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Alpha Blondy Andrew Tosh Anthony B Atmosphere Ayo Barrington Levy Ben L´oncle Soul Busy Signal Cecile Che Sudaka Christopher Martin Congos Culcha Candela Duane Stephenson. Dub Inc. Gappy Ranks Heckert Empire I-Fire iLLBiLLY IriepathieIrie Révoltés Jimmy Cliff John HoltJoy DenalaneKaramelo Santo Lee Perry Madcon Marteria Max Romeo Mellow & PyroMono & Nikitaman Patrice Romain Virgo Samy Deluxe Sara Lugo Tarrus Riley The Busters Trombone Shorty Who Dat Youssou N´Dour Ziggi Recado Ziggy Marley
26 JAHRE SUMMERJAM - STAND UP FOR LOVE

FESTIVALERINNERUNGEN

Summerjam

Das 26. Summerjam ist Geschichte. Zum zweiten Mal in Folge war das Festival mit 28.000 Besuchern ausverkauft. Ein zurückgehaltenes Kontingent von Tickets für die Tageskassen, war dann am Samstagnachmittag auch schon vergriffen. Und dies, obwohl die Wettervorhersagen nicht gerade Mut machten. Nach einer längeren Trockenperiode und großer Hitze, die Wasserstände in Seen und Flüssen zum Schrumpfen gebracht hatten, war ein Temperatursturz mit unwetterartigen Wetterkapriolen vorausgesagt. Heftige Unwetter mit stundenlangem Regen, führten in Bayern und Teilen Niedersachsens, zu überfluteten Straßen und vollgelaufenen Kellern. Polizei und Feuerwehr standen unter Stress und mussten allein in München mehr als 170 Mal und bei Schaumburg / Hannover über 200 Einsätze fahren. Für Köln und das Summerjam ging die Sache glimpflich ab. Das Zwischenhoch „Hildegard“ kam rechtzeitig zum Festivalstart in der Cologne Bay an und sorgte dort früher als anderenorts in Deutschland für eine Wetterberuhigung und teilweise sonnigen Augenblicken. Abgesehen von ein paar kurzen Schauern war es während der Bühnenprogramme überwiegend trocken.

Nachfolgend nun ein paar detaillierte Festivalerinnerungen, die ich schon zwei Tage vor dem offiziellen Start des Festivals beginne. Um keinen der Leser zu langweilen, da es ja unterschiedliche Fangemeinden gibt, hier ein kurzer Überblick zum Verlauf der Story und der Fotogalerie, die teilweise gesondert aufzusuchen ist.

29.06.+30.07.2011 – Mittwoch und Donnerstag
Vor dem Festival

01.07.2011 – Freitag
Sara Lugo, Iriepathie, Andrew Tosh, Duane Stephenson, Tarrus Riley, Busy Signal, Barrington Levy

02.07.2011 – Sonnabend
iLLBILLY HiTEC, Che Sudaka, Circus Changhigh, I Fire, Leroy „Horsemouth“ Wallace, Mono & Nikitaman, Andrew Murphy und Roughhouse, Anthony B, Alpha Blondy, Jimmy Cliff

03.07.2011 – Sonntag
Mellow & Pyro, Who Dat!?, The Busters, The Congos, Max Romeo, Lee „Scratch“ Perry, Ziggy Marley, Youssou N´Dour, Joy Denalane

04.07.2011 – Montag
Abreise

Running Order

Mittwoch – 29.06.2011

Den schlechten Wetterprognosen zum Trotz, machen wir uns bei klaren Himmel und 27°C am frühen Vormittag auf dem Weg. Nach den Vorhersagen des Vorabends wird uns die Unwetterfont gegen Mittag im Raum Hessen begegnen. Aber keine Spur davon und absolute Windstille. Erst ungefähr eine reichliche Stunde vor unserer Ankunftszeit beginnt sich der Himmel zu verfinstern und etwas Wind kommt auf. Die Temperaturanzeige im Auto hält tatsächlich was der Wetterbericht des Vortages versprochen hat. Alle paar Fahrminuten sinkt die Temperatur um ein weiteres Grad. Innerhalb weniger Kilometer schafft es die Anzeige nur noch auf 13°C. Es stürmt und regnet. Den Wind lassen wir bald hinter uns aber Regen und Frische bleiben uns bis Köln erhalten. Zum Glück folgt kein Unwetter.
Die Zufahrt zum P2 gestaltet sich wieder schwierig. Alle Jahre wieder. Trotz vorliegender Durchfahrtsgenehmigung hat der Sicherheitsdienst kein Instrument vom Veranstalter in die Hände bekommen, deren Korrektheit mit einfachen Mitteln schnell zu überprüfen. Ohne PKW-Kennzeichnung (Aufkleber), die es eigentlich noch gar nicht geben dürfte, ist in der Regel kein Durchkommen. Nach Angaben des Veranstalters werden diese nämlich erst ab Donnerstagabend ausgegeben und grundsätzlich nicht vorher verschickt. Umso erstaunter ist man aber dann, wenn man doch Fahrzeuge mit Aufklebern auf dem P2 sieht, und noch dazu von Inhabern wie „Campingreisender“, „0815 …“ oder sogar völlig ohne Angaben. Sehr auffällig viele Gefälligkeitsaufkleber. Auf dem VIP / Presseparkplatz findet man die wenigsten Fahrzeuge, die tatsächlich irgendeinen Bezug zum Summerjam haben oder eine Berichterstattung zum Festival erwarten lassen. Aber auch diese Kritik wird wie jedes Jahr ohne Folgen im Nirgendwo verhallen, genau wie die des Sicherheitsdienstes an den Schranken, endlich mal eine Akkreditierungsliste vom Veranstalter in die Hände zu bekommen. Es könnten so viele Dinge einfacher sein und das Quiz der Kontrolleure an den Schranken müsste nicht jedes Jahr neu erdacht werden. Das kostet allen Beteiligten völlig unnötige Nerven.
Wie jedes Jahr ist der Zeltplatz erst ab Donnerstag im Eintrittspreis enthalten, aber schon am Mittwoch leider zu zirka 98% besetzt. Dies zumindest besonders in der Nähe vom P2, der Seen 5, 6 und weit bis hinter der Inselzufahrt um den See 7 herum. Unter diesen Umständen schaukelt sich die Ankunftszeit der ersten Camper immer weiter ins Vorfeld des Festivals. Nach Aussagen einiger Camper sind die am günstigsten gelegenen Plätze bereits seit Montag in festen Händen. Die alljährliche Ankündigung des Veranstalters „Camping ist nur mit gültigem Festivalticket erlaubt“, ist wiederum völlig außer Kontrolle geraten. Diesbezüglich hat man sich leider noch nichts einfallen lassen. Neben dem Summerjam hat sich bereits ein „Camperfestival“ am Rande entwickelt, für dessen Besucher die Festivalinsel nur als Backgroundmusik eine Rolle spielt – wenn überhaupt. Uns bleibt also nichts weiter übrig, als unser Zelt neben dem Auto aufzuschlagen, was in vergangenen Jahren bei vorliegender P2-Genehmigung auch toleriert worden ist. Während ich im Regen mit meinen offenbar ungeeigneten Heringen gegen die vergossenen Pflasterfugen kämpfe, machen sich die ersten illegalen Camper schon wieder im anschließenden Waldbereich breit. Die dazugehörenden Autos stehen ohne Aufkleber oder sonstiger Genehmigung hinter der Frontscheibe auf dem P2. Wie geht das nur? Die Fugen sind hartnäckig, und der Regen setzt immer noch unangenehm zu. Ich will schon aufgeben und ebenfalls in den verbotenen Wald umsetzen, als die ersten Zelte wieder aus dem Wald herausgetragen werden und sich eine andere Bleibe suchen müssen. Es herrscht striktes Verbot im Wald zu zelten. Ich suche mir also ein paar Baumstämme, die als Ersatz für meine müden Heringe herhalten müssen. Sieht alles reichlich improvisiert aus, aber es hält wie Ast. Unser Zelt trägt so leicht kein Sturm davon! Für das nächste Jahr muss ich mir aber etwas anderes ausdenken. Es gibt keine Garantie, dass sich 2012 auch noch genügend „Ballastholz“ findet.

Donnerstag – 30.06.2011

Viel Zeit für Erkundungen im ausgedehnten Gelände rund um den Fühlinger See.
Auf dem P2 ist noch das große Partyzelt aufzubauen, in dem am heutigen Abend ab 20:00 Uhr die „Welcome-Party“ stattfinden soll. Es ist noch allerhand zu tun. Der gestrige Regen hat zu etwas Zeitverzug geführt. Dafür sind die ersten Verpflegungsstände aber schon geöffnet.
Der Freibadbereich wurde dieses Jahr völlig fürs Campen gesperrt. Man ist gerade dabei, im Gelände einen Hochseilgarten zu errichten. Das Schwimmbad und die sanitären Einrichtungen sind aber nach wie vor geöffnet. Hinter dem Freibad (aus Richtung P2 gesehen, zwischen See 4 und See 5), wurde ein abgesperrtes Camping Areal eingerichtet. Darin gibt es wiederum zwei verschiedene Bereiche, ein „Family Camp“ und ein „Reservation Camp“. Dort werden allerdings 15,00 EUR/Person für den Zeitraum Donnerstag-Montag fällig. Wer schon Mittwoch sein Lager aufschlagen will zahlt 25,00 EUR. Auch der Platz ist mit 3 m²/Person reglementiert. Das Ergebnis: Alles sieht noch schön übersichtlich und gepflegt aus. Bis jetzt ist das hier eine kleine Oase im allgemeinen Campingtrubel. Je nach Auslastung wird man in den nächsten Tagen entscheiden, ob man auch noch Camper ohne Vorbestellung auf das Gelände lässt. Das gibt natürlich Anlass für Bedenken. Hoffentlich werden das nicht zu Viele sein. Am Ende sind die Leute die reserviert und viel Geld bezahlt haben, auch nicht besser gestellt, als jene im übrigen Gelände.

