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HKW

JAMAICAN LEGENDS
ERNEST RANGLIN - TYRONE DOWNIE - SLY & ROBBIE

29.06.2012 - HKW Berlin

Jamaican Legends 2012
„HKW ROYAL“ nennt sich eine Veranstaltungsserie im Berliner Haus der Kulturen der Welt (kurz HKW) in der die schillerndsten Stars der globalen Musikszene präsentiert werden. Mit dem Projekt „Jamaican Legends“ gaben sich am 29.06.2012 Ernest Ranglin, Tyrone Downie, sowie Sly & Robbie, vier legendäre jamaikanische Musiker im HKW die Ehre. Tyrone Downie ist für Monty Alexander eingesprungen, der wegen Krankheit verhindert war. 254 Jahre und fast eben so viel jamaikanische Musikgeschichte bringen die vier auf die Bühne. 
Wer sie in dieser Zusammenstellung noch erleben möchte muss sich sputen, denn bei der Vielzahl der musikalischen Projekte der Vier ist ungewiss, ob sie sich so bald wieder gemeinsam präsentieren werden oder können. Und jünger werden sie ja leider auch nicht mehr. Ob Tyrone Downie bei den späteren Terminen wieder gegen Monty Alexander ausgetauscht wird, ist ebenfalls noch ungewiss.

Hier der gegenwärtige Tourplan einschließlich der zurückliegenden Stationen:

28.06.2012 – France – Blainville Crevon / Archeo Jazz
29.06.2012 – Germany – Berlin / House of World Cultures (HKW)
30.06.2012 – Portugal – Loulé / Festival Med
02.07.2012 – Slovenia – Maribor / Lent Festival
04.07.2012 – Turkey – Istanbul / Jazzfest
06.07.2012 – Slovakia – Trencin / Pohoda
07.07.2012 – Eire – Dublin / Button Factory
13.07.2012 – Belgium – Gent / Jazz
19.07.2012 – Finland – Pori / Jazz Festival
25.07.2012 – France – Bagnols sur Ceze / Garance Reggae Fest
29.07.2012 – UK – London / Jamaica 50 @ O2
01.08.2012 – UK – Bristol / Colston Hall
03.08.2012 – Portugal – Zambujeira / Sudoeste
05.08.2012 – Switzerland - St Moritz / Festival da Jazz
08.08.2012 – France – Sete / Fiest á Sète
10.08.2012 – France – Vence / Nuits du Sud
11.08.2012 – Germany – Jena / Kulturarena
12.08.2012 – Germany – Hamburg / Fabrik
13.08.2012 – Sweden – Stockholm / Summer Festival @ Mossebacke Terrasse
16.08.2012 – Spain – Benicassim / Rototom Sunsplash

Es bestehen also noch ein paar Chancen, eines der kommenden Konzerte selbst hierzulande zu besuchen.

Ernest Ranglin wurde bereits am 19.06.1932 geboren und ist damit der Alterspräsident der vier Musiker. Schon im Kindesalter zog es ihn zur Musik, und er begann leidenschaftlich auf der Ukulele zu spielen. Erste Auftritte, die er oft zusammen mit Monty Alexander durchführte, folgten bereits in seiner Jugendzeit. Mit 15 trat er in die Val Bennett Band ein. Später folgten die Eric Deans Band and Count Boysie. In den frühen 50er Jahren war Monty Alexander zu einem geübten Jazz-Gitarrist herangereift und tourte bereits im Ausland. Aber nicht nur Jazz war seine Bestimmung. Aus den 50er Jahren gibt es auch eine Vielzahl von raren Mento Aufnahmen mit ihm, die 2010 glücklicher Weise neu aufgelegt worden sind. Ernest Ranglin begann in der Folge mit Produzenten wie Chris Blackwell und Coxsone Dodd zusammenzuarbeiten und spielte mit fast allen namhaften Musikern der Insel in jener Zeit. Ernest übte großen Einfluss auf die Entwicklung des Ska´s aus. Ska-Musiker wie zum Beispiel Prince Buster, Byron Lee und Roland Alphonso schätzten die Zusammenarbeit mit ihm.
1962 spielte er den Soundtrack für den in Jamaika gedrehten Bond Film „Dr. No“. 1964 erlangte er mit seiner Produktion „My Boy Lollipop“, für die Sängerin Millie Small, internationalen Erfolg. Ja und der Rest ist Geschichte. Auch wenn sich Ernest Ranglin später vermehrt dem Jazz zuwendet, ist er auf einer Vielzahl von Ska-, Rocksteady- und Reggae-Alben zu hören.

