, auf dem auch das bekannte Portrait der Nanny zu sehen ist. Wir müssen allerdings feststellen, dass sich das Museum erst im Aufbau befindet.
Ein paar Arbeiter werkeln gerade daran herum und lassen uns einen Blick ins Innere werfen. Es gibt noch viel zu tun. Die bisher dort eingelagerten Schaustücke sind weitestgehend keine Originale und nachempfunden. Ein selbst ernannter Führer hat sich inzwischen auch eingefunden, der versucht, uns irgendwelche Märchen zu erzählen. Peter winkt lachend ab und muss ständig korrigieren, bis sich der unbestellte Führer mit seinen Erklärungen zurückhält. Das meiste davon weiß Peter eben viel besser. Auch in den gebastelten Ausstellungsstücken findet er einige Fehler und Ungereimtheiten. Aber das Museum ist ja auch noch nicht fertig, und wie überall fehlt eben auch hier das nötige Geld.
Danach brechen wir auf zu einer kleinen Wanderung in die nähere Umgebung. Einige der hier wachsenden Pflanzen findet man wohl nicht in der tiefer liegenden Küstenregion, so zumindest Peters Feststellung. Auch bei einigen Insekten, wie bei einem leuchtend stahlblauen riesigen Zwischending aus Käfer und Libelle, der an unseren Köpfen vorbeischießt und ins Gras purzelt, muss er völlig passen. Obwohl er sonst davon überzeugt ist, die Flora und Fauna der Insel überwiegend zu kennen.
So richtig geglaubt haben wir ihm das sowieso nicht, denn wer kann das schon. Wir steigen weiter hinauf in die Hänge und haben von oben einen schönen Überblick über Teile der weit verstreuten Siedlung. Überall gibt es kleine Trampelpfade zu den kleinen Häuschen, völlig eingeschlossen von der üppig wachsenden Vegetation. Richtig befestigte Wege gibt es kaum.

Moore Town Moore Town Moore Town Moore Town Moore Town Moore Town Moore Town Jacobs Tears

Bild rechts: Jacobs Tears

Immer wieder dringen aus den verschiedensten Winkeln die schönsten Reggae-Rhythmen und sorgen so für das richtige Jamaica-Feeling. Ganz in der Nähe soll es noch ein paar Wasserfälle geben, deren Besichtigung wir aber nicht in Erwägung ziehen, nach dem uns Peter eröffnet, dass ihn dazu schon einmal ein Dorfbewohner überreden wollte und man nach einstündiger Wanderung über Stock und Stein immer noch nicht am Ziel war. Da bleiben wir doch lieber bei unserem kleinen Rundgang in Ortsnähe. Wieder im Talkessel angelangt, brauchen wir schon die erste Erfrischung und steigen in einen Bach, der später in einen größeren Fluss mündet. Hier zeigt uns Peter eine zur Schmuckherstellung verwendete Pflanze. An einer schilf- oder zuckerrohrähnlichen Pflanze hängen weiße ovale Perlen, Jacobs Tears (Jakobs Tränen). Die Pflanze wächst nur in Wassernähe. Der besondere Vorteil der Samen dieser Pflanze ist, dass man keine Löcher bohren muss. Die Samen umschließen einen Pflanzenteil, der sich in der Längsachse der Tränen befindet, nur herausgezogen werden muss und so das Fädelloch für die künftige Kette freigibt. Für uns natürlich wieder Anlass zum Ernten und Sammeln. Unten im Ort gibt es dann auch einen kleinen Shop, wo wir uns im Schatten ein kühles Red Stripe genehmigen können. Einige Dorfbewohner sitzen davor und spielen ein dominoartiges Spiel und ein paar gelockte Hühner streifen herum, um ein paar heruntergefallene Picknick-Krümel abzustauben. Im inneren des Shops ist auch ein kleiner Kneipenraum. Ein Stapel von Bestandteilen einer großen Musikanlage und eingewickelte Boxentürme, verkünden davon, dass man auch hier keineswegs von der Szene abgeschnitten ist. An den Fensterläden hängen auch die News für kommende Events. In den Freileitungen sieht man an vielen Stellen Aufsitzerpflanzen, die nach Peters Erzählungen ein bisher ungelöstes Geheimnis bergen. In der Mitte der Pflanzen befindet sich ein Wassertrichter und darin befinden sich Kaulquappen. Bisher konnte sich noch niemand erklären, wie wohl die Frösche zur Eiablage in diese Pflanzen gelangen. Da Frösche aber bekanntlich nicht zaubern können, wird es sicher irgendeine Erklärung geben, die uns aber momentan verschlossen bleibt. Zumindest hat noch niemand Frösche auf den Leitungen laufen gesehen, was wir uns ehrlich gesagt auch nicht so recht vorstellen können.