Summerjam-2011 Summerjam-2011
Summerjam-2011

Summerjam-2011 Summerjam-2011

Bild 1 + 3: An der Regattabahn
Bild 2: Red Stage im Bau
Bild 4: Imbiss P2
Bild 5: Eingang „Family Camp“ und „Reservation Camp“

Während die zeitig Angekommenen schon die ersten Sonnenstrahlen genießen und die ersten Partys schmeißen können, haben die Bühnenmonteure auf der Insel noch mächtigen Stress.

Summerjam 2011 Summerjam 2011

Bild 1: Red Stage                                               Bild 2: Green Stage

Auch dort hat der Regen offenbar zu Verzögerungen geführt. Eigentlich seit vielen Jahren das erste Mal, dass wir noch die Montagearbeiten sehen können. Noch am späten Abend wird dort bei Scheinwerferlicht gewerkelt.
Nach 19:00 Uhr geht es dann noch einmal zum Pressecontainer, um nun wirklich unseren Aufkleber und die Eintrittsbändchen zu holen. Alle Guests und akkreditierten Presseleute sind zu einer Spende von 5,00 EUR für den gemeinnützigen Verein HELP Jamaicae.V.! aufgerufen. Somit wird über jeden Gästelistenplatz einen kleiner Beitrag für öffentliche Bibliotheksprojekte in Jamaika beigesteuert. Wer darüber hinaus den Verein unterstützen möchte, sollte Kontakt über deren Website aufnehmen.
Am Abend dann die große Welcome-Party im „Rootcenter“ auf dem P2. Wie erwartet wieder eine tolle Sache – Platz für Alle, ordentliches Zeltklima, sauberes Umfeld und natürlich Reggae auf die Ohren bis zum Abwinken.

Summerjam 2011 Summerjam 2011
Summerjam 2011

Summerjam 2011

Summerjam 2011

Bild 1: Roots Center auf dem P2
Bild 2 - 5: Welcome-Party im Roots  Center

Wer mit offenen Augen an der Party teilnimmt, kann sogar schon den einen oder anderen bekannten Artist entdecken. Auch Andrew Tosh ist schon im Gelände und interessiert sich für das große Treiben im Partyzelt.

Freitag – 01.07.2011

Wir haben kaum unser Frühstück beendet und wollen zum morgendlichen Erkundungsspaziergang aufbrechen, da nimmt der Tag eine unangenehme Wendung. Der Sicherheitsdienst ist auf dem für Presse und VIP reservierten P2 Bereich unterwegs und will „Klar Schiff machen“. Einerseits richtig und notwendig, da illegale Camper und Parker langsam überhand nehmen, der angrenzende Wald schon wieder aufgerüstet ist und den Ausrüstungstransporteuren (die sich immer wieder am Auto vorbei in den Wald quetschen) schon unser Außenspiegel zum Opfer gefallen ist. Aber andererseits ist das Vorgehen des Sicherheitsdienstes etwas unklar. In erster Linie wird nur gegen die Zelte auf dem Parkplatz vorgegangen. Es interessiert nicht, wer tatsächlich eine Akkreditierung hat und wer nicht. Autos ohne Aufkleber oder sonstiger Genehmigung werden gar nicht erst angesehen. Es erwischt in erster Linie den berechtigten Personenkreis. Zum Beispiel HoRo und ELJER, die unter Anderem für Reggaeville arbeiten, müssen ihr Zelt neben dem Auto abbauen. Sie sollen in den Wald gehen. Was ist das denn jetzt!? Auch die Leute vom Reggaebus, seit vielen Jahren offizielle Partner des Summerjam, sollen vertrieben werden. Auch dort schimpft man: „Jedes Jahr das gleiche Theater!“ Während an einigen Stellen vom Sicherheitsdienst „liebevoll“ einige Zelte „zusammengefaltet“ und ins Gestrüpp geschoben werden, sitzt ein Mann vom Reggaebus mit amtlich grimmiger Miene als Wachposten vor der eigens errichteten Reggaebus-Absperrung. Man hofft noch auf Aufklärung. Der Sicherheitsdienst soll sich lieber um die wirklich illegalen Camper und Parker kümmern. Ohne Probleme könnte man hier 30-50% der Fahrzeuge mit dazugehörenden Zelten (teilweise im angrenzenden Wald), beräumen oder abschleppen lassen, die noch keinen Aufkleber oder eine andere Genehmigung nachweisen können. Es gibt sogar Wohnmobile (ohne Aufkleber), die vorsorglich das Nummernschild entfernt haben und quer gestellt mit Anbauzelt gleich 5 Stellplätze vereinnahmen. Irgendwie macht das keinen Spaß mehr, wenn man alle Genehmigungen hat und letztendlich doch nur Stress und Ärger hat, oder ständig mit unkalkulierbaren Problemen rechnen muss. Wir kennen sicherheitshalber erst einmal unser Zelt nicht mehr und warten in der Ferne auf Aufklärung. Es dürfte schwer fallen unser tornadosicheres Domizil abzubauen und einzulagern. Für einen langwierigen Umzug ins Ungewisse fehlt uns jetzt sowieso die Zeit. Die Eröffnung des Festivals steht unmittelbar bevor.
Wegen dieser ganzen Aufregung vergessen wir glatt unseren Mittagsimbiss, schnappen nur schnell unsere Ausrüstung und machen uns zur Festivalinsel auf. Hoffen wir, dass noch alles im Lot ist, wenn wir wiederkommen. Der halbe Tagesplan ist im Eimer, nur wegen diesem unnötigen Ärger.

Summerjam 2011

Summerjam 2011 Summerjam 2011
Summerjam 2011

Kurz vor der offiziellen Eröffnung der Insel, die ab 14:00 Uhr sein soll, machen wir einen kleinen Rundgang übers Gelände. Einige Basarstände sind noch emsig beim Auspacken, die meisten sind aber schon für den Ansturm gerüstet und warten entspannt auf die ersten Kunden. Die Bühnen sind fertig gestellt. Einige Materialpaletten werden noch abgefahren, die letzten Sicherheitszäune errichtet und ein paar Bäume beschnitten, die am Bühnenrand stören. Sara Lugo macht schon einmal den Soundcheck und Ganjaman betrachtet aus der Ferne die Green Stage, die für die nächsten drei Tage, für ihn als Moderator die Heimat sein wird.
Dann ertönt ein lautstarkes, schwer definierbares, Signal aus den Lautsprechern – die Insel ist jetzt offenbar eröffnet. Langsam füllt sich das Gelände, und die Gabelstapler müssen sich sputen, damit sie ihre letzten Transporte ungehindert erledigen können.
Die 23-jährige Sara Lugo ist die erste Künstlerin des diesjährigen Summerjam. Die puertoricanisch-deutsche Sängerin aus München, mischt Reggae und Soul, ab und zu auch gewürzt mit etwas Jazz und HipHop. Im Jahr 2009 hat sie ihre erste EP „Sara Lugo“ herausgebracht, und in diesem Jahr folgte am 06. Mai ihr Debutalbum „What About Love“, welches vom Münchener Dub- und Reggaespezialist Umberto Echo produziert worden ist.

Sara Lugo Sara Lugo
Sara Lugo Sara Lugo

Nach dem Auftritt von Sara Lugo rückt Ganjaman mit einer „guten und einer schlechten Nachricht“ heraus. Die schlechte Nachricht: John Holt wird nicht auftreten. Man habe bis zum Schluss mit dieser Info gewartet, in der Hoffnung, dass es doch noch mit seinem Visum klappt. Es lag einzig und allein an Versäumnissen von John Holt oder dessen Management. Das Visum wurde einfach nur zu spät beantragt. Weiterhin ist die Backing Band von Andrew Tosh irgendwo zwischen Paris und Köln im Stau stecken geblieben. Also wird auch Andrew Tosh nicht wie geplant auftreten können. Die gute Nachricht: Andrew Tosh ist auf dem Gelände (was wir schon wissen) und man will versuchen, ihn irgendwo anders mit unter zu bringen. Weiterhin bliebe dadurch etwas mehr Zeit für die anderen Artists.