Ernest Ranglin - Boss Reggae Ernest Ranglin - Below The Bassline Ernest Ranglin - Sounds & Power Ernest Ranglin - Rocksteady
Ernest Ranglin - Surfin Ernest Ranglin - Alex Town Ernest Ranglin - Order Of Distinction Ernest Ranglin - Ranglin And Friends

Bild 1: Boss Reggae – 1969
Bild 2: Below The Bassline – 1996
Bild 3: Sounds & Power – 1997
Bild 4: Rocksteady – 2004
Bild 5: Surfin – 2005
Bild 6: Alex Town – 2008
Bild 7: Order Of Distinction – 2009
Bild 8: Ranglin & Friends – 2009 (Empfehlung für den Reggae-Fan!)

Lowell „Sly“ Dunbar (10.05.1952) und Robert „Robbie“ Shakespeare (27.09.1953), a. k. a. Sly & Robbie wurden schon zu den glorreichen und Stadion füllenden Zeiten von Black Uhuru als Sly Drumbar & Robbie Basspeare bezeichnet. Heute gehören sie zu den bedeutendsten Rhythmusgruppen der Welt. Was heißen will – nicht nur im Reggae. Namen wie Mick Jagger, Grace Jones, Bob Dylan, Carlos Santana, Serge Gainsbourg, Joe Cocker, Madonna, Marianne Faithfull, Sinead O´Connor, No Doubt und viele andere, sprechen hierfür eine deutliche Sprache. Reggae Artists aufzuzählen, mit denen Sly & Robbie zusammengearbeitet haben erübrigt sich. Es würde sich eine endlose Liste ergeben. Besonders in der jamaikanischen Reggae-Szene gibt es nur wenige namhafte Artists, die noch nichts mit ihnen zu tun hatten. Bereits 1985 schafften sie es gemeinsam mit Black Uhuru und dem Album „Anthem“ den ersten Reggae-Grammy der Musikgeschichte zu erobern. Als Duo gewannen die Riddim-Twins“, wie sie auch genannt werden, 1999 einen weiteren Grammy mit ihrem Album „Friends“, in der Kategorie „Bestes Reggae-Album“. Inzwischen haben sie es auf vier Grammys geschafft und ihre achte Nominierung im Jahr 2011 eingefahren, zu denen auch das 2010-er Projekt „Made In Jamaica“ mit Bob Sinclair gehört. Nach vorsichtigen Schätzungen gehen auf das Konto der Riddim-Twins über 40.000 produzierte Songs und über 200.000 Stücke, an denen sie mitgewirkt haben. Und die äußerst erfolgreiche Arbeit geht weiter. Bis heute sind Sly & Robbie bestens im Geschäft.
Mehr zu Sly & Robbie gibt es hier und einen noch ausführlicheren Einblick in ihren unglaublichen Schaffenskatalog hier.

Black Uhuru - Red Black Uhuru - Anthem Black Uhuru - Liberation Sly & Robbie - Friends
Yami Bolo - Freedom Liberation Horace Andy - Livin It Up Bob Sinclar - Made In Jamaica Sly & Robbie - Blackwood Dub

Bild 1: Black Uhuru – Red – 1981
Bild 2: Black uhuru – Anthem – 1984
Bild 3: Black Uhuru – Liberation - The Island Anthology (2 CD) – 1993
Bild 4: Sly & Robbie – Friends – 1998
Bild 5: Yami Bolo – Freedom And Liberation – 1999
Bild 6: Horace Andy – Livin´ It Up – 2007
Bild 7: Bob Sinclar – Made In Jamaica – 2010
Bild 8: Sly & Robbie – Blackwood Dub - 2012