Moore Town Moore Town Lockenhühner in Moore Town Shop in Moore Town Aufsitzerpflanze auf Freileitung Moore Town

Später dann gibt es wieder unliebsame Diskussionen. Peter steht ein wenig abseits und redet mit unserem selbsternannten Führer, der uns ständig auf den Fersen war. Kein Mensch hat ihn gebraucht und Peter hat ihm das auch mehrfach gesagt. Trotzdem verlangt er plötzlich ein erhebliches Trinkgeld für seine „Dienste“. Peter bricht das Gespräch irgendwann ab. Es bringt einfach nichts. Das alte Problem hat uns wieder erwischt. Aber man muss auch hart bleiben können. Allzu dreister Geschäftssinn muss auch mal ausgebremst werden, sonst wird es künftig immer schlimmer und unsere Nachfolger müssen es ausbaden. Zur Beruhigung stecke ich ihm ein paar Jays für ein paar Bier zu, die er natürlich nicht anerkennt und dreist noch 500 Jays dazu haben will. Die Spieler sitzen unbeeindruckt am Tisch, rauchen ihre Tüten und lassen sich von den Querelen nicht stören. Es interessiert sie ganz einfach nicht, obwohl der „Führer“ meint, für das ganze Dorf und die Maroons zu sprechen. „Du kannst das Geld nehmen oder nicht. Ist geschenkt. Geben müssen wir dir gar nichts, nur weil du uns hinterher gelaufen bist. Du hast das gewusst.“, versuche ich noch ein letztes Mal ihm begreiflich zu machen. Unser Bierchen ist inzwischen auch „verdunstet“ und so beschließen wir, uns wieder auf den Weg zu machen. Wir geben Tony ein Zeichen und gehen über die Flussbrücke zurück zu unserem Auto. Peter ärgert sich. „Das passiert mir nicht noch einmal. Beim nächsten Mal schicke ich jeden weg.“, regt er sich auf. Uns verschafft´s allerdings ein wenig Genugtuung. Schön, dass es nicht nur Reisende wie uns trifft. Wenn sich selbst Einheimische nicht dagegen wehren können, was sollen wir da erst sagen.
Wir fahren zurück in Richtung Port Antonio und versuchen einen Weg zum Rio Grande zu finden. Leider vergebens. Schon sind wir wieder an unserem morgendlichen Aussichtspunkt angelangt.

Bambuswald bei Moore Town

Bambuswald

Landschaft bei Moore Town Rio Grande bei Windsor Kinder bei Windsor Kinder bei Windsor

Wir halten und überlegen wie wir wohl dort hinunter kommen könnten. Ein paar dahereilende Kinder zeigen uns den „Weg“. Wir stehen daneben und sehen ihn nicht. Es geht nahezu senkrecht in die Schlucht. Die Kinder sind sich aber sicher, dass man hier problemlos hinuntersteigen könne. Also los, wenn die das können, werden wir es wohl auch schaffen. Ich hole noch schnell eine Packung heiß gekochtes Red Stripe aus dem Auto und dann wagen wir den Abstieg. Jeder Schritt muss gut überlegt und beobachtet sein. Peter findet trotzdem noch Zeit in den Himmel zu schauen und entdeckt wieder ein paar interessante Samen im Geäst, die er gleich herunterangelt. Es sind kleine rote Perlen mit schwarzen Augen. John Crow Beads nennt er sie. Mehrere Arten gibt es davon, wie wir später noch feststellen werden. Auch diese Perlen werden für die Schmuckherstellung verwendet. Immer wieder entpuppen sich, bisher für Plastik oder Glas gehaltene Schmuckbestandteile, als einheimische Samen. Wieder etwas für unsere Sammlung.