Nächster Act auf der Green Stage, der dies gleich ausnutzen kann, ist die österreichische Band Iriepathie. Die Band wurde im Jahr 2000 gegründet, hat somit kürzlich ihr 10-jähriges Jubiläum gefeiert und zählt in Österreich zu den bekanntesten Reggae Acts. Nebenbei betreiben sie auch noch das Label Irievibrations-Records, bei dem auch Lucianos 2011-er Album „RUB-A-DUB MARKET“ und in den zurückliegenden Jahren Alben von Perfect, Mark Wonder und Anderen erschienen sind. Alles sehr gute Arbeiten, aber Iriepathies eigene Live Präsenz trifft nicht so ganz meinen Nerv. Die Brüder Syrix und Professa, die hinter Iriepathie stehen, scheinen nicht so ganz begeistert zu sein von ihrer zusätzlich zur Verfügung bekommenen Spielzeit. Syrix schaut immer wieder ausgepowert zu Ganjaman und hofft der Mimik nach auf ein Schlusszeichen, aber sie „dürfen“ immer noch weiter machen. Auch Ganjaman selbst springt mit „Nur einmal“ zur Auflockerung ein. Seine Unterstützung beschränkt sich passender Weise leider auch auf nur einmal. Die nachfolgenden Acts stehen offenbar noch nicht zur Verfügung und Iriepathie ist weiterhin gefordert.

Iriepathie Iriepathie
Iriepathie Iriepathie
Iriepathie

Iriepathie

Sehr gerne würden wir ja einmal nach Ziggi Recado auf der Red Stage sehen, aber dann ist unser günstiger Platz hier Geschichte. Tarrus Riley möchten wir auf keinen Fall aus der hintersten Reihe ansehen.
Dann endlich ist es soweit und die Black Soil Band beginnt ihre Bühneneinrichtung. Dean Fraser, der Star am Saxophone, darf natürlich nicht fehlen wenn es um seine Schützlinge Tarrus Riley und Duane Stephenson geht. An der musikalischen Entwicklung beider Künstler hat Dean Fraser maßgeblichen Anteil. Dean ist eine beeindruckende Persönlichkeit für sich, wird von vielen Fans euphorisch begrüßt und könnte ganz sicher eine eigene Bühnenshow durchführen. Völlig überraschend wird nun Andrew Tosh angekündigt, bei dem bisher noch gar nicht sicher war, wo man ihn unterbringen können wird. Aber wo sollte er sonst hin, passt hier schon am besten. Busy Signal oder Ce´cile wären sicher nicht die richtige Möglichkeit. Leider kann der Sohn von Reggae Legende Peter Tosh nur drei Stücke performen. Wir sind aber froh, dass sich überhaupt noch diese Gelegenheit eröffnet. Schon 5 Jahre liegt es zurück, als wir Andrew das letzte Mal hier beim Summerjam gesehen haben. Inzwischen hat er eine graue Strähne im Bart bekommen. Damals ist er noch, nach Vaters Manier, mit dem Einrad auf die Bühne gefahren. Heute ist diese Einlage nicht dabei. Immer wieder verblüffend wenn Andrew die alten Hits seines Vaters singt – schön das Peters Stimme in Andrew weiter lebt. Viel zu schnell sind die wenigen Minuten verflossen, aber man kann den nachfolgenden Künstlern, die die gleiche Backing Band haben, nicht verdenken, wenn sie von ihrer Auftrittszeit nichts weiter abgeben möchten.

Dean Fraser Andrew Tosh
Andrew Tosh Andrew Tosh

Zum Trost muss ich mir unbedingt demnächst wieder einmal sein Album „Andrew sings Tosh – He never died!“, lautstark zu Gemüte führen. Nächster Act ist Duane Stephenson, der erst seit 2008 mit seiner Debut-Single „August Town“ so richtig bekannt geworden ist. Aber was sollte schon schiefgehen bei einem Klassiker wie „Jah Live“ von Bob Marley, der hier mit anderem Text neu vertont worden ist. Das Album „From August Town“ folgte im selben Jahr und enthielt noch weitere Hits wie „Cottage In Negril“ oder „Ghetto Pain“. Voriges Jahr kam nun mit „Black Gold“ sein zweites Album heraus, welches der Tradition seines Vorgängers folgt. Ein Schwergewicht wie „August Town“ ist aber nicht dabei. So etwas gelingt eben nicht alle Tage.

Duane Stephenson Duane Stephenson
Duane Stephenson Duane Stephenson

Dann folgt Tarrus Riley mit dem Hauptteil der Show, der auch meines Erachtens den Höhepunkt des Tages darstellt. Schon im Jahr 2004 brachte Tarrus sein Debutalbum „Challenges“ heraus. 2006 folgte „Parables“ und im Jahr 2009 das hoch gelobte Album „Contagious“. Hits wie „She´s Royal“, „Living The Life Of A Gun“, „Love´s Cantagious“ oder auch „Stop Watch“, sind die größten Renner seines bisherigen Schaffens, die jeden Reggae Fan vom Hocker reißen.
Tarrus tritt heute mit einer Jacke im Military Look, dunkler Sonnenbrille, grüner Basecap und einem großen schwarzen Kettenanhänger mit den Umrissen von Afrika auf. Die Massive ist völlig aus dem Häuschen und benötigt bei Tarrus keine Aufwärmphase. Der größte Knaller seiner Show ist nach wie vor „Love´s Cantagious“, der auf dem Marley Klassiker „Coming In From The Cold“ beruht. Man muss es immer wieder aufzeigen, ist schon bemerkenswert, dass viele der größten neuen Hits oft auf Bob Marleys Schaffen zurückzuführen sind. Dann gibt es auf einmal etwas Ablenkung im Fotograben und einige Fans jubeln jemand anderem zu. Läuft doch da mit rotem Zylinder Leroy „Horsemouth“ Wallace. Jeder kennt Horsemouth aus dem Kultfilm „Rockers“. Ob das wohl derselbe rote Hut ist? Neben ihm ist Abdou Day, ein Reggae Sänger aus Madagaskar, der heute in Frankreich lebt. Mit seiner typischen Form des Kopfschmucks ist er unverkennbar. Bevor die Ablenkung anhält sind die Beiden aber wieder verschwunden.

Tarrus Riley Tarrus Riley
Tarrus Riley Tarrus Riley
Dean Fraser Fotografen

Tarrus und Dean sind Stars des Tages. Auch wenn Ganjaman in der Pause danach sagt: „Wir nähern uns jetzt dem Höhepunkt des Tages – meiner war gerade …“, kann ich mich nur mit dem zweiten Teil seiner Ansage anfreunden. Dann entrollen er und Nadia von Sentinel, ein großes Banner um für die Unterstützung von HELP Jamaica zu werben. Also dann schreibt fleißig viele SMS! Bei dieser Gelegenheit wird Nadia nun auch einmal vorgestellt. Schon seit Jahren haben wir sie bei der Bühnentechnik arbeiten gesehen und eine Doppelgängerin von Sentinels Nadia vermutet, die nun endlich einmal vorgestellt wird und somit alle Zweifel aus dem Weg geräumt werden.

Ganjaman und Nadia

Der nächste Act auf der Green Stage soll Busy Signal sein. Seiner Show müssen wir nicht in voller Länge in der ersten Reihe beiwohnen. Da genügen uns die ersten drei Titel im Fotograben. Also erst einmal raus aus dem Gedränge und etwas Entspannung tanken.
Wir haben dabei sogar noch etwas Glück und treffen in der Pause noch einmal ganz entspannt auf Leroy „Horsemouth“ Wallace und Abdou Day.

Leroy "Horsemouth" Wallace Abdou Day

Nach Dub Inc. aus Frankreich zu sehen, die auf der Red Stage auftreten und etwas eher als Busy Signal an der Reihe sind, verspüren wir kein Bedürfnis. Bisher konnte uns noch nichts von dem bisher Gehörten anlocken oder überzeugen. Warum die ausgerechnet als vorletzter Act des Abends auf der Red Stage gelandet sind, ist etwas unklar. Da ist doch Busy Signal auf der Green Stage die eindeutig bessere Wahl.
Busy Signal gehört der jamaikanischen Hardcore-Dancehall Szene an und ist damit zwar auch nicht unbedingt einer meiner Favoriten, aber er hat auch Material dabei, was selbst einem Rootser richtig gut gefallen kann. Mit Hits wie „Night Shift“ und „One More Night“ kann er auch seine sanftere Seite zeigen. Letztendlich ist und bleibt er aber, neben Bounty Killer, Mavado, Elephant Man, Vybz Kartel und Anderen, einer der bekanntesten Dancehall-Vertreter Jamaikas, und selbst für mich einer der Besten von ihnen.

Busy Signal Busy Signal
Summerjam 2011

C-Sharp Band Busy Signal
Busy Signal Busy Signal
Summerjam 2011

Busy Signal Busy Signal

Als wir Busy Signal wieder verlassen, treffen wir auf einen äußerst grimmig dreinblickenden Andrew Tosh, der seine Blicke über Busys jubelnde Fangemeinde schweifen lässt. Sein verhinderter Auftritt liegt ihm offenbar sehr schwer im Magen. Immerhin ist er aber gesprächsbereit. Seine Miene bleibt aber versteinert, nahezu egal was man zu ihm sagt. Auch seine Albumcover, die ich zum signieren vorsorglich dabei habe, bringen keine Aufhellung in sein Antlitz. Bei jedem anderen Artist führt das in der Regel zu irgendeiner Form des Dankes oder Freude. Über der für Andrew Tosh vorgesehenen Backing-Band braut sich sicherlich ein ganz schweres Unwetter zusammen. Da möchte ich nicht dabei sein. Sie hätten sicher von Paris eher losfahren müssen. Bei einer Strecke von zirka 5 Fahrstunden, sollte man eben auch ein paar Stunden Reserve einkalkulieren. Lang genug wäre der Tag gewesen, bis zu Andrews geplantem Auftritt gegen 17:00 Uhr.