Tyrone Downie, geboren am 20.05.1956, wurde besonders ab 1974 als Keyboard-Player bei Bob Marley & The Wailers bekannt und hatte einen nicht unwesentlichen Anteil an der weltweiten Verbreitung des Reggae. Neben den Wailers arbeitete er aber auch mit Artists wie Augustus Pablo, Burning Spear. Peter Tosh, Bunny Wailer, Israel Vibration, Culture, Lee Perry, The Heptones, Pablo Moses, The Abyssinians und vielen anderen erfolgreichen Reggae Artists zusammen. Neben seiner Mitwirkung als Musiker am Keyboard, Synthesizer, Piano und anderen arbeitete und arbeitet er aber auch als Komponist und Produzent. Gegenwärtig lebt Tyrone Downie in Frankreich und ist Mitglied der Tourband von Youssou N´Dour, wo er auch als Produzent mitwirkt. Einen Einblick in Tyrone Downies musikalisches Schaffen bekommt man hier.

The Abyssinians - Satta Massagana Peter Tosh - Legalize It Bob Marley & The Wailers - Babylon By Bus Burning Spear - Hail H.I.M.
Tiken Jah - Coup De Gueule Israel Vibration - Stamina Alpha Blondy - Jah Victory Youssou N´Dour - Dakar-Kingston

Bild 1: The Abyssinians – Satta Massagana – 1976
Bild 2: Peter Tosh – Legalize It – 1976
Bild 3: Bob Marley & The Wailers – Babylon By Bus – 1978
Bild 4: Burning Spear – Hail H.I.M. – 1980
Bild 5: Tiken Jah Fakoly – Coup De Gueule – 2004
Bild 6: Israel Vibration – Stamina – 2007
Bild 7: Alpha Blondy – Jah Victory – 2007
Bild 8: Youssou N´Dour – Dakar-Kingston – 2010

Youssou N´Dour

Bild 1: Tyrone Downie (in rot) am Keyboard bei Yossou N´Dour – 03.07.2011 - Summerjam

Nun kann sicher jeder nachvollziehen, dass der Konzerttitel „Jamaican Legends“, mehr als zutreffend ist. Aber genug der Vorrede. Begeben wir uns in das Berliner HKW für ein paar Eindrücke des Abends.

Im Umfeld der „Schwangeren Auster“, wie das HKW auch genannt wird, sieht es mit den Parkplätzen heute nicht besonders rosig aus. Die „Straße des 17. Juni“, die sich in der Nähe befindet, ist wieder einmal abgesperrt. Dadurch geht eine Vielzahl an Parkplätzen verloren, was die Suche nicht gerade vereinfacht. Aber wie heißt es doch so schön: „Zeitiges Kommen sichert gute Plätze“. Und das sind wir heute. Da haben wir noch einmal Glück gehabt und können eine der letzten Lücken erobern. Wir haben noch etwas Zeit, um auf der Dachterrasse der Auster etwas Entspannung von der langen Fahrt zu tanken, bevor sich gegen 20:00 Uhr die Türen zum Saal des Auditoriums öffnen.

HKW HKW

Bild 1 + 2: Auf der Dachterrasse des HKW

Heute also mal ganz entspannt ein Reggae-Konzert mit Bestuhlung, mit garantiert freier Sicht auf die Bühne und natürlich noch dazu völlig rauchfrei. Wir sind echt gespannt wie das Ganze ablaufen wird. So richtig 100% Reggae soll es ja gar nicht werden – eher so nach dem Motto „Jazz trifft Reggae“. Langsam füllt sich der Saal und viele bekannte Gesichter der Berliner Künstler- und Veranstalterszene tauchen auf. Zumindest soweit es Reggae betrifft. Was den Jazz-Bereich angeht kann ich leider nicht mit reden.