John Crow Beads Rio Grande bei Windsor Rio Grande bei Windsor Rio Grande bei Windsor

Dann sind wir endlich unten angelangt und stellen erst einmal unsere heißen Bierchen in den Fluss. Während ich noch damit beschäftigt bin, ist Peter schon in den Fluten verschwunden und versucht auf eine nahe liegende Flussinsel zu kommen. Nicht so einfach die Sache. Die Strömung ist stärker, als es aussieht. Tony steht noch zwei Meter über dem Ufer im Gestrüpp und überlegt was er tun soll. Ins Wasser mag er nicht und zu sonnig ist es ihm auch hier.
Ich versuche Peter zu folgen und gehe vorsorglich ein Stück flussaufwärts, bevor ich in Richtung Insel schwimme. So habe ich mehr Zeit, um mich auf die Strömung einzustellen und den richtigen Landeplatz zu finden. Es ist Vorsicht geboten. Überall große Steine, die nur auf eine Kollision, mit wagehalsigen Schwimmern wie uns, warten. Plötzlich schlagen Steine im Wasser und auf der Insel ein. Die müssen oben vom Hang kommen. Die Sache ist gefährlich. Die Werfer sieht man nicht, aber immer wieder neue Geschosse ziehen ihre Bahn am Himmel, um kurz darauf in meiner Nähe einzuschlagen. Zum Glück werde ich verfehlt. Ich kann mich aber nicht, ohne den Himmel zu beobachten, weiter bewegen. Tony klettert laut schimpfend und rufend den Hang wieder nach oben und bald darauf ist der Spuk zum Glück vorüber. Peter ist inzwischen auf der anderen Seite der Insel angelangt und ist von dem dahin schießenden Wildwasser begeistert. „Wahnsinn. Das probiere ich aus. Eine tolle Rutsche!“ Ehe ich mich versehe ist er in den aufschäumenden Fluten verschwunden und holpert wie ein Spielball mehr als 100 m den Fluss hinunter, bevor er laut jubelnd und winkend an einer weiteren Insel wieder auftaucht. Ich überlege noch etwas ungläubig, entschließe mich aber doch ihm zu folgen. Langsam taste ich mich von Stein zu Stein an die reißende Mitte der Strömung heran, bis ich mich nicht mehr halten kann und der Fluss die Regie übernimmt. Die Beine werden mir weggerissen und ab geht der Wellenritt. Die Beine voran und die Hände immer zur Grundabtastung nach unten, um mögliche Untiefen abfedern zu können, komme ich Peters Landeplatz schnell näher.
Er gibt Zeichen, wo ich mich aus der Strömung befreien soll, um nicht vorbei zu treiben. Es klappt. Peter ist begeistert, lacht und fragt: „Hast du noch Zwei?“. „Ich hab´ sogar Drei!“, und hole einen großen braunen herzförmigen Samen aus meiner Badehose, den ich schon vorher unterwegs aufgefischt hatte. „Aah, Carcoon, nennen wir die Pflanze. Da musst du mal zu den Somerset Falls kommen. Dort findet man viele davon.“, erklärt Peter.
Belustigt und zufrieden mit unserer Wildwasserfahrt ohne Boot, schauen wir in die beeindruckende Natur und in die Fluten. Unser jetziger Standort ist ein kleines Wunder. Die Insel ist mehrfach geteilt. Dazwischen ein Wasserkanal, wo allen Ernstes das Wasser in die andere Richtung strömt. Das Gestein ist von vielen Maserungen durchzogen und fühlt sich an wie ausgehärteter Ton. Einige über die Insel verlaufende Bänder erinnern an Mauerwerksreste, die es aber kaum sein können. Inzwischen haben wir Einblick in andere Flussbereiche erlangt, die wir bisher vom Startpunkt aus nicht sehen konnten. Am anderen Ufer, noch ein wenig flussabwärts, steht eine Ansammlung von Jungen und Mädchen, die uns zuwinken. Wir sollen noch weiter runter und zu ihnen kommen. Das machen wir dann aber doch nicht. Wer weiß, wie wir von dort wieder zurückkommen. Also geht´s ans nahe liegende Ufer eines Seitenarmes, wo wir uns im ruhigeren Wasser zurückbewegen und bald unseren Ausgangspunkt wieder erreichen.