Andrew Tosh Barrington Levy

Bild 1: Andrew Tosh
Bild 2: Barrington Levy

Letzter Act des Abends, den wir aus der Nähe verfolgen können, ist dann für uns Barrington Levy. Er gilt als einer der Begründer des frühen jamaikanischen Dancehalls. Barrington ist inzwischen über 30 Jahre im Musikgeschäft und hat es dabei auf zirka 20 Alben gebracht. Mit Hits wie „Here I Come“, „Under Mi Sensi“, „Englishman“, „Broader Than Broadway“ und Anderen, hat er sich in der Geschichte des Reggae und Dancehall ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Barrington Levy Barrington Levy

Während Barrington Levy noch mit seinen Fans vor der Green Stage abfeiert, läuft schon die Pressekonferenz mit Busy Signal an. Mit dabei ist die C Sharp Band, die heute für Busy als Backing Band gespielt hat. Sehr erstaunlich wie sich die Band wandeln kann, auch vom Gesichtsausdruck her. Letztes Jahr habe ich sie erst bei der „Montego Bay Tour“ von Tony Rebel und Queen Ifrica erlebt. Monty mimt mit roter Basecap, weißumrandeter Sonnenbrille und verschränkten Armen den Obercoolen. Auch die anderen Bandmitglieder schauen nicht sehr zugänglich aus und sitzen da wie eine verschweißte Gang oder wie Bodyguards von Busy Signal. Busy selbst hebt sich da richtig positiv ab und beweist sich im Interview als bodenständiger und zugänglicher Artist. So hätte ich ihn eigentlich nicht erwartet.

Busy Signal Busy Signal

Bild 1 + 2: Pressekonferenz Busy Signal

Zum Schluss unserer persönlichen Tageszusammenstellung schauen wir noch einmal nach Patrice auf der Red Stage und kommen gerade noch zu seinem Hit „Soulstorm“ vom Album „Nile“ zurecht. Die Bühnennähe ist natürlich nicht mehr zu erreichen und Fotos müssen auf eine spätere Gelegenheit warten.

Während dieser ganzen tollen Eindrücke des ersten Festivaltages, haben wir zum Glück den Ärger um unser Zelt glatt vergessen. Erst beim „Heimweg“ müssen wir wieder daran denken. Zum Glück finden wir aber alles unverändert vor. Die Sache hat sich geklärt. Auch unsere Nachbarn vom Reggaebus sind alle noch an ihrem Platz. Sogar die meisten Illegalen sind noch da. Nur ein paar Pavillons sind verschwunden.

Sonnabend – 02.07.2011

Den heutigen Tag können wir etwas ruhiger angehen. Die Green Stage ist heute für den Reggae Fan so gut wie gar nicht zu gebrauchen. Auf der Red Stage können wir auch den ersten Act getrost verpassen. Richtig los geht es eigentlich erst mit I-Fire.
Aber wie auch immer, informieren vor Ort schadet erst einmal nicht.
Bei iLLBILLY HiTEC, ein Sound aus Deutschland, hat sich eine klägliche Fangemeinde vor der Red Stage eingefunden. Ich muss mir eingestehen, dass sich meine Meinung nach drei miterlebten Songs keineswegs geändert hat. Diese Soundsystemshow ist momentan überhaupt nicht mein Ding. Auch die meisten anderen Gäste stehen eher gelangweilt herum. Um diese Musik näher beschreiben zu können, bin ich der falsche Mann, hört einfach bei Myspace oder anderenorts hinein.

iLLBILLY HiTEC iLLBILLY HiTEC

Also schauen wir einmal was auf der Green Stage los ist. Bei Che Sudaka sieht es etwas besser aus, aber auch nicht so sehr befriedigend. Die Bandmitglieder stammen aus Argentinien und Kolumbien, gegründet haben sie sich aber in Spanien. Deren Mischung aus Punk, Latin, Ska, Rock und Reggae (Reggae wage ich kaum anzuführen), ist wiederum absolut nicht mein Ding. Eine reichlich bunte Truppe, die man kaum einzuordnen mag. Aber sie verstehen es eine Live-Performance hinzulegen und haben unter den Gästen doch ein paar interessierte Leute. Mit Reggae-Festival hat das aber eher weniger zu tun.

Che Sudaka Che Sudaka
Summerjam 2011

Also ist etwas Zeit zum Bummeln und endlich einmal Zeit dem Circus Changhigh ein wenig zuzusehen. Dänemarks einzigen Einrad-Zirkus gibt es schon seit über 17 Jahren. Die auf Mittelalter-Style und Reggae getrimmte Truppe ist schon seit vielen Jahren Gast beim Summerjam. Jean Ascher ist gerade dabei seine Zirkusmitglieder vorzustellen und beginnt seine neue Show, deren Zeiten immer an der Bühne angeschrieben sind. Irgendwann für die Dauer des Festivals sollte also jeder einmal die Gelegenheit bekommen, sich das Spektakel anzusehen. Seine Bühne ist beflaggt mit ein paar Bob Marley Fahnen, und aus seinem interessant anzusehenden Soundsystem gibt es Reggae auf die Ohren. Viele interessante Details kann man auf Jean Aschers Bühne entdecken, die einem aus der Ferne gar nicht auffallen. Wer einen Spazierstock aus echten Knochen haben will, oder sich für andere mittelalterliche Utensilien interessiert, wird auch bei ihm fündig.

Circus Changhigh Circus Changhigh
Circus Changhigh Circus Changhigh

Weiterhin auf dem Gelände befindet sich eine interessante Ausstellung des Künstlerduos „Strassenkoeter“. Die Ausstellung nennt sich „Artists 4 Viva Con Agua“. Die Ausstellung soll Interesse wecken für ein aktuelles Sanitär- und Hygiene Projekt in Burkina Faso. Das Künstlerduo „Strassenkoeter“ porträtiert fotografisch Musiker und setzt sie illustrativ in Szene. Die porträtierten Künstler und die beteiligten Partner engagieren sich ehrenamtlich. Der Erlös aus dem Verkauf der Bilder fließt dem Projekt „Viva con Agua“ zu. Schaut doch einmal herein.

Gentleman Stadtaffe Arnim Teutoburg Weiss

Bild 1: Gentleman                     Bild 2: Stadtaffe                       Bild 3: Arnim Teutoburg Weiss

Dann wird es langsam Zeit, sich zu I-Fire an die Red Stage zu begeben. Die neunköpfige Band aus Hamburg mit ihren 3 Frontsängern Free, Rawbird und Dub-Ill-You wird oft mit Seeed verglichen. Wer sie einmal gesehen hat ist schnell von ihrem Style überzeugt. Sie selbst beschreiben sich so: „Originär, international und verdammt kraftvoll! Ska-lastige Bläsersätze vermischen sich mit Dancehall-Tunes. Reggae-Flows treffen auf stilsichere Riddims’n’Rhymes und superbe HipHop-Beats. Provokante Texte und jede Menge positive Vibes voller Energie. This is the sound of I-FIRE!“ Und das hat Wirkung! Das Gelände vor der Red Stage ist, so weit man blicken kann, gut gefüllt. Das Programm der Band bedient alle Fangemeinden gleichermaßen, wie es ihre eigene Charakterisierung auch erhoffen lässt. Dementsprechend ist das Publikum auch bunt gemischt und alle musikalischen Lager sind anwesend. Abwechslung – so heißt das Zauberwort.