HKW - Auditorium

HKW - Auditorium

Obwohl natürlich jeder eine Platzkarte hat, gibt es ein paar Bereiche, wo man auch als Sitzplatzverweigerer den anderen nicht die Sicht nimmt. „Ich setze mich doch bei einem Reggae-Konzert nicht hin. Da werde ich ja verrückt.“, meint ein Berliner Drummer zu mir.
Als sich der Saal verdunkelt, begebe ich mich erst einmal in Richtung Bühnenkante. Fotografen sind heute rar gesät. Nur ein kleiner Kreis, der ausdrücklich von Sly & Robbies Management genehmigt werden musste, hat die begehrten Pressekarten bekommen. Aber unabhängig davon, ist wegen der räumlichen Situation verständlich, dass man hier anders agieren muss. Großen Presseauflauf kann man sich hier gar nicht leisten. Die Bühnenoberkante liegt nur wenige Zentimeter über dem Fußboden und nicht weit weg von der ersten Stuhlreihe. Bilder von der Seite zu schießen wird sich schwierig gestalten. Um den Gästen nicht die Sicht zu nehmen, muss man also auf den Knien an der Bühnenkante entlang rutschen. Macht aber nichts, da alles mit Textilbelag ausgelegt ist.
Schließlich werden die Künstler des Abends angekündigt. Als Sly Dunbar die Bildfläche betritt, traue ich meinen Augen nicht und bin mächtig erschrocken. Mit langsamen kurzen Schritten, gestützt auf einen Stock begibt er sich an das Schlagzeug. Was ist nur passiert? Vor drei Jahren beim Summerjam, wo ich ihn zum letzten Mal getroffen habe, war er noch total fit. Sly ist in einen roten Overall gekleidet und hat einen farblich dazu passenden Arbeitschutzhelm auf dem Kopf. Am Schlagzeug angekommen, verschwindet er wie in einem Formel-1-Boliden, und nur die Oberseite des Helms bleibt noch sichtbar. Er hält den Kopf soweit gesenkt, dass man nahezu keine Chance hat, ein Blick auf sein Gesicht zu bekommen. Ernest Ranglin und Robbie Shakespeare sehen im Vergleich zu früheren Jahren aus wie immer. Selbst Basecap und Sonnenbrille scheinen mit Robbie schon verwachsen zu sein. Tyrone Downie kommt im Selassie Shirt auf die Bühne und gibt den Moderator.

Tyrone Downie Ernest Ranglin und Robbie Shakespeare Ernest Ranglin und Sly Dunbar Robbie Shakespeare Ernest Ranglin Ernest ranglin und Sly & Robbie Ernest Ranglin Ernest Ranglin und Sly Dunbar

Er sagt den ersten Titel an, den die Vier Jackie Mittoo zu Ehren spielen. Jackie Mittoo ist leider schon am 16.12.1990, im Alter von 42 Jahren, verstorben. Wie Tyrone war er ebenfalls Keyboarder und Gründungsmitglied der Skatalites. Ein völlig anderer Sound erfüllt das Auditorium, als man bisher von den jeweiligen Stücken gewohnt ist. Tyrone Downie hat eine Tastenwerkstatt um sich aufgebaut und kann vom Keyboard über Synthesizer, PC bis zum Piano variieren. Dementsprechend wechselt auch der Sound. Mal jazzig, dann wieder mehr in Richtung Reggae bis hin zu klassischen Tönen. Die Mehrheit der Stücke sind alt bekannte Reggae-Klassiker, nur in überwiegend instrumental gehaltenen Versionen, leicht vom Jazz angehaucht, aber nicht dominierend. Sly & Robbie liefern dabei die tragenden Säulen des Reggae, wie es schon immer die Aufgabe von Drum und Bass war. Ernest Ranglin mal sitzend und mal stehend, entlockt seiner Gitarre sein alt bekanntes Spiel und verleiht den Reggae-Klassikern ein völlig neues Gesicht. Die Vier zaubern ein wunderschönes Klanggebilde, wie ich es in dieser Form noch nicht gehört habe. Reggae trifft Jazz und klopft an die heiligen Hallen der klassischen Musik an. So in etwa könnte man die Show umschreiben.

Tyrone Downie

Ernest Ranglin Ernest Ranglin Tyrone Downie Jamaican Legends Jamaican Legends

Jamaican Legends

Dazwischen gesteht Tyrone Downie, dass er heute zum ersten Mal gemeinsam mit Ernest Ranglin auf der Bühne steht und wirft sich in seine Richtung zu Boden, um ihm so seine Ehrerbietung zu bezeugen. Eigentlich erstaunlich, dass sich zwei solch große Musiker nicht schon eher auf der Bühne begegnet sind, zumal sie beide von einer nicht allzu großen Insel kommen.