Rio Grande bei Windsor Rio Grande bei Windsor Rio Grande bei Windsor Rio Grande bei WindsorRio Grande bei Windsor

Mal sehen was unsere Bierchen inzwischen machen. Naja, richtig kühl ist es nicht geworden, aber bedeutend frischer als die Luft ist es schon. Das tut echt gut. Die Pause am Fluss ist wirklich der Hit und für sich allein schon den Ausflug wert. Hier müsste man ´ne Hütte haben, fabulieren wir. Nachdem die Flaschen geleert und einschließlich der Kronkorken wieder im Rucksack verstaut sind (in der Natur wird kein Zivilisationsmüll zurückgelassen), geht es wieder den Berg zur Straße hinauf. Tony hat alle Steinwerfer erfolgreich vertrieben und beobachtet aus dem Schatten heraus den zu schützenden Bereich. Aber nun sind wir an der Reihe und wollen auch mal ausprobieren wie weit wir es mit Steinwürfen schaffen. Aber keine Sorge, unten ist jetzt alles frei und niemand wird gefährdet. Es ist schon beeindruckend, wie weit man aus dieser Höhe werfen kann. Man muss sich aber schon arg anstrengen, um verfolgen und sehen zu können wo der Stein nun landet. Nachdem langsam unsere Schultern zu schmerzen beginnen und unsere Weiten immer schlechter werden, beenden wir den Spaß und fahren mit flatternden Badehosen an den Spiegeln die Berge hinunter, weiter in Richtung Port Antonio. Unterwegs dann ein Anruf von Lothar. Tony reicht das Handy zu mir. Wir versuchen den mit Bevena angefangenen Streit zu klären. Dann die große Überraschung. Es ist tatsächlich Lothar, der von allen Absprachen nichts mehr wissen will. Mann oh Mann, hat der schnell gelernt. Der ist ja schlimmer als der „geschäftstüchtigste“ Jamaicaner. Da dachten wir noch, ein Deutscher in Jamaica, da muss eigentlich alles klappen. So kann man sich täuschen. Peters Vermutungen bestätigen sich. Lothar hat alles vergeigt. Das wird mir dann echt zu bunt. Solche Verirrungen muss ich mir nicht anhören, die gleiche Masche wie Bevena und drücke ihn genervt weg. Peter fühlt sich bestätigt. „Siehst du, habe ich dir doch gesagt!“ Lothar versucht noch ein paar Mal anzurufen. Ich lasse mich allerdings nicht mehr darauf ein. Mir reicht´s schon, weil nun der schöne Tag zu Ende geht und das Guesthouse wieder auf uns wartet. Da brauche ich nicht auch noch dieses Gezerre. Dann eröffnet uns Peter einen weiteren Coup der Geschichte. Tony will morgen nicht mit uns nach Kingston fahren als er von uns erfahren hat, welchen Preis wir eigentlich für ihn und das Auto bezahlen. Unser Geld kommt gar nicht beim Tony in voller Höhe an. Er bekommt nur 35 Euro, obwohl mit Lothar 55 Euro (zuzüglich Benzin je nach Fahrstrecke) vereinbart sind. Den Rest steckt sich also Lothar für nichts ein. Nun geht uns ein Licht auf, warum wir nicht an den Fahrer sondern an Bevena bezahlen sollen. Und dann will der Kerl immer noch weiter abzocken!? Einfach unglaublich und nur allzu verständlich warum Tony nun meutert, da er nun weiß was Sache ist. Johnbag ist es sicher ähnlich ergangen. Für 55 Euro würde man natürlich problemlos jede Menge Fahrer bekommen. Für 35 Euro sieht es natürlich völlig anders aus. Wir beschließen auf Grund dieses Theaters die Sache abzublasen und selber einen neuen Fahrer zu engagieren, der natürlich auch wieder Tony heißen kann. Das geht weder Bevena noch Lothar was an. Peter sieht allerdings Probleme, möchte es sich nicht ganz mit den Beiden verscherzen und will die Sache auf sich zukommen lassen. „Warte erst einmal ab. Wir werden das schon irgendwie regeln.“, meint er zu diesem Entschluss. Ein Vorschlag auf den wir eingehen und später noch bereuen werden.
Bei St. Margaret´s Bay halten wir noch einmal kurz an einer Kirche an. Auf dessen Vorplatz steht ein großer Baum, der mit vielen violetten Blüten übersät ist. Peter meint, dass dieser Baum in Jamaica eingeführt worden ist und der erste seiner Art auf der Insel war. Alle weiteren Bäume der Insel sollen von diesem Baum abstammen. „Früher hat sich niemand für den Baum interessiert, aber als einmal im Fernsehen darüber berichtet worden ist, sind hier alle mächtig stolz auf diesen Baum und plötzlich möchte jedermann einen Ableger davon haben.“, erzählt er uns. Er wird hier Giant June Rose Tree genannt. Riesige Blütenrispen hängen fast bis zur Erde und das Wurzelwerk des Baumes wächst in interessanten Formen über die Erde. Der Baum ist wirklich ein sehenswertes Prachtexemplar.