I-Fire I-Fire
I-Fire I-Fire
I-Fire Summerjam 2011

Dann ist wieder Entspannung im Gelände angesagt. Mit dem nachfolgenden Samy Deluxe können wir uns natürlich überhaupt nicht anfreunden. Samy Deluxe als Vertreter des deutschen HipHop und Rap, ist genau das, was ich überhaupt nicht brauche. HipHop sollte besser beim Splash und ähnlichen Festivals bleiben, sonst geht die ursprüngliche Atmosphäre des Summerjam immer mehr verloren, von der jetzt schon nicht mehr allzu viel übrig ist. Jeder Reggae-Fan wird wissen, was ich damit meine, besonders die Roots-Reggae-Fans.
Im Gelände treffen wir dann noch einmal Leroy „Horsemouth“ Wallace, der sich am Jamaican-Food Stand ganz wohl fühlt. Er schlägt vor, was alles sehr gut schmeckt und plaudert auch über seine persönlichen Koch- und Essgewohnheiten. Manche Dinge kennen wir ja schon, aber seine eigenen Rezepte sind wieder etwas anders. Ackee and Saltfish ist da noch das Einfachste, was natürlich sehr gut schmeckt und auch für 10 EUR am Stand zu haben ist. Eigentlich viel zu teuer, aber Horsemouth findet das richtig. „In Jamaika würde ich das natürlich auf keinen Fall bezahlen. Dort bekommst du das für ein paar Dollar an jeder Ecke. Aber hier bezahle ich das gerne. Ich sehe das als Unterstützung für unsere Landsleute, die hier unter ganz anderen Bedingungen davon leben müssen.“ Aber das richtige Essen ist nur eine Seite des gesunden Lebens und Horsemouth erzählt wie er sich fit hält. „Der Körper ist wie eine Maschine, sie muss am Laufen gehalten werden. Wenn du eine Maschine lange Zeit nicht mehr benutzt, wird sie fest und geht kaputt. Mit dem Kopf ist das genauso.“ Er ist jetzt 64 Jahre alt, macht täglich Sport und erreicht noch immer aus dem Stand mit den Händen die Fußspitzen, was er dabei immer mehrfach übt. Themawechsel. Mir ist nicht ganz klar, bei wem Horsemouth beim Summerjam auf der Bühne zu sehen sein wird und möchte das natürlich von ihm wissen. „Ich werde am Sonntag bei den Congos mitspielen. Sie sind gute Freunde von mir. Max Romeo und Lee Perry natürlich auch.“, ergänzt er. Alle drei Acts sind ja mit derselben Backing Band am Start. Wir sind natürlich mächtig gespannt und hoffen auch auf einen gemeinsamen Programmpunkt der drei Reggaelegenden, der am Sonntag greifbar nahe liegt. „Ich kann dir sehr viel über die wahre Geschichte des Reggae erzählen.“, fährt Horsemouth fort, aber dazu kommt es nicht mehr. Wir können Horsemouth nicht ewig für uns beanspruchen, und andere Leute warten auch schon am Rande der Szene. Also verabschieden wir uns erst einmal und machen Platz auf Leroys Bank.

Leroy "Horsemouth" Wallace Leroy "Horsemouth" Wallace

Wir müssen uns auch wieder langsam in Richtung Red Stage begeben. Wenn wir die Haupt-Acts des Tages wie Anthony B, Alpha Blondy und Jimmy Cliff aus günstiger Position erleben wollen, sollten wir wenigstens schon ein Programmpunkt zuvor daran arbeiten. Wir geraten geradewegs in den Strom der abwandernden Deluxe-Fans hinein und kommen kaum vorwärts. An der Einengung des Geländes zwischen den beiden Bühnenvorplätzen ist kein Durchkommen. Wir sind ein Deut zu spät dran und erwischen nur noch einen abgeschlagenen Randplatz vor der Bühne. Hoffen wir auf eine weitere Verschiebung der Interessenlager zum Ende des Auftritts von Mono & Nikitaman. Wenn ich mir die Fans so anschaue, könnten da noch einige abwandern. Neben mir haben ein paar Jugendliche den „Festiville 2011“ von Reggaeville in den Händen und unterhalten sich gerade über den darin enthaltenen Beitrag zu Ziggy Marley. „Ist das vielleicht der Sohn von diesem … äh Bob Marley … du weißt schon?!“ „Ach Quatsch …!“, so der Andere. Das ist doch echt erschütternd, wenn man sich so etwas anhören muss. So also sind die Fans von „Mono..man“ drauf. Keine Ahnung von Reggae. Das macht zumindest Hoffnung, auf bessere Plätze beim nächsten Programmpunkt.
Mono & Nikitaman haben als einziger Act des Festivals, die Zeit für die Fotografen im Fotograben, irgendwo an das zeitliche Ende ihrer Show gelegt und dies sogar auf exakt vorgegebene Minuten beschränkt. Schon ungewöhnlich, aber sie werden sich etwas dabei gedacht haben. Uns egal, wir nutzen das nicht und stecken sowieso hier fest. Seit 01.04.2011 haben die Beiden ihr neues Album „Unter Freunden“ am Start. Für mich eigentlich nichts dabei, was mich vom Hocker reißen könnte. Mit „Kontrast“ ist nur ein einziger Reggae-Song dabei. „Superstar“ geht gerade noch als solcher durch. Aber ein Album muss ja kein Maßstab sein. Zurückliegend ist mir allerdings auch noch nicht sehr viel Hörenswertes zu Ohren gekommen. Lassen wir uns überraschen.
Leider bleibt fast während dem ganzen Konzert die Überraschung aus. Einziger Lichtblick und Erholung in der Show ist „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“, vom 2006-er Album „Für Immer“. Zum Ende der Show werden dann am Bühnerand ein paar Feuerfontänen in Brand gesetzt. Als sie erloschen sind, kommen schließlich die Fotografen in den Pressegraben. Das war sicher zu spät, „Mono…man“ haben sich da leider mit den Minuten verkalkuliert, sicher sollte dies der Grund für den später angesetzten Fototermin sein. Ich bin letztendlich erleichtert, dass die Show nun bald zu Ende ist. Das Konzert hat mir nicht viel gebracht und meine bisherige Meinung nur verfestigt. Wenn das der neue Reggae sein soll, will ich kein Reggae Fan mehr sein und lieber von gestern oder vorgestern sein. Auch wenn die Stimmung vor der Bühne überwiegend perfekt ist, kann man genau sehen, wo die Reggae-Fans stehen, die das nur wegen den nachfolgenden Artists über sich ergehen lassen. Ein Foto von Michael Grein, gibt das sehr gut wieder (siehe Bild 9 der Galerie, unten rechts). Und dann muss man sich auch noch Fragen gefallen lassen wie: „warum man denn nicht mitgehe“ und „was man hier überhaupt auf dem Festival wolle“. Der Verweis auf nachfolgende Acts wie Anthony B, Alpha Blondy und Jimmy Cliff, erzeugt nur fragende Blicke. Die kennt der Fragesteller gar nicht. Einfach nur haarsträubend! Summerjam wo bist du nur hingekommen!? Auch Andrew Murphys Bedauern über den Ausfall von John Holts Konzert, worüber er den Besuchern vor Beginn dieser Show, noch etwas erzählen wollte, fiel nicht auf fruchtbaren Boden. Der Bereich des Publikums, mit dem Andrew sprach, hat tatsächlich noch nichts von John Holt gehört. Andrew ist sprachlos. „Mono…man“, eure Fans sind in großen Teilen unglaublich! Tut mir leid, aber solche „Reggae-Fans“ dürfen sich eigentlich nicht als solche betiteln. Wer hat denen das nur eingeredet?

Mono & Nikitaman Mono & Nikitaman

Dann beginnt das große Gedrängel im Rahmen der Fanwanderung. Unsere Position ist aber nicht gut genug. Wir können nur wenige Meter gut machen. Die größte Abwanderung kommt aus der Mitte heraus, und davon sind wir hoffnungslos entfernt.
Als dann die Zeit für den Auftritt von Anthony B herangerückt ist, rückt Andrew Murphy verlegen mit einer Ansage heraus. „Ja ich weiß nicht was ich sagen soll, aber aus irgendeinem Grund befindet sich Anthony B noch nicht auf dem Gelände. Aber er soll unterwegs sein. Nur wann er hier eintreffen wird, wissen wir nicht.“ Na klasse. Hoffentlich führt das nicht zum nächsten Ausfall. Von Anthony B ist man das eigentlich nicht gewöhnt. Bei den vielen Konzerten, die ich bisher gesehen habe, ist das noch nie vorgekommen. Ja was tun? Jetzt ist Andrew gefragt, wartet mit ein paar Bob Marley Klassikern auf und hat die Massive sofort im Griff. Als er dann auch noch den am Rande stehenden Roughhouse auf die Bühne bittet, um den Titel „Exodus“ zu performen, geht ein Jubel durch die Menge. Man könnte fast glauben, Anthony B ist vergessen.

Andrew Murphy Andrew Murphy
Roughhouse Roughhouse

Bild 1 + 2: Andrew Murphy
Bild 3 + 4: Roughhouse

Dann kommt aber die Nachricht, dass Anthony B nun eingetroffen ist. Es vergehen dann auch nur noch wenige Minuten bis Anthony B seine Show beginnt. Heute hat er sich wieder ein edles Outfit zugelegt. Weißer Turban, weiße Hose, weiße Schuhe, weißes Shirt, darüber ein bunt kariertes Hemd und ein dunkles Jackett. Sein Stock ist dieses Mal in schlichtem Schwarz, mit goldenem Knauf und goldener Spitze. Anthony B ist einer der besten Modern-Roots-Reggae Vertreter aus Jamaika und immer ein Garant für eine tolle Show. Seit 1996 Anthony B-s Debütalbum „Real Revolutionary“ in der Reggaewelt wie eine Bombe einschlug sind 15 Jahre vergangen. Seit dieser Veröffentlichung hat Anthony über 20 Alben und tausende Singles veröffentlicht. Darüber hinaus ist er auf hunderten Alben anderer Künstler oder Compilations mit vertreten. Langsam verliert man den Überblick und muss sich den Einkauf überlegen. Es vergeht kein Jahr an dem er nicht ein oder mehrere Alben herausbringt. Seine bisher letzten beiden Werke heißen „Encore“ und „Rasta Love“. In seiner Show bedankt er sich beim „Vater des Festivals, dem großen Promoter Klaus Maack“ und fordert die Massive zum Beifall auf. Auch Horsemouth bekommt von Anthony B eine Anerkennung. Er ruft ihn zu sich und lässt ihn über die Bühne laufen. Horsemouth freut sich und winkt der Massive zu. Jetzt dürfte es auch der Letzte mitbekommen haben, dass der Drummer und die Hauptfigur aus dem Kultfilm Rockers, auf dem Festivalgelände ist.