Jamaican Legends

Jamaican Legends

Jamaican Legends

„Satta Massagana“, „Lively Up Yourself“, „No No No“ oder „Shine Eye Gal“, um nur einige zu nennen, sind die Glanzlichter des Abends.



Live Mitschnitte: Satta Massagana und Lively Up Yourself

Dazwischen immer wieder lang anhaltender Beifall und Jubel von den Rängen. Als „No No No“ beginnt und Robbie die Rolle von Dawn Penn übernimmt, ist kein Halten mehr im Saal. Die Sitzordnung beginnt sich aufzulösen und zwischen den Rängen bewegen sich die ersten Tänzer. Es ist halt doch nicht so einfach bei den rhythmischen Klängen ruhig sitzen zu bleiben.



Live Video: No No No

Black Uhuru´s fantastisches „Shine Eye Gal“ ist leider das Abschlussstück. Wenn jetzt noch Michael Rose als Überraschungsgast auftreten würde, ich glaub´ ich würde durchdrehen. Die Vier „Jamaican Legends“ verlassen unter tosendem Beifall die Bühne. Jetzt erscheint auch Sly endlich mal in voller Ansicht und winkt dem Publikum zu. Eine kurze Pause folgt, bevor es in eine sehr kurze Zugabe geht. Sieht und hört sich fast so an, als wäre die gar nicht geplant gewesen. Der Höhepunkt der Show war eindeutig davor.
Als sich das Auditorium schon langsam leert, ist Sly Dunbar der einzige Artist der auf das Publikum zugeht und ein Bad in der Menge nimmt. Autogrammstunde, Fotosession und Begrüßung alter Bekannter ist angesagt. Seinen Fans zu Liebe steht Sly geduldig mit einem Lächeln im Gesicht, so lange zur Verfügung, bis auch der letzte sein Autogramm oder sein Foto in der Tasche hat. Erst als kein Fan mehr weit und breit mit Wünschen in Sicht ist, dreht sich Sly um und verlässt langsam den Saal.

Sly Dunbar Sly Dunbar Sly Dunbar Sly Dunbar

Joseph Blue Grant alias Still Cool, hat sich auch nicht nehmen lassen, Sly zu begrüßen.

Sly Dunbar und Still Cool Sly Dunbar

Bild 1: Sly Dunbar mit  Joseph Blue Grant und dessen Partnerin

Reggaestory.de: Hallo Joseph wie hat dir die Mischung aus Jazz und Reggae gefallen?
Still Cool: Ich finde es sehr interessant und es zeigt die Großartigkeit der Reggae-Musik, dass sie nicht nur eine Hinterhofmusik ist, wie sie einige gerne klassifizieren möchten. Ich bin sehr stolz auf diese Musik, es ist die Musik die alle Völker der Erde erreicht, unabhängig ihrer Rasse und Sprache. Deshalb weiß ich, dass Babylon nichts tun kann um die Reggae-Musik aufzuhalten.
Reggaestory.de: Ich nehme an, du und Sly ihr kennt euch persönlich? Nach der freudigen Begrüßung sieht es zumindest so aus für mich. Habt ihr schon einmal zusammen gespielt?
Still Cool: Wir kennen uns schon seit sehr langer Zeit, als wir in den 70er Jahren unsere Musikkarriere aufbauten. In jener Zeit war er einer der besten Schlagzeuger, einer den ich sehr bewunderte. Wir haben niemals irgendwelche Projekte zusammen gemacht, weil ich mit Albert Johnson (Ilawi), ein anderer großartiger Schlagzeuger der Advotes Steel Band und in den Studios, zusammen arbeitete. Er und Sly waren meine Helden in jener Zeit und auch in diesem Augenblick, großartige Schlagzeuger von denen viele junge Schlagzeuger viele Fähigkeiten lernen könnten.
Reggaestory.de: Gibt es bei dir ein neues Projekt? Was machst du zur Zeit?
Still Cool: Ich bereite gerade ein neues Album vor. Viele Stücke sind fertig geschrieben und komponiert, aber die Auswahl ist riesig. Ich bin gegenwärtig im Auswahlprozess welche Titel nicht so gut sind, um auf das Album zu kommen. Aber bald wird es fertig sein und du wirst einer der Ersten sein, der es hören wird.
Reggaestory.de: Hast du schon einen Namen und ein Cover für das neue Album?
Still Cool: Nein dafür ist es zu früh. Zuerst muss die Musikproduktion abgeschlossen sein.