Der Giant June Rose Tree von St. Margaret´s Bay

Der Giant June Rose Tree von St. Margaret´s Bay Der Giant June Rose Tree von St. Margaret´s Bay

Der Giant June Rose Tree von St. Margaret´s Bay - der erste seiner Art in Jamaica

Im Guesthouse angekommen, geht es wieder hoch her. Dieses Mal zum Glück weniger uns betreffend, sondern eine Auseinandersetzung im Dreieck zwischen Bevena, Peter und Tony. Tony sagt das Wenigste. Er will nur mehr von der Tagespauschale haben und basta. Bevena dominiert alles. Mir dröhnen die Ohren. Dieses Gekeife und Gepruste ist kaum zu ertragen. Peter beruhigt uns immer wieder. „Ach, lass dich nicht aus der Ruhe bringen. Alles nur Theater. Das wird schon.“, sagt er zu mir am Rande des Geschehens. Mir geht das aber total auf den Sender. Es könnte alles so schön sein, wenn diese Abzockerei nicht wäre. Alles völlig unnötige Aufregung, nur weil Lothar und Bevena das Geld nicht durchreichen wollen.
Dann wird es endlich wieder ruhig und Tony fährt ab. „Alles geklärt.“, meint Peter zu uns. „Es geht morgen, wie von dir geplant, weiter nach Kingston. Tony bleibt unser Fahrer, und er bekommt auch etwas mehr Geld.“ Bevena noch voll in Fahrt, versucht sich uns gegenüber auch noch zu rechtfertigen. Wir hören kaum noch hin und Peter winkt immer wieder hinter ihrem Rücken ab. Wir wollen endlich unsere Ruhe haben. Leider sind damit noch nicht alle Probleme aus der Welt. Bevenas oder Lothars Ergänzungsforderung „für“ Johnbag steht immer noch Unheil bringend im Raum. Zum Glück wird dieses Thema aber für den weiteren Abend erst einmal vermieden. Waffenstillstand.
Wir machen uns nun daran mögliche Unterkünfte für Kingston abzutelefonieren, um die günstigste Unterkunft für die nächsten Nächte herauszufinden. Ein paar Adressen haben wir schon im Gepäck. Zimmer sind überall zu haben, kein Problem. Allerdings sind die Preise äußerst verschieden und uns bekannte Zahlen längstens überholt. Selbst Preise die noch im Internet nachlesbar sind, gelten nicht mehr. Da hat man es in Jamaica nicht so eilig seine Seiten zu aktualisieren. Als Sieger geht letztendlich eindeutig das Chelsea Hotel hervor. Wir bestellen gleich vor und sind erleichtert, wieder ein Abschnitt unserer Tour abgesichert zu haben.
Als krönenden Abschluss des Tages gibt es dann wieder Bevenas leckere Spaghettis und etwas Ruhe kehrt in uns zurück. Im Haus ist es leider wieder vor Hitze kaum auszuhalten. Daher setzen wir uns vor dem Schlafen noch ein wenig auf die Terrasse und lauschen in die Nacht hinein. Erst nach dem wir immer wieder wechselseitig einnicken, gehen wir zwangsläufig hinein, verschließen die Gitter und schwitzen auf unseren Betten dem nächsten Morgen entgegen.

Copyright: Text und Fotos by Reggaestory 


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