Anthony B

Anthony B Anthony B
Anthony B Anthony B

Nächster Act des Abends ist Alpha Blondy mit seiner Band Solarsystem. Alpha Blondy, der bürgerlich Seydou Koné heißt, kommt aus der Elfenbeinküste. Sein neuestes Werk heißt „Vision“ und ist seit 04.04.2011 auf dem Markt. Alpha Blondy ist einer der bekanntesten Reggae-Musiker aus Afrika und weltweit äußerst erfolgreich. Er singt in den verschiedensten Sprachen wie Dioula, Englisch, Französisch, Hebräisch und Arabisch. Von seinen zahlreichen Hits, die er heute präsentiert, ist das Stück „I Wish You Were Here“ vom 2007-er Album „Jah Victory“, einer der Höhepunkte der Show. Alpha Blondys Reggae-Version dieses Pink Floyd Klassikers ist kaum zu übertreffen. Während der Show landet doch tatsächlich, aus der Massive kommend, ein Gummiball direkt auf Alphas Kopf. Der nicht müde, macht sein Mikro fest, drippelt über die Bühne und kickt den Fußball zurück in die Massen. Fast hätte ihn das auf die Bretter gelegt, aber er kann sich gerade noch so abfangen. Bei dieser Gelegenheit kommt er wenigstens einmal auf unsere Seite der Bühne, auf der er sich fast die ganze Show lang nicht sehen lässt. In Alphas Verschnaufpause stellt eine seiner drei Backgroundsängerinnen, die 12-köpfige Mannschaft vor, die bei dieser Gelegenheit natürlich mit ein paar Soloeinlagen glänzen können. Die Frau hat wenigstens Stimme - nicht so dünn wie Mono. Schade, dass man sich die ganzen Namen der Bandmitglieder nicht merken kann. Die Musiker kommen aus den verschiedensten Ländern wie Togo, Kamerun, Frankreich, Elfenbeinküste, Großbritannien und Jamaika. Ganz zum Schluss stellen sie sich noch einmal alle zusammen an der Bühnenkante auf, um sich zu verabschieden. Nur Alpha fehlt.

Alpha Blondy

Alpha Blondy Alpha Blondy
Alpha Blondy Alpha Blondy

Dann geht es in die letzte Runde des zweiten Festivaltages. Mit Jimmy Cliff kommt der dritte Höhepunkt des Tages. Der „The Harder They Come“ Star James Jambers, wie Jimmy Cliff bürgerlich heißt, ist inzwischen 63 Jahre alt, aber seine Shows sind nach wie vor ein Erlebnis und mitreißend. Wer kennt sie nicht, Klassiker wie „You Can Get It If You Really Want“, „Wonderful World, Beautiful People“, „Can See Clearly Now“ oder „Vietnam“, nur um einige Wenige zu nennen. „Vietnam” wird heute gleich einmal aktualisiert und auf „Afghanistan“ umgedichtet. Seine Show hat viele Höhepunkte, aber am meisten beeindruckt mich immer wieder das Stück „Bongo Man“, ein Stück der Extraklasse mit den verschiedensten Trommeln. Die gesamte Band reiht sich, soweit die Instrumente transportabel sind, an der Bühnenkante auf und jagt einem bei abgedunkeltem Licht so manch wohligen Schauer über den Rücken. Jimmy Cliff ist ganz einfach ein Muss für jeden Reggae-Fan.

Jimmy Cliff

Jimmy Cliff Jimmy Cliff
Jimmy Cliff Jimmy Cliff
Jimmy Cliff

Heute wäre auch die letzte Gelegenheit, der auf P8 ausgelagerten Dancehall Arena einen Besuch abzustatten, aber wir verdauen lieber in Ruhe die Eindrücke des Tages und schlafen uns aus für den morgigen Tag.

Sonntag – 03.07.2011

Ein letztes Mal geht es frühzeitig zur Akku-Ladestation, die ja eigentlich das Infocenter ist. Auf dem Tisch ist kaum noch Platz, und die meisten Steckdosen sind besetzt. „Hast du dein Handy aus?“ werden immer wieder die „Kunden“ gefragt. Und trotzdem bimmelt es immer wieder an allen Ecken im Info-Container. Das kann schon nerven. Ansonsten geht alles seinen geordneten Gang. Eine Nummer wird auf Akku und Ladestecker oder dem Handy aufgeklebt, und das Gegenstück bekommt der Kunde. „Wenn du die Nummer verlierst, hast du ein Problem!“, werden immer wieder die freundlichen Hinweise verteilt. Das möchte wirklich nicht passieren. Trotzdem, „Bitte Lächeln“ steht als ernst gemeinter Hinweis unter dem Containerfenster. Sicherlich nicht ohne Grund, man wird sich hier so Einiges den ganzen Tag lang anhören müssen, wofür man eigentlich gar nichts kann.

Info Point Info Point

Auf der Insel startet der letzte Festivaltag mit Who Dat!? auf der Red Stage und mit Mellow & Pyro auf der Green Stage.
Was ist das denn, sind wir nun beim Karneval? Mellow als „Hulk“, zumindest der Farbe nach, und Pyro als …, wie heißen doch gleich die Blauen? Mellow Mark hat sich ja in den letzten Jahren sehr gewandelt. Erst die Dreads ab und jetzt Farbe auf die Haut. Was kommt noch? Auch die beiden Backgroundsängerinnen sind ganz auf Karneval eingestellt. Für diese Mischung aus Soca, Funk, ein Schuss Reggae und Ska und …(?) ja was, kann ich mich nicht erwärmen.

Mello Mark Pyro Merz
Mello Mark Mellow & Pyro

Aber auf alle Fälle gibt es hier ein paar mehr Fans als bei Who Dat!?. Who Dat!? geht gar nicht. Da ist mir jeder Speicherplatz auf der Kamera zu schade. Selbst das klägliche Häufchen Hip-Hopper vor der Red Stage, bzw. die die nicht da sind, sehen das offenbar nicht viel anders. Mellow & Pyro sind dann doch dagegen wie Gold.

Who Dat!?

Bild 1: "Begeisterung" bei Who Dat!?

Aber nach Mellow & Pyro wird es auf der Green Stage wieder richtig gut. The Busters stehen schon 24 Jahre auf der Bühne und sind Deutschlands absolute Ska-Legende. Die Band legt eine Show der Extraklasse hin. Rob an der Posaune, ist der Witzbold der Truppe. Mit seiner wechselnden und lustigen Mimik bringt er immer wieder die Fans zum Lachen. Zum Beispiel beim Song „Mickey Mouse in Moscow“ zeigt er die ganze Zeit seine Schneidezähne, oder beim Winken zu den Fans, wird mit der anderen Hand die Achselhöhle zugehalten. Richtig unterhaltsam der Typ, unabhängig oder zusätzlich von der guten musikalischen Leitung natürlich. Ron, der Sänger der Band, der aus Holland stammt, stellt während der Show die 10-köpfige Mannschaft vor. Richtig ungewohnt und auffallend ist dabei, dass mal einer die Heimatsprache verwendet. Da gibt es doch tatsächlich wieder einmal Instrumente wie Schlagzeug, Klavier, Orgel usw.. Ein Rufer fordert: „Sprich Englisch!“ Er wird darauf gefragt, wo er denn herkomme. Als dieser meint: „Aus England“, sagt Ron: „Oh, das tut mir leid.“ Der „schlimmste Finger“ der Band soll laut Ron der Mathias am Saxophone sein. Die Story, die das begründet, erfahren wir aber leider nicht. Wer alle Bandmitglieder besser kennenlernen möchte sollte sich die aufschlussreichen und witzigen Vorstellungen auf der Website von The Busters durchlesen. Eine sehr gute und unterhaltsame Idee. Und genau wie diese Vorstellungen läuft die gesamte Show ab, sehr vielseitig, unterhaltsam, witzig, musikalisch perfekt und immer wieder ein anderes Bühnenbild. Und man glaubt es kaum, Ron entschuldigt sich sogar dafür, dass sie mit Ska ein wenig schneller seien als mit Reggae. Das geht natürlich völlig in Ordnung. Ska gehört doch ohne Frage zu einem Reggae-Festival dazu. Aber immerhin ist Ron noch einer, der wenigstens an den ursprünglichen Festivalgedanken glaubt. Zum Abschluss der gelungenen Vorstellung verbeugt sich die gesamte Band an der Bühnenkante vor den Fans. The Busters – immer wieder ein Besuch wert.