Auch Rainer Bratfisch, Verfasser des Reggae-Lexikons und Kenner der Jazz-Szene seit vielen Jahren, ist unter den Besuchern.
Reggaestory.de: Hallo Rainer, du hattest ja den besten Platz vom gesamten Auditorium, erste Reihe und genau in der Mitte. Danke noch einmal dafür, dass ich deinen Platz eine Zeit lang als Rückzugsposition beim fotografieren nutzen durfte.
Rainer Bratfisch: Keine Ursache. Ja ich war auch der erste Kartenkäufer, der vorab übers Internet bestellt hat.
Reggaestory.de: Deine Meinung als Jazz-Kenner und Reggae-Fan, ist für mich besonders interessant. Wie lautet dein Statement für den heutigen Abend?
Rainer Bratfisch: Dass Mento, Ska, Reggae und Dancehall aus Jamaica kommen, weiß jeder. Aber Jazz? Dabei waren doch Jazz und Rhythm & Blues in den 1950er Jahren Geburtshelfer des Ska, aus dem später der Reggae resultierte. Diese Tradition ist heute in Jamaica nahezu vergessen. Auf der Bühne des Jamaica Jazz & Blues Festivals sind die Reggae-Größen präsent, auch Céline Dion und die reanimierten Temptations. Aber Jazz? Fehlanzeige. Das kleine oder große Geld wird in Jamaica mit dem Reggae verdient, Jazz kommt nur am Rande vor. Wenn da nicht der Pianist Monty Alexander wäre – seit Jahrzehnten Aushängeschild des Jazz in Jamaica. Schade, dass er nicht kommen konnte. Aber auch Tyrone Downie war das Wiederhören wert. Sly & Robbie zu loben, hieße, Ackee nach Jamaica zu exportieren. Bleibt Ernest Ranglin – für mich DER STAR des Abends. Mit seinen 80 Jahren zeigt er den jungen echten oder vermeintlichen Gitarren-Heroes noch immer, wo’s langgeht – locker, stilsicher, spielwitzig, cool, nonchalant, unaufdringlich, in jeder Sekunde innovativ. Jazz? Reggae? In seinem Gitarrenspiel werden die Unterschiede unwichtig. Er spielt das, was er seit Jahrzehnten spielt. Quality never goes out of style.
Reggaestory.de: Du hast einmal erzählt, dass du an einem neuen Buch über Jazz arbeitest. Wie ist dort der Stand?
Rainer Bratfisch: Das Buch heißt „Berlin Jazz – Stile, Szenen, Stars“ und wird im Oktober diesen Jahres in den Handel kommen.
Reggaestory.de: Dann wünsche ich dir jetzt schon viel Erfolg damit.

Rainer Bratfisch - Freie Töne Rainer Bratfisch - Berlin Jazz

Bild 1: Buchcover – Freie Töne – Die Jazzszene in der DDR – Rainer Bratfisch - 2005
Bild 2: Buchcover - Berlin Jazz – Stile, Szenen, Stars – Rainer Bratfisch - 2012 

Wir begeben uns jetzt in Richtung Backstage, um noch ein paar Fragen an die Künstler des Abends los zu werden und vielleicht noch das eine oder andere Bild in ungezwungener Umgebung zu schießen. Robbie sitzt im Außenbereich und befindet sich in angeregter Unterhaltung mit einer Ansammlung afrikanisch stämmiger Damen. Lange wird es nicht mehr dauern, denn Wind kommt auf und Blitze zucken durch die Nacht. Wir haben Glück und können kurz vor Ausbruch des großen Regens mit Robbie Shakespeare ein paar Worte wechseln und die Autogrammsammlung erweitern.