The Busters The Busters
The Busters The Busters The Busters The Busters
The Busters

The Busters

Dann rückt der absolute Höhepunkt des Festivals heran. The Congos, Max Romeo und Lee Pery in einem Programmpunkt mit derselben Backing Band. Alle drei Acts sind legendär für sich allein. Lee Perry hat an der musikalischen Entwicklung der Congos und auch von Max Romeo erheblichen Anteil. Das von Lee Perry produzierte 1977-er Album „Heart Of The Congos“ war eine Sensation und ist bis heute der Knaller. Besonders der darauf enthaltene Hit „Fisherman“, ist der Klassiker schlechthin. 2006 hat man deshalb auch noch einmal ein Doppel-(One-Riddim)-Album, „Fisherman-Style“ mit den Congos & Friends herausgebracht. Unglaublich gut das Werk. Und die Zusammenarbeit mit Lee Perry ist wieder äußerst fruchtbar geworden. Das im vorigen Jahr entstandene Album „Back In The Black Ark“, ist auch ein Beleg dafür. Bei Max Romeo sieht es ähnlich aus. Hits wie „Chase The Devil“, „Three Blind Mice“, „War Ina Babylon” und andere, können wir auch Lee Perrys Mitarbeit verdanken. Wer von Max Romeo noch ein Belegalbum braucht, sollte sich unbedingt das 2008-er „Best Of“ zulegen. Das ist keine gewöhnliche „Best Of“ mit alten Hits. Max Romeos Hits wurden hier neu eingespielt, und jede Menge Friends sind auch noch dabei.
Wie im Line-up angekündigt sind die Congos zuerst an der Reihe, um mit den Fans ihre Hits zu feiern. Watty Burnett ist dabei der Bühnenkomiker, bricht immer wieder aus der Dreier-Aufstellung mit Ashanty Roy und Kenroy Fyffe aus, um über die Bühne zu wanken oder mit Cedric zu tanzen. Von seinem Tetrapack Wasser kann er sich auch nur selten trennen. Die unterschiedlichen Stimmlagen der Congos zu hören, ist immer wieder beeindruckend. Besonders der krasse Gegensatz der Höhen- und Tiefenlagen von Cedric und Watty. Watty muss natürlich auch das letzte Wort auf der Bühne haben, als alle anderen schon gegangen sind und Max Romeo Platz gemacht haben.

The Congos The Congos
The Congos The Congos
The Congos The Congos
The Congos

The Congos

Es gibt keine Verschnaufpause. Aber wo war nur das Fernsehteam vom Rockpalast geblieben? Kein Interesse an den Congos? Na wenigstens sind sie jetzt bei Max Romeo aufgetaucht und können ein paar seiner Hits aufnehmen. Hoffentlich bringen die auch alles, was sie aufnehmen. Vom letzten Jahr gab´s bis heute noch nicht alle aufgenommenen Acts zu sehen.

Max Romeo The Congos
Max Romeo Max Romeo
Max Romeo bei Max Romeo

Im krassen Gegensatz zu Max Romeos edler Anzugsordnung, kommt dann Lee Perry, der Meister des krassen, aber wie immer höchst interessanten und schillernden Outfits, auf die Bühne. Lee Perrys Musikkatalog ist kaum überschaubar und legendär, und es ist immer wieder von neuem spannend, was der Inhalt seiner Show sein wird. Heute bringt er Stücke die ich schon lange einmal hören wollte. „Inspector Gadget“, „My Secret Laboratory“ und viele andere Titel in diesem Format, sind der Knaller. Die Massive ist hellauf begeistert. Lee Perry ist inzwischen 75 Jahre alt geworden aber noch immer kein bisschen müde – zum Glück für die Fans. Eine Reihe der besten Momente verpasst wieder einmal das Fernsehteam. Der Gesichtsausdruck eines Kameramannes ist vielsagend als das Zeichen zum Cut kommt. Er schaute nahezu bettelnd, ob es denn nicht noch weitergehen könne, kann beim Absteigen von der Filmplattform kaum einen Blick von Lee abwenden und stürzt natürlich zu Boden. Nichts passiert zum Glück, aber trotzdem tragisch. Nicht wegen dem Sturz aber wegen dem Filmabbruch. Legenden wie Lee Perry sollte man ja nun wirklich komplett aufnehmen. Dann ein Jubel in Richtung rechter Bühnenkante. Lee Perry schaut etwas ungläubig. Da hat doch tatsächlich der Gitarrist ihm kurzzeitig die Show gestohlen, als dieser die Mütze abnimmt und seine langen Dreads aufschüttelt.

Lee Perry Rockpalast Team
Lee Perry Lee Perry
bei Lee Perry Lee Perry
Lee Perry Lee Perry

Zum Schluss dann der absolute Höhepunkt, der durch nichts zu toppen ist. Meine kühnsten Erwartungen werden tatsächlich war. Max Romeo kommt wieder auf die Bühne, gefolgt von Horsemouth und den Congos. Ich habe Tränen der Freude in den Augen. Das wir das erleben dürfen, Wahnsinn.

Congos, Max Romeo, Horsemouth

Aber kein Fernsehen da, um diesen historischen Moment festzuhalten, ich fasse es einfach nicht. Wer berät die Leute nur? Alle zusammen singen jetzt „War Ina Babylon“ in das sie auch ein wenig von John Lennons „Give Peace A Chance“ einflechten. Der Eklat am Rande ist jedoch, dass man Leroy „Horsemouth“ Wallace nicht an die Sticks lassen will. Der bisherige Drummer weigert sich strikt und macht keine Anstalten seinen Platz zu räumen. Das ist schon mehr als gemein. Horsemouth hat sich schon drei Tage lang auf diesen Moment gefreut. Das muss doch abgesprochen gewesen sein. Wieso sollte sonst Horsemouth vorher erzählt haben, dass er heute seinen Einsatz bei diesem Auftritt hat.
Hier ein Video aus dem Publikum vom Finale, das zwar nicht das Erlebte wiedergeben kann, aber trotzdem einer großer Glücksfall ist.



Video: „War Ina Babylon“ – Lee Perry, Congos und Max Romeo – Summerjam 2011

Congos Congos
Lee Perry und Max Romeo Congos
Lee Perry, Congos und Max Romeo

Watty Burnett und Max Romeo Max Romeo und Congos

Watty Burnett

Ja und Watty Burnett geht natürlich wieder als Letzter von der Bühne, um sich noch einmal persönlich und allein vom Publikum zu verabschieden.
Besser kann es heute nicht mehr werden. Was jetzt noch auf der Green Stage folgt, ist nur noch ein langsames „wieder runterkommen“, bzw. für Reggae sogar das Ende.
Ganjaman: „Wir bewegen uns auf den … äh … zeitlichen Höhepunkt zu.“ Na da hat er gerade noch einmal die Kurve mit dem Wort „zeitlich“ gekriegt. Sehr diplomatisch formuliert. Wir geben erst einmal unsere Green Stage Position auf. Auf der Red Stage kommt mit Ayo auch nicht gerade das, was wir nach dem eben Gesehenen brauchen könnten. Außerdem ist für 18:30 Uhr eine Pressekonferenz mit den Congos oder Max Romeo angesetzt. Die Angaben sind nicht ganz eindeutig. Aber völlig egal wer, das ist natürlich keineswegs zu verpassen.
Die Pressekonferenz wird das Ereignis. Die Congos kommen gemeinsam mit Lee Perry hereinspaziert. Ein wenig später folgt Max Romeo und Horsemouth macht die Runde noch ein Deut später komplett. Mann oh Mann, so viel Musikgeschichte an einem Tisch, es ist nicht zu fassen. Lee Perry reißt als zentrale Person des Tisches, die ganze Show an sich. Das war aber fast zu erwarten, wenn man in die Gesichter der Beteiligten blickt. Die Congos schauen fast nur zu Lee Perry und erwarten förmlich seine Führungsrolle. Von ihm wiederum gibt es einige nicht ganz nachvollziehbare Statements, die von den Congos aber ganz witzig gehalten werden. Man muss das Ganze auch als witzige Unterhaltung sehen und kann das einfach nicht Ernst nehmen. Oder wer würde schon auf einen Teller kacken und daran riechen, wenn er krank ist. So zumindest Lees Rezept für eine Heilung.

Lee Perry Lee Perry
Lee Perry und Congos

Lee Perry und Congos Watty Burnett und Max Romeo
Lee Perry und Congos

Lee und Cedric Lee und Max

Höhepunkt der ganzen Verirrungen ist, als Lee Perry einen Journalisten nachdrücklich „zur Hölle“ schickt, weil ihm dessen Fragen oder Antworten nicht ganz in den Kram passen. Dabei wollte der Journalist nur wissen, welchen Glauben Lee Perry verfolgt. Lee Perry weicht aus und antwortet mit der Gegenfrage. Die Antwort „Roman Catholic“ des Journalisten war dann der Auslöser für Lees Ausraster, der anfangs noch harmlos klang, sich aber immer weiter hochschaukelte. Letztendlich packt der Journalist seine Sachen, entschuldigt und bedankt sich noch höflich für das Interview und verlässt fluchtartig den Raum. Wenn er nicht gegangen wäre, wäre wohl Lee gegangen. Max Romeo ist das Ganze äußerst peinlich und vergräbt das Gesicht hinter seinen Händen. Er möchte sich offenbar am liebsten unsichtbar machen. Nicht ganz nachzuvollziehen die ganze Aufregung von Lee Perry, er selbst hat sogar einen Jesus auf der Mütze kleben, einen weißen wohlgemerkt. Aber wer weiß, vielleicht hat ja die Position auf der Mütze auch eine Bedeutung. Immerhin ist Jesus dort von zwei Spidermans umgeben, was immer das auch zu bedeuten hat.



Video: Ausschnitt von der Pressekonferenz

Nach der Pressekonferenz ist er dann wie ausgewechselt und wieder ganz der Alte wie wir ihn eigentlich kennen, freundlich und zuvorkommend. Heute haben wir einmal, die ihm nachgesagte „andere“ Seite kennengelernt.