Robbie Shakespeare

Robbie Shakespeare Robbie Shakespeare

Ernest, Sly und Tyrone haben es sich drinnen gemütlich gemacht und essen erst einmal Abendbrot. Wir warten. Nach einer knappen Stunde ist es dann schließlich so weit. Wir dürfen hereinkommen und stellen uns noch einmal vor.

Reggaestory.de: Euer Project „Jamaican Legends“ ist eine großartige Idee. Große Reggae Klassiker im neuen Gewand. Reggae und Jazz in einem. Das war ein großes Erlebnis für uns. Habt ihr Zeit für ein paar Fragen?
Sly Dunbar: Sicher, es ist immer eine Freude mit Journalisten und Reportern zu sprechen.

Tyrone übernimmt gleich die Rolle des Regisseurs und gibt seine Anweisungen. „Erst Ernest, dann Sly & Robbie und zuletzt ich!“, so die Ansage. Offenbar ganz nach Rang und Namen oder Alter.
Ernest sieht erholt aus. Keine Spur vom vorangegangenen Konzert. Für ihn könnte es offenbar gleich weiter gehen.

Reggaestory.de: Vor ein paar Tagen hast du deinen 80. Geburtstag gefeiert. Ich wünsche dir noch nachträglich alles Gute! Wie fühlst du dich?
Ernest Ranglin: Sehr gut, mit diesen drei Gentlemen zu spielen ist eine Freude, wir haben eine Menge Spaß.
Reggaestory.de: Die meisten Leute sehen dich als Jazz Musiker. Aber du spielst auch Ska, Rocksteady und Reggae. Wie siehst du dich selbst?
Ernest Ranglin: Ich sehe mich in erster Linie als Musiker. Der Name der Musik ist Musik, es spielt keine Rolle ob es Ska, Reggae oder Jazz ist, es ist nur Musik.
Reggaestory.de: Im Januar fand in Kingston, Montego Bay und Trelawny das „Jamaica Jazz & Blues Festival“ statt. Aber die meisten Künstler waren Reggae Artists. Kein Jazz, kein Blues und kein Ernest Ranglin. Warst du jemals dort? Und warum gibt es dort keinen Jazz und Blues? Das ist ein wenig irreführend.
Ernest Ranglin: Ich weiß es nicht, die Frage müsstest du den Promotern stellen.
Reggaestory.de: Jamaica ist für mich ein Reggae-Land. Welchen Stellenwert hat der Jazz heute in Jamaica?
Ernest Ranglin: Es gibt eine überraschende Resonanz. Die Leute in Jamaica lieben gute Musik, und dort gibt es gute Jazz Musiker.

Ernest Ranglin Ernest Ranglin

Sly hat sein strahlendes Gesicht verloren, wie er es noch unmittelbar nach der Show gezeigt hat. Er macht einen nachdenklichen und müden Eindruck. Den Arbeitsschutzhelm hat er nun abgesetzt und gegen eine bequemere Kopfbedeckung ausgetauscht.

Reggaestory.de: Was ist das Geheimnis der erfolgreichen und beständigen Zusammenarbeit von Sly & Robbie?
Sly & Robbie: Die Liebe zur Musik und harte Arbeit, wir kreieren noch täglich einen neuen Riddim. Vielleicht werden einige von ihnen ein Hit, oder auch nicht. Aber wenn du nicht daran arbeitest, wird gar nichts geschehen. Und außerdem respektieren wir einander. Die Chemie ist einzigartig zwischen uns. Sly & Robbie sind größer als Sly oder Robbie, verstehst du?
Reggaestory.de: Sinéad O`Connor´s Album “Throw Down Your Arms” wurde produziert von Sly & Robbie. Für mich ist es eines der großartigsten Roots-Reggae Alben des letzten Jahrzehnts. Aber Sinéad O`Connor ist eigentlich gar kein Reggae Artist. Wessen Idee war das, eure oder Sinéad´s? Können wir auf eine Fortsetzung hoffen, auf ein neues Reggae Album mit Sinéad?
Sly & Robbie: Wir sind jederzeit bereit. Es war großartig das Album mit ihr zu machen und das Touren war sehr angenehm.
Reggaestory.de: Ihr arbeitet mit vielen Künstlern in allen möglichen Musikrichtungen zusammen und nicht nur im Reggae. Welches Angebot oder welchen Auftrag würdet ihr niemals annehmen?
Sly & Robbie: Wir halten uns fern von schlechten Sachen für die wir kein gutes Gefühl haben. Es geht dabei immer ums Gefühl, Emotionen, Dinge die vom Herzen kommen, verstehst du? Tatsächlich lehnen wir eine Menge von Projekten ab, wenn wir nicht das Gefühl haben, dazu etwas beitragen zu können. Einige Projekte sind auch ohne uns gut genug, und es ist nicht notwendig Sly & Robbie zu engagieren, nur der Sache wegen, verstehst du? Wir pushen nicht irgendetwas oder irgendjemand. Wir mögen positive Vibes, mit Leuten die wir als Mensch mögen, wie Bitty Mc Lean, Cherine oder Bob Dylan. Die ganzen Jahre lang hatten wir Glück gehabt oder waren gesegnet, ganz wie du magst …

Sly Dunbar

Sinead - Sly Sinead - Robbie

Bild 2 + 3: Albumcover - Sinéad O`Connor - “Throw Down Your Arms” - 2005

Tyrone Downie sitzt am Laptop und sieht sich irgendwelche Konzertmitschnitte an. Gerade will er sich eine Zigarette anzünden und wird vom Sicherheitsdienst ermahnt, dies bitte draußen zu tun. Also gehen wir gemeinsam in den Außenbereich. Den Genuss seiner Zigarette möchte er nicht hinausschieben.

Reggaestory.de: Du hast erzählt, dass du das erste Mal mit Ernest Ranglin zusammen gespielt hast. Geplant war ja Monty Alexander für dieses Projekt. Wie ist es möglich in so kurzer Zeit den Teil von Monty Alexander einzuüben, oder ist das Programm etwas umgestellt worden?
Tyrone Downie: Wir sind Profis, aber gleichzeitig bringe ich meine eigenen Dinge in das Gesamtpaket ein, und offensichtlich ist mein Style nicht Monty´s Style. Es ist ein anderer Ansatz zum Konzept. Aber ausgehend von der Reaktion der Massen, mögen sie das, und das ist es was zählt.
Reggaestory.de: Was ist deine beste oder schönste Erinnerung an deine Zeiten mit Bob Marley & The Wailers?
Tyrone Downie: Die ganze Sache war prima.
Reggaestory.de: Was hast du gegenwärtig noch für Projekte neben dieser Tour „Jamaican Legends“?
Tyrone Downie: Mein Freund Guillaume Bougard, der das Projekt „Jamaican Legends“ in Ergänzung seiner Arbeit mit Bitty Mc Lean und Sly & Robbie zusammengestellt hat, drängt mich seit vielen Jahren ein Soloalbum aufzunehmen. Und jetzt habe ich eines, welches ich gerade fertig stelle. Ich möchte gerne noch Sly & Robbie´s „Magic Touch“ hinzufügen. Tatsächlich hatte ich schon vor vielen Jahren ein Album mit Sly & Robbie aufgenommen, aber die Record Company muss wohl die Bänder verloren haben, wie sie niemals das Album herausgebracht haben. Zu schlecht für sie, das war sehr schlimm. Wir benutzten das Studio von Compass Point, zwischen Projekten mit Grace oder Joe Cocker. Das war eine Menge Spaß.

Tyrone Downie

Tyrone Downie Tyrone Downie

Reggaestory.de: Vielen Dank für die Zeit die ihr euch für uns genommen habt. Wir wünschen euch allen eine schöne und erfolgreiche Tour, alles Gute für die Zukunft und für uns natürlich weiterhin großartige Musik von euch!

Trotz langer Wartezeit und Backstagetermin sind wir heute früher dran als sonst und können ganz entspannt und munter den Heimweg antreten. Es ist noch nicht einmal Mitternacht. Das ist einer der Vorteile an den Konzerten im HKW.

Copyright: Text und Fotos by Reggaestory

Mein besonderer Dank geht an das Team vom HKW, Guillaume Bougard und Mark Van Bergh vom Management, und natürlich an die Artists des Abends.

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