The Congos und Horsemouth Lee Perry

Nach dieser ganz speziellen Show schauen wir noch einmal wie die Situation vor der Red Stage aussieht. Wir werden uns wohl nicht mehr ins Gedränge begeben. Die Chance auf einen guten Platz für den Auftritt von Ziggy Marley ist gering. Das Gelände hat sich inzwischen zu sehr aufgefüllt.
Wir werden uns mit den ersten drei Stücken begnügen, die wir aus dem Fotograben verfolgen können.
Ziggy Marley hat sich dafür aber etwas ganz Besonderes ausgedacht. Jeder der Fotografen hat einen Fotovertrag zu unterschreiben, sonst wird er nicht vor die Bühne gelassen. Was ist das denn? Was darunter zu verstehen ist seht ihr hier.

Fotovertrag Ziggy Marley

Da hat man fast keine Lust mehr, irgendwelche Fotos zu machen. Der Vertrag ist ja kaum erfüllbar. Es ist auch eher nicht zu verhindern, dass Dritte in irgendeiner Form, ein Bild von der eigenen Website holen. Hat denn eigentlich Ziggy überhaupt schon mitbekommen, wohin die Technik gegangen ist? Man kann auch die besten Bilder und Videos aus dem Publikum heraus machen. Dank supermoderner Kompaktkameras, iPhones und was sonst noch alles. Will er vielleicht künftig mit 10.000 Leuten vor der Bühne einen Vertrag abschließen? Ziggy das ist der Flop des Tages!

Ziggy Marley Ziggy Marley
bei Ziggy Marley bei Ziggy Marley
Ziggy Marley Ziggy Marley
Ziggy Marley Ziggy Marley
bei Ziggy Marley bei Ziggy Marley
Ziggy Marley Ziggy Marley
Ziggy Marley
Ziggy Marley Ziggy Marley

Dann bin ich mal gespannt, ob ich irgendwann vom Marley Imperium unangenehme Post bekomme. Nach unseren drei Titeln streifen wir über das weiträumige Gelände vor der Red Stage. So weit man blicken kann ist alles ausgefüllt. Auch aus der Ferne ist der Musikgenuss noch prächtig, und übers Gelände weht der Geist von Bob Marley. Eine schöne Illusion, die man da von Ziggy Marley präsentiert bekommt.

bei Ziggy Marley

bei Ziggy Marley

Den letzten Act auf der Red Stage gibt es dann mit Youssou N´Dour. Auf seinem Gebiet ist er der Superstar aus dem Senegal und vielleicht von ganz Afrika. Seine Musik ist eine Mischung aus traditionellen Griot-Lobgesängen und den Perkussions des Senegal mit afro-kubanischen Arrangements. Vor Beginn der Show werden die Festivalbesucher lautstark und über einen längeren Zeitraum hinweg, mit dem arabisch-islamischen Gruß „Salem Aleikum“ zur Show eingeladen. Auch Youssou N´Dour hat sich für den Fotograben ein paar Einschränkungen erbeten. Bei ihm sind nur zwei Titel zum fotografieren freigegeben, und das darf nur ohne Blitz erfolgen.
Seine Show ist ungewohnt mit viel Reggae angefüllt, wie ich das bisher bei ihm noch nicht gehört habe. Offenbar hat er versucht, sein Programm ein wenig auf das Summerjam auszurichten. Auch hier beweist er sein besonderes Können. Aber auch ohne Reggae ist seine Musik mit den afrikanisch-arabischen Klängen ein Erlebnis, wie man es nur selten haben kann. Afrikanische Musik wäre zur Ergänzung des Reggae besser auf dem Summerjam als HipHop aufgehoben. Das würde auch der Atmosphäre gut tun.

Youssou N´Dour

Youssou N´Dour bei Youssou N´Dour
Youssou N´Dour Youssou N´Dour
Youssou N´Dour

Nach Ablauf der Fotozeit bei Youssou N´Dour geht es noch schnell zu Joy Denalane, auf einen aktuellen Eindruck und ein paar Fotos. Das klappt gerade noch, weil die Startzeiten etwas versetzt sind.

Joy Denalane Joy Denalane
Joy Denalane Joy Denalane

Danach geht es aber wieder zurück zur Red Stage. Youssou N´Dour ist doch der wichtigere Act von beiden und ein würdiger Ausklang des Festivals.

Red Stage Red Stage

Dann kommen wie immer die wehmütigen und schönen Momente zum Ende der Show. Andrew zählt den Countdown für´s Feuerwerk: „10 – 8 – 7 …“, die „9“ musste er weglassen sonst hätte es nicht geklappt, und dann folgt das grandiose Abschlussfeuerwerk. Man hat fast den Eindruck, als würde es jedes Jahr größer und schöner werden. Oder bilde ich mir das nur ein?

Feuerwerk 2011 Feuerwerk 2011

Danach ist wieder Andrew gefragt um die aufgewühlten Festivalseelen zu beruhigen. Den „Redemption Song“ gibt es dieses Mal nicht, den hat er schon vor Anthony B verschossen. Aber es gibt ja auch noch andere Sachen (ist mir leider entfallen was es war). Danach gibt es noch ein paar Geschenke aus einer Papiertüte. Die Hände recken sich nach oben. Jeder möchte ein T-Shirt fangen. Als die alle sind, kann Andrew nur noch mit ein paar Tetra-Packs Wasser dienen. Ja, das war´s.

Andrew Murphy Andrew Murphy
Andrew Murphy Andrew Murphy

Irgendwie war doch sonst mehr zum Ende auf der Bühne los. Die Massen verteilen sich langsam und der Platz vor der Bühne ist so gut wie leer. Da kommt doch tatsächlich der Andrew noch einmal mit seiner Gitarre zurück. So schnell kann man gar nicht gucken, wie der Platz wieder gefüllt ist. Die Masse hat eben viele Augen. Kein Vorwärtskommen mehr. Andrew setzt sich an die Bühnenkante, winkt ab und legt den Finger auf den Mund. Seid doch leise, die anderen müssen das nicht mitbekommen, sollen die Gesten wohl bedeuten. Und dann kommt er doch noch einmal, der „Redemption Song“. Zwar ohne Licht und ohne Mikro, der Saft ist längst abgedreht und die Stecker gezogen, aber trotzdem schön.

Andrew Murphy

Andrew Murphy

Montag – 04.07.2011

Über den P2 rasen die Kehrmaschinen und drehen immer wieder dieselben Runden, auch wo lange schon kein Müll mehr liegt. Arbeitszeit ist eben Arbeitszeit und man will nun freie Bahn haben. Das ist der beste Wecker. Auch auf dem Zeltplatz fährt der Lautsprecherwagen durch die Zelte, um die letzten müden Gestalten von den Matten zu holen. Wir haben schon alles verstaut und drehen eine letzte Runde übers Gelände, um wie jedes Jahr die unschönen Nachwehen des Festivals zu betrachten. Es ist immer wieder erstaunlich wie die Reinigungskolonnen dieses Chaos spurlos beseitigen können.

Summerjam 2011

Summerjam 2011 Summerjam 2011
Summerjam 2011

Summerjam 2011

Wir treffen einen alten Bekannten. Der Rasta schimpft über die Entwicklung des Festivals. „Schau dich um, was hier los ist. Viele sind schon Sonntag verschwunden. Das war früher nicht so. Wer wegen dem HipHop am Sonnabend hier gewesen ist, hat kein Interesse an den anderen Sachen. Das sollte man trennen. Wir brauchen wieder mehr Reggae und afrikanische Musik. Auch solche Künstler wie Youssou N´Dour. Das Summerjam geht jedes Jahr ein Schritt weiter zurück. Es entfernt sich immer mehr von seinem Ursprung. Eigentlich ist es schon gar kein richtiges Reggae-Festival mehr. Zu teuer ist es inzwischen auch geworden. Leute wie ich, können sich das schon längst nicht mehr leisten. Ich komme nur noch her um mir die Musik aus der Ferne anzuhören und versuche meinen Freunden hier zu helfen auf dem richtigen Weg zu bleiben.“ Ja, was soll man sagen dazu. Auch mir wäre ein Festival, ausschließlich mit Reggae und afrikanischer Musik bedeutend lieber. Aber wir können nichts tun dagegen. Und so lange der Reggae nicht noch weiter zurückgeht, werden wir wohl noch ein paar Jahre mitmachen.

Wir verabschieden uns. „Bleib so wie du bist und Gutes wird dir immer folgen!“, gibt mir der Rasta mit auf den Weg. Ein paar Meter weiter will ich einer Pfütze aus dem Weg gehen, rutsche aus und lande im Schlamm. Na Klasse. So viel zur Wirksamkeit von Segen eines Rasta Elders. Er hat es zum Glück nicht gesehen.

Wir sehen uns hoffentlich im nächsten Jahr wieder, und verpasst bis dahin nicht die Mitschnitte vom Rockpalast!

Montag, 15.08.2011, 0:15 - 3:15 Uhr – Doku Summerjam 2011
(Ist doch wieder einmal eine „sehr günstig“ gelegene Sendezeit!)

Copyright: Text und Fotos by Reggaestory

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